Es regnet. Sanft, aber unerbittlich. Ein schottischer Dauerregen. Er legt sich wie ein Schleier über Mäntel und Mützen, er tropft von Hutkrempen und läuft in Rinnsalen an den Anoraks und Wachsjacken etlicher Hundert Männer und Frauen hinab, die vom Rande eines riesigen Feldes aus einen Hund beobachten, der mit wolfsähnlichen Bewegungen tief geduckt eine Herde Schafe umkreist. Ein Mann steht vor einer auf drei Sattelzügen errichteten Tribüne und entlockt einem zwischen seine Lippen geschobenen Metallpfeifchen schrille, durchdringende Töne.

Wenn ein Freund mir nicht Max geschenkt hätte, wäre ich vermutlich nie auf die Idee gekommen, diese Veranstaltung zu besuchen. Dabei gehört sie zum traditionellen britischen Leben wie Nachmittagstee und Kricket. Besonders im schottischen Hochland, in dem ich seit über drei Jahrzehnten lebe.

Max ist ein Collie, ein schottischer Schäferhund. Wir trainieren jeden Abend auf einer Weide mit denselben, Normalmenschen unverständlichen Ausdrücken das Ritual, das an diesem Regentag auf der Fearn Farm bei Tain an der schottischen Ostküste zelebriert wird. Wenn ich come by rufe, rennt er nach links, auf das Kommando go away beschreibt er einen Kreis nach rechts. Wenn ich ihn zu mir rufe, lautet das Kommando nicht »komm«, sondern that’ll do , »das genügt!«.

Wir sind Anfänger. Max ist zu Hause geblieben, ich bin zum Träumen hier. Werden wir es auch einmal zur Meisterschaft bringen? Nein, nicht bei den International Sheepdog Trials , das wäre vermessen. Aber vielleicht in der Anfängerklasse unseres Bezirkswettbewerbs auf der Inverbroom Farm? Oder bei den Trials in Altguish auf einer Bergweide neben einem einsamen Gasthof in der menschenleeren Mitte des Hochlandes, wo sogar manche Profis ihre Hunde antreten lassen?

Auf der Fearn Farm sind die Meister des Fachs zusammengekommen. »International« bezeichnet in diesem Zusammenhang zwar nur England, Irland, Wales und Schottland. Aber in der Colliewelt herrschen noch die Gesetze des Empires: Der restliche Globus spielt eine untergeordnete Rolle.

Ein Teilnehmer hat einen Hund mitgebracht, der ebenfalls Max heißt. Der ist fast schwarz, hat eine weiße Schwanzspitze und eine weiße Blesse. Mein Max ist kastanienbraun, hat eine weiße Schärpe, ein weißes Bein und eine weiße Blesse quer über die Nase. Seine Augen sind grün. Collies sind die einzige Hunderasse, bei der der Züchterverband keinen Wert auf das Aussehen legt. Manche sind klein und geschmeidig, andere gedrungen und muskulös, wieder andere schlaksig und staksig. Manche spitzohrig, andere schlappohrig. Wichtig ist, was sie zwischen den Ohren haben. Der Verstand.

Der meisterliche Max ist keine drei Jahre alt, ein Teenager unter Routiniers. Er qualifiziert sich dennoch spielend für die am dritten Tag ausgetragene Supreme Championship, das große Finale, bei dem die fünfzehn besten der sechzig Konkurrenten um den Sieg kämpfen. Sein Besitzer ist ein korpulenter, weißhaariger Nordengländer namens Jim Cropper.

Cropper schreitet bedächtig auf das gut einen Kilometer lange und fast ebenso breite Feld. »Come by«, wispert er seinem Hund zu. Der schießt los. Tief am Boden, wie ein Miniaturbolide. Holt in weitem Bogen nach links aus. Driftet ein paarmal zur Mitte ab. Cropper bläst in seine Pfeife. Max schwenkt aus und hält sich wieder nahe der die Wiese einfassenden Feldmauer.

Außer dem Pfeifen herrscht totale Stille. Die Royal Air Force hat den Luftraum abgesperrt, damit nichts die Hunde ablenken kann. In der Ferne, fast schon außer Sichtweite, steht eine Herde Schafe. Max entdeckt sie, aber biegt zu früh in ihre Richtung ab. Cropper pfeift ihn zurück in die richtige Spur. Jetzt, immer noch in rasender Geschwindigkeit, umrundet er die Herde und treibt sie auf seinen Herrn zu.