Angesichts der womöglich bedeutendsten physikalischen Entdeckung des Jahrhunderts ist der typische Reflex des Wissenschaftlers: Skepsis . "Je größer eine Neuigkeit, umso weniger kann man sie glauben", sagt Heinrich Päs . Dabei hätte der Physiker der TU Dortmund allen Grund zur Euphorie. Schließlich passt seine eigene Theorie perfekt zu der Nachricht, dass möglicherweise erstmals in der Geschichte der Physik eine Überlichtgeschwindigkeit gemessen wurde.

Am Freitag vergangener Woche haben Physiker am europäischen Kernforschungszentrum Cern die Sensationsmeldung verkündet: Winzige Elementarteilchen, die sogenannten Neutrinos, bewegen sich offenbar schneller, als Einstein erlaubt! Ihm zufolge ist die Lichtgeschwindigkeit das absolute kosmische Tempolimit. Darauf basiert die Relativitätstheorie und mithin unser modernes Verständnis von Raum und Zeit. Die Neutrinos aber scheinen nicht mitzuspielen.

Auf ihrem Weg vom Cern in Genf bis zu einem unterirdischen Labor im Gran-Sasso-Massiv in den italienischen Abruzzen erwiesen sich die winzigen Elementarteilchen als Temposünder: Im Opera-Experiment legten sie die rund 730 Kilometer lange Strecke unter den Alpen hindurch in etwa 2,43 Millisekunden zurück; das entspräche einer Geschwindigkeit von 299.798.454 Metern pro Sekunde – 0,002 Prozent schneller als die Lichtgeschwindigkeit !

Nun steht die physikalische Welt Kopf. Schon spekulieren Zeitungen über das Ende der Relativitätstheorie und die Möglichkeit von Zeitreisen. Zieht es unserem gewohnten Weltbild den Boden unter den Füßen weg?

Heinrich Päs sieht die Sache eher gelassen. Zwar hat der Theoretiker schon vor zwei Jahren postuliert, dass Neutrinos unter bestimmten Bedingungen schneller als Licht erscheinen könnten. Doch aus verschiedenen Gründen hält er die jetzige Aufregung vor allem für ein mediales Phänomen. "Zunächst muss dieses Ergebnis von einer anderen Gruppe bestätigt werden, bevor man es für gesichert halten darf", sagt Päs. Auch er weiß, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass diese "Revolution" genauso endet wie all die anderen Umsturzversuche, die es in den vergangenen Jahren in der Physik gegeben hat: Sie erledigten sich über kurz oder lang von selbst.

Wer etwa erinnert sich noch an den Rummel um die neue, "fünfte" Grundkraft der Physik, die im April dieses Jahres angeblich am Teilchenbeschleuniger Tevatron nahe Chicago entdeckt wurde? Schon im Juni kam die Ernüchterung: Die Ergebnisse aus Chicago waren nicht haltbar, die Physiker hatten offenbar subtile Fluktuationsprozesse bei ihren hochsensiblen Experimenten übersehen. Ähnlich erging es in den neunziger Jahren dem Kölner Physiker Günter Nimtz, der mit der Behauptung Aufsehen erregte, er könne eine Mozart-Sinfonie schneller als Licht übertragen – auch das erwies sich bei näherem Hinsehen als Artefakt seiner Versuchsanordnung.