Eine neue Parole geht um im politischen Berlin: Der Nationalstaat sei, so heißt es, überholt, er könne sich in einer globalisierten Welt gegen große Mächte wie die USA oder China nicht mehr behaupten. In dieser Form ist die Aussage jedoch sinnlos, denn die USA sind auch ein Nationalstaat, sogar China ist es.

Gemeint ist wohl etwas anderes. Es geht nicht um die Staatsform, es geht um die Staatsgröße. Sinnvollerweise müsste der Satz also lauten: In der Globalisierung sind Nationalstaaten europäischer Größenordnung nicht mehr überlebensfähig, nicht mal Deutschland oder Frankreich, ganz zu schweigen von all den kleineren Staaten.

Diese Behauptung, die gern als absolute historische Gewissheit daherkommt, enthält dermaßen viele Implikationen, dass man sich hier nicht mit allen näher beschäftigen kann. So würde man natürlich gern wissen, wie es denn bislang die Luxemburger, Portugiesen oder Slowaken auf dieser Welt ausgehalten haben, in der sie sich gegenüber Ländern behaupten mussten, die aus ihrer Sicht relative Chinas oder Amerikas waren, also etwa Deutschland oder Frankreich.

Zudem fragt sich, was nach der Theorie vom unausweichlichen Untergang des Nationalstaats mittlerer Größe künftig aus Ländern wie Südafrika, Argentinien oder Japan werden soll. Sind die dann auch alle überholt? Hat man ihnen das schon mitgeteilt? Nicht, dass sie ihren eigenen Untergang verpassen!

Die USA leiden schon an ihrer Größe – und China bald auch an seiner

Für die aktuelle Debatte über die künftige Gestalt Europas ist eine andere Implikation wichtiger. Die Anachronismusthese enthält nämlich eine Annahme über die ideale Größe einer staatlichen Einheit in der globalisierten Welt. Danach sollte ein Staat, der etwas auf sich hält und international ernst genommen werden will, eine Größe und einen nationalstaatlichen Integrationsgrad haben wie mindestens die USA.

Aber ist das so? Können wir heute wirklich wissen, ob eine vollintegrierte Nation wie die USA mit ihren 315 Millionen Einwohnern zukunftstüchtiger ist als das etwas flusige Staatengebilde EU mit seinen 500 Millionen? In diesen Jahren erlebt die ganze Welt, wie die Amerikaner zwischen ihrem globalen Machtanspruch und ihren immensen inneren Problemen geradezu zerrissen werden. Auch das politische System zeigt immer öfter Zeichen von Dysfunktionalität, seit der Wohlstand nicht mehr quasi automatisch wächst. Und der Anteil der Schulden am Bruttosozialprodukt ist in den USA genauso groß wie in der EU, obwohl es dort, anders als hier, schon eine Wirtschaftsregierung gibt und einen Bundeshaushalt. Nicht zuletzt hat sich das Land seit einiger Zeit politisch gespalten in zwei verfeindete Lager, um nicht zu sagen, zwei USAen.

Erkennbar leiden die USA im Moment an ihrer Größe. Und an ihrem Nationalstaat, den weite Teile der Bevölkerung ablehnen und den zumindest die Republikaner aushungern wollen.