Zehn Jahre Afghanistankrieg – das ist ein unangenehmes, peinliches Datum. Der Westen empfindet diesen Krieg als immer schwerer erträgliche Last; er hat ihn lange zu verdrängen versucht, und nachdem das nicht gelungen ist, will er ihn jetzt loswerden. Ende 2014 soll die Zuständigkeit für die Sicherheit des Landes an die Afghanen übergegangen sein.

Das Gedenken an den Kriegsbeginn am 7. Oktober 2001 jedoch blockiert die geistigen Fluchtversuche. Es zwingt zur Erinnerung an die Gründe der Intervention, von denen viele nichts mehr wissen wollen. Es zwingt zur Auseinandersetzung mit der Ignoranz, die unser Verhältnis zu dem Land auf mehr als eine Weise prägt. Und es zwingt dazu, der Gefahr von Verantwortungslosigkeit und Verrat ins Auge zu sehen, vor der die Afghanistanpolitik jetzt steht.

Der Krieg sieht (heute) wie ein Fehler aus, war (damals) aber keiner

Zunehmend bildet sich eine Geschichtsinterpretation heraus, die etwa so lautet: Die Amerikaner hätten nach dem 11. September 2001 zu Osama bin Laden lieber die Polizei schicken sollen. Als sie dann aus verletztem Stolz doch ins Feld zogen, wären die Deutschen und die anderen Nato-Partner besser zu Hause geblieben. Hat die US-Regierung damals nicht selbst signalisiert, dass sie auf Verbündete im Grunde keinen Wert legte?

In Wirklichkeit hätten weder die Amerikaner den Krieg einfach vermeiden noch die Europäer sich heraushalten können. Die Taliban hatten dem Terror einen Staat zur Verfügung gestellt; den musste man ihnen wegnehmen, und das ging nur militärisch. Und sich zu beteiligen - das war keine Wichtigtuerei, sondern klares politisches Interesse. Kein vernünftiger Mensch konnte wollen, dass die verwundete Supermacht sich in einsamer Wut auf der Weltbühne austobte. Der Afghanistankrieg ist vielleicht (durch die Art, wie er geführt wurde), falsch geworden. Aber von Anfang an falsch gewesen ist er nicht.

Die unsichtbaren Afghanen

Nie seit dem Vietnamkrieg hat sich der Westen so tief und langfristig in ein fernes, unverstandenes Land eingemischt wie in Afghanistan – und sich letztlich nicht wirklich für dieses Land und seine Menschen interessiert. Das Desinteresse kann sich in militärisch-strategischer Kälte zeigen, wenn Afghanistan nur als Operationsgebiet im Antiterrorkampf wahrgenommen wird, als Kriegsschauplatz, dessen Bewohner bloß taktischen Respekt verdienen: weil zu viele zivile Opfer die einheimische Bevölkerung ins Lager der Feinde treiben. Es gibt aber noch eine andere Art Ignoranz, eine pazifistische Totalverdammung, die sich um die konkreten Menschen und ihr Schicksal kaum mehr schert. Ihre Losung hat Margot Käßmann geprägt mit dem berühmten "Nichts ist gut in Afghanistan".

Dieser mechanische Pessimismus ist blind für das wirkliche Afghanistan, das mehr als ein ewiger Problemfall ist. Es ist ein Land, in dem es mitnichten nur Krieger gibt, sondern ebenso Krankenschwestern und sogar Soziologieprofessoren. Normalität und Fortschritt sind brüchig, bedroht, aber sie sind real, und viel davon verdankt sich der Intervention und ihren Folgen. Der frühere UN-Gesandte in Kabul, der deutsche Grünen-Abgeordnete Tom Koenigs, hat kürzlich festgestellt, dass die internationale Hilfe in Afghanistan nirgends sonst so effektiv und erfolgreich ist wie im Bildungswesen. Nicht Rückzug, sondern Aufstockung wäre hier nötig, gerade durch ein Land wie die Bundesrepublik, das sich mit seinem militärischen Einsatz unwohl fühlt. Doch das alles wird erschlagen vom Klischee einer Stein- und Gewaltwüste, die keine Mühe und kein Opfer lohnt. Krieg in Exotistan.

Wollen wir sie verraten?

Die übertrieben ehrgeizigen Ziele, mit denen die Intervention zeitweise für eine skeptische Öffentlichkeit begründet wurde, sind längst kassiert. Von der Befreiung der Frauen, von Demokratie und Menschenrechten ist nicht mehr viel die Rede. Heute droht das Gegenteil: dass die Ziele zu niedrig gesteckt werden oder dass es gar keine mehr gibt; dass die Afghanistan-Strategie zu einem bloßen Nebenprodukt der amerikanischen und europäischen Innenpolitik wird. In unheimlicher Klarheit war das zu sehen, als im vergangenen Monat stundenlange Feuergefechte im Botschaftsviertel von Kabul tobten. Ein gespenstisches Szenario – aber nach offizieller Lesart nur ein Verzweiflungsakt, der die Schwäche der Terroristen zeigte. Die Westmächte könnten ihren Rückzug nicht rechtfertigen, wenn die Sicherheitslage prekär wäre; also muss die Sicherheitslage gut sein.

Diese Verantwortungslosigkeit ist die Gefahr der Rückzugspolitik. Afghanistan wurde schon einmal verraten: nach 1989, als das Land nach dem Ende der sowjetischen Besatzung aus dem internationalen Bewusstsein verschwand, im Stich gelassen wurde und schließlich den Taliban zum Opfer fiel.