Wann hat es das in den USA zuletzt gegeben? Seit drei Wochen demonstrieren New Yorker Bürger gegen die Macht der Hedgefonds und Spekulanten, es sind vor allem junge Leute, die aussehen, als seien sie direkt aus dem Herzen der postmodernen Coolness, aus den Szene-Cafés und Retro-Clubs, auf die Straße gestolpert. Doch erstaunlich an diesem Aufruhr ist nicht, dass es ihn gibt, sondern dass er erst jetzt ausbricht. Denn seit Langem ist der American Dream ausgeträumt; die USA haben die höchste Armutsquote aller industrialisierten Länder, fast jeder sechste Amerikaner – und das sind 46 Millionen Bürger – lebt unterhalb der Armutsgrenze, jeder siebte bezieht Lebensmittelmarken. Die einen stochern im Müll, die anderen bekommen neunstellige Abfindungen, sobald sie ihre Firma in den Sand gesetzt haben.

Verblüffend ist aber auch: Nicht Philosophen oder Sozialwissenschaftler sind die Mentoren der neuen Protestbewegung, sondern Ökonomen – also jene Zunft, die von den Achtundsechzigern zuverlässig als »Lakaien des Kapitals« ausgepfiffen wurde. Paul Krugman zählt ebenso zu den Zitierzeugen der Anti-Wall-Street-Bewegung wie Simon Johnson, der ehemalige Chefökonom des Internationalen Währungsfonds. Johnson nimmt kein Blatt vor den Mund. Für ihn ist die Finanzoligarchie die wahre Macht im Staate, und deshalb müsse man den »Einfluss der Wall Street brechen«. Die Demonstranten sagen es kaum anders: »Occupy the Wall Street!«

Der Held der Bewegung aber ist der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz. Am Sonntag rechnete der berühmte Ökonom den Demonstranten vor, dass das obere eine Prozent der Bevölkerung vierzig Prozent des Gesamtvermögens besitzt. »Amerika betreibt Ungleichheit auf Weltklasseniveau.« Doch Geldmacht ist zugleich politische Macht. »Fast alle Entscheidungsträger für Handels- und Wirtschaftspolitik stammen aus dem oberen einen Prozent.« Nun darf sich Stiglitz durch die Proteste bestätigt fühlen. Vor Kurzem noch hatte er sich in Vanity Fair gefragt, warum der rebellische Funke nicht längst vom arabischen Raum auf sein Land übergesprungen sei.

Und doch steckt auch eine abgründige historische Ernüchterung in dem Umstand, dass Wirtschaftswissenschaftler in die Rolle des Linksintellektuellen schlüpfen. Damals, in den sechziger Jahren, träumten die Vordenker der Studentenrevolte vom postmateriellen Glück, vom »Ende der überflüssigen Entsagungen« (Herbert Marcuse) und vom Jenseits der Marktlogik. Die Revolutionäre wollten das »ganz Andere« und am besten gleich ein neues System. Heute dagegen ist die Hoffnung klein und bescheiden geworden. Die couragierten New Yorker Demonstranten fordern »mehr Gerechtigkeit«, einige wollen Steuererhöhungen rückgängig machen, andere sind gut gelaunt ratlos. Ein Programm ist noch nicht in Sicht. Das utopische Verlangen beschränkt sich auf die Forderung, die kapitalistischen Exzesse müssten endlich aufhören und alle Bürger genug zu essen haben. Armes reiches Amerika.