Wenn uns je ein politisches Jahr das Wundern lehrte, dann war es wohl das zurückliegende: Ein revolutionärer Sturm fegt durch die arabischen Diktaturen , eine deutsche Atomkanzlerin leitet die Kehrtwende in der Energiepolitik ein, politische Hoffnungsträger verwandeln sich in atemberaubendem Tempo in ihr Gegenteil, und der Zerfall der Euro-Zone wird zum Spekulationsobjekt von Anlageberatern. Hätte man vor Jahresfrist solche Ereignisse prophezeit, jeder vernünftige Mensch hätte einen für verrückt erklärt. Dann zeigte sich: Nichts ändert sich schneller als die Realität, was gestern noch undenkbar schien, ist heute selbstverständlich. Unter solchen Umständen scheint »realistisch sein« vor allem zu heißen: jederzeit damit rechnen, sein blaues Wunder zu erleben.

Das menschliche Gehirn allerdings ist ein Gewohnheitstier. Wir sind inzwischen so sehr darauf trainiert, für alles eine »vernünftige« Erklärung zu finden, dass wir uns das Wundern weitgehend abgewöhnt haben. Und statt den Mut aufzubringen, Unmögliches für denkbar zu halten (und dafür unser Möglichstes zu tun), richten wir uns im selbst geschaffenen Käfig einer angeblich »alternativlosen« Rationalität ein – die dann eben auch alternativlos bleibt.

Da kommt die Ausstellung WUNDER in den Hamburger Deichtorhallen gerade zur rechten Zeit. Nicht nur, weil sie den Begriff des Unerklärlichen ins Blickfeld rückt, sondern auch, weil sie uns für die unendliche Vielfalt möglicher Wirklichkeiten sensibilisiert. Denn die Realität hängt stets von unserer Betrachtungsweise ab.

Da wären zum Beispiel die Gipsabdrücke von »Geisterhänden«, die vor hundert Jahren während spiritistischer Sitzungen entstanden: Angeblich hatten die erschienenen Geister ihre Hände in eigens dafür vorbereitete Gipsgefäße gesteckt, worauf Abgüsse davon als Beleg an verschiedene Forscher geschickt wurden. Ein Beweis für das Übernatürliche? Wenn der Besucher hier noch den Kopf über die Gutgläubigkeit der damaligen Zeitgenossen schüttelt, kommt ihm spätestens beim nächsten Exponat die Selbstgewissheit abhanden.

Denn da steht eine Nebelkammer des Deutschen Elektronen-Synchrotrons Desy, die sichtbar macht, wie gerade subatomare Teilchen durch die Deichtorhallen fliegen. Auf den normalen Betrachter wirken die flüchtigen weißen Spuren kaum weniger geisterhaft als die gipsernen Geisterhände. Worauf beruht unsere Gewissheit, dass das eine Humbug, das andere seriöse Wissenschaft ist?

Es gehört zum angenehmen Konzept der Ausstellung in den Deichtorhallen, solche Fragen zwar aufzuwerfen, aber dem Besucher keine schlüssige Antwort abzuverlangen. Jeder darf sich hier nach seiner Fasson wundern – etwa über jene bei eBay versteigerten Batterien, die trotz jahrelanger Nutzung angeblich noch immer voll aufgeladen sind. Oder über die 850 Leserbriefe, die nach einem Telepathie-Experiment mit Uri Geller 1974 bei der Bild- Zeitung eingingen. Sie berichten nicht nur vom Einbruch des Unerklärlichen in bundesdeutsche Wohnzimmer (»Alter Reisewecker, seit über 10 Jahren unbrauchbar, tickt wieder! Zeugen vorhanden. – Der Uri ist unheimlich«), sondern auch vom mühsamen Ringen um Wahrheit (»Die Gabel, die ich in meinen Händen hielt, wurde nach Minuten weich wie Butter. Leider bog mir mein Mann die Gabel wieder gerade, weil er nicht überzeugt war, daß es von alleine geschah«).

Solche Berichte allein danach zu beurteilen, ob sie »wahr« oder »falsch« sind, hieße allerdings, die eigentliche Funktion von wundersamen Ereignissen zu verkennen; dient doch der Verweis darauf letztlich dazu, »Energien anzuziehen und sie auf etwas anderes, Neues zu bündeln«, wie der Kurator Daniel Tyradellis sagt. Für ihn ist daher das Wunder »fast überall da zu finden, wo es um ein Versprechen geht«.