Rose Smith weint. Wie jeden Tag. Manchmal überkommt es sie ganz unerwartet, und sie heult wie ein Schlosshund. Selten verlässt sie ihr Reihenhaus in einer engen Seitenstraße im Südlondoner Stadtteil Greenwich. Sie sitzt an dem Holztisch in ihrem Wohnzimmer und blickt in ihren Hintergarten. Die Sonne wirft ein gelbes Abendlicht durch die Fenster. Und wieder treten ihr die Tränen in die Augen. Sie denkt an vorletztes Jahr, als sie im Dauerstreit mit Billy lag.

Billy, ihr Sohn, war da 21 Jahre alt. Er vernachlässigte seine Arbeit als Kfz-Mechaniker, wurde lethargisch und immer dicker. Morgens kam er nicht aus dem Bett. Seine Freundin, mit der er ein Kind hatte, verließ ihn. Manchmal torkelte Billy wie betrunken durch das Haus. Die Mutter war überzeugt, ihr Sohn würde saufen und Drogen nehmen. Sie keifte ihn an, schimpfte ihn aus. Schließlich setzte sie ihn vor die Tür.

Jetzt ist sie voller Gewissensbisse. Billy war nicht auf die schiefe Bahn geraten, er war todkrank. Sein Hirn wurde von vCJD zerstört, jener Form der Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung, die durch BSE-infiziertes Fleisch auf den Menschen übertragen wird. Billy ist eines der letzten Opfer der BSE-Epidemie. Bovine spongiforme Enzephalopathie, gemeinhin als Rinderwahn bekannt, sei so gut wie ausgerottet, meldete der New Scientist Anfang dieses Jahres. Weltweit gingen 2010 noch 17 Rinder daran ein, sieben davon in Großbritannien, dem Epizentrum der 1986 ausgebrochenen Seuche. Im Januar 1993, auf ihrem Höhepunkt, erkrankten tausend Rinder pro Woche. 188.000 Tiere wurden notgeschlachtet.

Als Ursache spürten Wissenschaftler bald die Beimengung von Fleisch- und Knochenmehl im Kraftfutter auf. Der Rinderwahn wurde ein politisches Fanal, ein Symbol, so glaubten viele, für die Verfehlungen moderner Landwirtschaft und des Neoliberalismus, die es Landwirten erlauben, Pflanzen fressende Kreaturen in Kannibalen zu verwandeln.

Prognosen der zu erwartenden menschlichen Erkrankungen überschlugen sich. Ein Team der Oxford University rechnete mit 136.000 Toten, eine von der EU eingesetzte Kommission errechnete sogar eine mögliche Infektion von einer halben Millionen Menschen. Eine Heilung gibt es nicht. Die Erkrankung verwandelt das Hirn unaufhaltsam in schwammartige Zellklumpen.

Tatsächlich fielen der Seuche bislang 171 Personen zum Opfer. Fünf waren Vegetarier; die Seuche kann auch durch infiziertes Blut und unzureichend sterilisierte chirurgische Instrumente übertragen werden. Die Statistiken zeigen: Die menschliche Form des Rinderwahns geht ihrem Ende entgegen. Seit 2004 verzeichnet die zentrale Erfassungsstelle an der Universität Edinburgh nur einstellige Opferzahlen. Billy Smith war 2010 einer von drei Toten. Dieses Jahr verstarb bislang nur der 27-jährige Nordire Jonathan Simms, dessen experimentelle Behandlung die ZEIT 2003 schilderte .

Rose Smith will nichts von einem Abklingen der Epidemie wissen. Für sie ist sie hier und überall. Vor ihr auf dem Tisch liegen Ausrisse aus dem Daily Mirror mit Kurznachrichten von Schnitzern bei der Sterilisation chirurgischer Instrumente, die 59 Patienten in zwei Krankenhäusern der Gefahr einer Infektion aussetzten, von in einen Metzgerladen gelangtem, möglicherweise kontaminiertem Fleisch und von einem Farmer, der das Alter einer in der BSE-Zeit geborenen Kuh fälschte und sie als nicht infektiöses Rind verkaufte. Für sie Beweise dafür, dass Wissenschaftler und Politiker das wahre Ausmaß der Seuche nach wie vor vertuschen.

Sie denkt an das Jahr 1990. Für ihren zweijährigen Billy und seine acht Jahre ältere Schwester gab es fast täglich Hackfleisch und Stew, jeden Sonntag tischte sie einen Braten auf. Ihr mittlerweile geschiedener Mann, ein Lieferwagenfahrer, war übellaunig, wenn es kein Fleisch gab. Als in den Nachrichten immer mehr von der BSE-Krise die Rede war, bekam sie Angst und gab den Kindern kein Rind mehr.