Wenn die Lichter in der Firma ausgehen, bleiben zwei Spezies zurück : Nachtwächter und Karrieristen. Die Wächter, weil sie müssen. Die Karrieristen, weil sie meinen, sie müssten. Und trifft es nicht zu, dass die deutschen Firmen noch immer vom Anwesenheitswahn regiert werden? Dass als Faulpelz gilt, wer pünktlich geht, aber als Held der Arbeit, wer Nachtschichten einlegt? So mancher Chef verharrt abends wie ein lebendes Mahnmal auf seinem Sessel, Botschaft: Nur mit Überstunden bringt man’s hier zu was !

Dieses Denken zeugt von Naivität. Denn ein Mitarbeiter, der am Schreibtisch sitzt, ist noch lange nicht anwesend. Mit dem Hintern auf dem Sessel, mit den Gedanken am Strand – was ist daran vorbildlich? Viele Büros sind abends vollgestopft mit Ausgelaugten, deren Geist nichts mehr entzündet. Sie machen Überstunden nicht, weil die Arbeit es erfordert, sondern nur, weil sie sich unter Zugzwang fühlen.

Doch ein Vorgesetzter, der Überstunden schiebt, sendet immer auch die Botschaft: »Ich bin überfordert!« Er muss die Nachspielzeit beanspruchen. Das ist nicht nur ein Zeichen für Engagement, sondern auch für Bedrängnis.

Niemand käme auf die Idee, einen Fußballstürmer nach seinen Anwesenheitsstunden auf dem Trainingsplatz zu beurteilen. Man misst ihn am Ergebnis, an den Toren im Spiel. Fortschrittliche Firmen halten es genauso: Sie beurteilen ihre Mitarbeiter nach der Produktivität. Was juckt es, wie lange einer an seinem Schreibtisch saß? Hauptsache, er schultert seine Aufgabe!

Manchmal reicht es schon – frei nach Kishon –, während der Arbeitszeit auch zu arbeiten. Denn im Unterschied zum Fließband, wo die Leistung proportional mit den Arbeitsstunden zunimmt, lässt sie bei geistiger Arbeit überproportional nach – sodass der Überstunden-Fetischist unterm Strich oft nicht mehr, sondern weniger als der Acht-Stunden-Mitarbeiter leistet. Zumal körperliche Abwesenheit, etwa durch frühen Feierabend, geistige Anwesenheit nicht ausschließt – zum Beispiel wenn dem Mitarbeiter beim Joggen eine entscheidende Idee für sein Projekt kommt. Gerade Entspannung ebnet der Kreativität den Weg.

Der klügste Weg, den Firmen und Mitarbeiter gehen können: klare Ziele vereinbaren. Dann lässt sich am Ende messen, was man von der Uhr niemals ablesen kann: wie gut einer arbeitet.