ArbeitszeitDas Zitat... und Ihr Gewinn

Ephraim Kishon sagt: Die Asiaten haben den Weltmarkt mit unlauteren Methoden erobert – sie arbeiten während der Arbeitszeit. von 

Wenn die Lichter in der Firma ausgehen, bleiben zwei Spezies zurück : Nachtwächter und Karrieristen. Die Wächter, weil sie müssen. Die Karrieristen, weil sie meinen, sie müssten. Und trifft es nicht zu, dass die deutschen Firmen noch immer vom Anwesenheitswahn regiert werden? Dass als Faulpelz gilt, wer pünktlich geht, aber als Held der Arbeit, wer Nachtschichten einlegt? So mancher Chef verharrt abends wie ein lebendes Mahnmal auf seinem Sessel, Botschaft: Nur mit Überstunden bringt man’s hier zu was !

Dieses Denken zeugt von Naivität. Denn ein Mitarbeiter, der am Schreibtisch sitzt, ist noch lange nicht anwesend. Mit dem Hintern auf dem Sessel, mit den Gedanken am Strand – was ist daran vorbildlich? Viele Büros sind abends vollgestopft mit Ausgelaugten, deren Geist nichts mehr entzündet. Sie machen Überstunden nicht, weil die Arbeit es erfordert, sondern nur, weil sie sich unter Zugzwang fühlen.

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Martin Wehrle
Martin Wehrle

Der Coach Martin Wehrle ist Autor mehrerer Karrierebücher und gibt jede Woche Karrieretipps in der Kolumne "Das Zitat und Ihr Gewinn".

Doch ein Vorgesetzter, der Überstunden schiebt, sendet immer auch die Botschaft: »Ich bin überfordert!« Er muss die Nachspielzeit beanspruchen. Das ist nicht nur ein Zeichen für Engagement, sondern auch für Bedrängnis.

Niemand käme auf die Idee, einen Fußballstürmer nach seinen Anwesenheitsstunden auf dem Trainingsplatz zu beurteilen. Man misst ihn am Ergebnis, an den Toren im Spiel. Fortschrittliche Firmen halten es genauso: Sie beurteilen ihre Mitarbeiter nach der Produktivität. Was juckt es, wie lange einer an seinem Schreibtisch saß? Hauptsache, er schultert seine Aufgabe!

Manchmal reicht es schon – frei nach Kishon –, während der Arbeitszeit auch zu arbeiten. Denn im Unterschied zum Fließband, wo die Leistung proportional mit den Arbeitsstunden zunimmt, lässt sie bei geistiger Arbeit überproportional nach – sodass der Überstunden-Fetischist unterm Strich oft nicht mehr, sondern weniger als der Acht-Stunden-Mitarbeiter leistet. Zumal körperliche Abwesenheit, etwa durch frühen Feierabend, geistige Anwesenheit nicht ausschließt – zum Beispiel wenn dem Mitarbeiter beim Joggen eine entscheidende Idee für sein Projekt kommt. Gerade Entspannung ebnet der Kreativität den Weg.

Der klügste Weg, den Firmen und Mitarbeiter gehen können: klare Ziele vereinbaren. Dann lässt sich am Ende messen, was man von der Uhr niemals ablesen kann: wie gut einer arbeitet.

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Leserkommentare
  1. 1. ja, ja

    Ziele und Leistungsvereinbarungen als Vorschlag von jemandem, der nichts weiter zustande bringt, als hier regelmäßig seine Allroundtipps für alle Arbeitslebenslagen zu verbreiten.

    Typisch Deutschland. Die Überstunden wären entbehrlich, wenn nicht stets ein Heer von Coaches und sonstigen peripheren Beratern mitfinanziert werden müssten, die stets gute Tips haben, aber SELBST nie etwas produktives leisten.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    bis auf die verallgemeinernde Behauptung "typisch Deutschland". Oder können Sie das belegen?

    @Martin Wehrle: Guter Artikel; habe mich selbst in meiner Berufsvita hier und da wiedergefunden. Problematisch wird's allerdings, wenn der Chef (oder dessen oder dessen oder dessen Chef) die feine Unterscheidung zwischen "Präsenz" und "nützlicher Arbeit" nicht so recht erkennt (vielleicht aufgrund seiner eigenen Sozialisation).

    Als wirkliches Problem erscheinen mir allerdings eher die Leute, die in schlecht bezahlten Positionen (z.B. in gewissen Supermarktketten) mit dem (selbstverständlich unausgesprochenen) Zwang zu unbezahlten Überstunden exzessiv ausgebeutet werden.

  2. Teile dieser meinung mit.
    Ich erlebe jeden tag das leute im betrieb quasi zu überstunden gezwungen werden,und am schlimmste betrift das leiharbeiter,die müssen dank den vorzeige manteltarifvertrag zwischen dgb und igz.
    Meistens ist es so das (so ist es bei uns)die stunden die nach feierabend geleistet werden die wenigstens produktive sind,da die meisten vorgeszte nicht da sind und die arbeiter sich mal was locheres leisten.
    Hinzu kommt das meine meinung nach was als zwang kommt nicht immer die besten ergebnisse bringt.
    Ich sehe auch so wenn ich meine arbeit in den normale arbeits stunden schaffe warum wird mir meine verdiente ruhe nicht gelassen?
    Wenn ich mein pensum schaffe heisst das ich efektiv arbeite,die die am besten ihr bett im betrieb hätten sind die die in die arbeitszeit rumhängen und dann nachholbedarf haben,ich erlebe das oft.

  3. Ich muss sagen, dass dieses Thema im Netz im Allgemeinen und auf ZEIT online im Speziellen in den letzten Monaten mehr als ausführlich diskutiert worden ist. Daher gäbe es eigentlich nicht viel dazu zu sagen, wäre da nicht das Problem, dass die Notwendigkeit des Weges weg von der lächerlichen Anwesenheitspolitik im Büro von den meisten Unternehmen dieses Landes noch nicht verstanden wurde!

    In meinem Job habe ich das Glück eine Menge Freiheiten zu genießen, insbesondere im Hinblick auf Anwesenheit im Büro, flexible Arbeitszeiten usw. Dennoch wurde ich kürzlich überraschender Weise von meinem Chef darüber informiert, dass ich zu oft von zu Hause arbeite (jeden Freitag, wie ursprünglich vereinbart). Weiterhin wies er mich darauf hin, dass es Studien gebe, die beweisen dass diejenigen die abends länger im Büro sitzen (Wink darauf dass ich gerne früh anfange und entsprechend früher daheim bin als meine Kollegen, aber keinesfalls weniger arbeite, was gerne übersehen wird!!!) und vor allem diejenigen, die am häufigsten beim Kunden vor Ort mit Präsenz glänzen.

    Ich habe fassungslos zugehört und innerlich nur noch mit dem Kopf geschüttelt...

  4. Es muss natürlich heißen:

    ch muss sagen, dass dieses Thema im Netz im Allgemeinen und auf ZEIT online im Speziellen in den letzten Monaten mehr als ausführlich diskutiert worden ist. Daher gäbe es eigentlich nicht viel dazu zu sagen, wäre da nicht das Problem, dass die Notwendigkeit des Weges weg von der lächerlichen Anwesenheitspolitik im Büro von den meisten Unternehmen dieses Landes noch nicht verstanden wurde!

    In meinem Job habe ich das Glück eine Menge Freiheiten zu genießen, insbesondere im Hinblick auf Anwesenheit im Büro, flexible Arbeitszeiten usw. Dennoch wurde ich kürzlich überraschender Weise von meinem Chef darüber informiert, dass ich zu oft von zu Hause arbeite (jeden Freitag, wie ursprünglich vereinbart). Weiterhin wies er mich darauf hin, dass es Studien gebe, die beweisen dass diejenigen KARRIERE MACHEN, DIE abends länger im Büro sitzen (Wink darauf dass ich gerne früh anfange und entsprechend früher daheim bin als meine Kollegen, aber keinesfalls weniger arbeite, was gerne übersehen wird!!!) und vor allem diejenigen, die am häufigsten beim Kunden vor Ort mit Präsenz glänzen.

    Ich habe fassungslos zugehört und innerlich nur noch mit dem Kopf geschüttelt...

  5. In den USA ist es üblich, dass das Büro des Chefs eine Glastür oder ein großes Fenster hat.
    Transparenz nennt man das.
    Nix da, hinter verschlossener Tür die Füße auf den Tisch und in der Nase bohren, während die Untertanen knüppeln müssen.

  6. was für eine Erkenntnis... Braucht es dazu wirklich einen Berater für diese Kalenderweisheit?

    • jon777
    • 09. Oktober 2011 18:22 Uhr

    nicht so wäre, das man erst außerhalb der gewöhnlichen Bürostunden ohne e-mail terror und telefongebimmel und ständigen Mitarbeiterfragen zum arbeiten käme.

    Es gibt eine Zeit der Präsents in der Netzwerke genüpft und Intrigen gesponnen werden und das ist mit der Seilschaft nach dem offiziellen
    Dienstschluss.

    Jeder Beratr der glaubt eine Büromaschine würde nach Bedarf angeschafft und Projekte müssten einen betriebswirtschaftlich Sinn haben, glaubt auch an Ratio im Arbeitsalltag, den Weihnachtsmann und den Osterhasen. Die Realität ist Freddy Krüger und Nightmare on Elmsstreet und der Candyman bringt keine Bonbons mit.
    Ok das war ein bischen übertrieben, aber Fakt ist das viele Abläufe
    mit Revierverteidigung, Seilschaften, Machtgebaren und Status zu tun hat.

    • Staun
    • 09. Oktober 2011 18:59 Uhr

    Überstunden - Klares Statussymbol: Bin unglaublich wichtig, habe wahnsinnig viel zu tun, was wir hier tun, ist sehr bedeutend, geht gar nicht anders etc.
    Wer sich nicht allein über Arbeit und Job definiert, aufrichtig auch seiner Freizeit Wert und Bedeutung beimisst, wird sich um strukturiertes Arbeiten bemühen und auch nach Hause fahren, obwohl es dort noch etwas zu tun gibt.
    Das geht sicher nicht immer, nicht in allen Bereichen, nicht in allen Funktionen. Aber darin arbeiten nun einmal auch nicht alle.
    Ich erinnere mich noch an manch sprachloses Gesicht in Zeiten, in denen ich viel zu spät angesetzte Konferenzen früher aus familiären Gründen verließ . . .
    Einfach wagen, nicht bloß einer Handvoll Leuten die Realitätsprägung zu überlassen.

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