Musiker Endo Anaconda "Ich bin in der Alterspubertät"
Der Kultsänger von Stiller Has über seine Bewunderung für die Schweiz und seinen verheerenden Lebenswandel
DIE ZEIT: Guten Tag, Herr Anaconda.
Endo Anaconda: Ich bin im Fall der Endo.
ZEIT: Gut. Endo, was macht Sie zum Schweizer?
Anaconda: Der Pass und mein Bekenntnis zur Verfassung.
ZEIT: Sonst nichts?
Anaconda: Meine Herkunft. Meine Mutter war Österreicherin, mein Vater Schweizer. Ich bin zwar in Klagenfurt aufgewachsen...
ZEIT: ...eine Stadt, über die Sie in Ihrem neuen Kolumnenbuch Walterfahren schreiben: »Der Name ist eine Untertreibung.«
Anaconda: Gut, oder? Ich kam erst Ende der siebziger Jahre hierhin – aber ich habe mich immer als Schweizer definiert. Heimat ist für mich etwas Emotionales, Sinnliches. Daheim bin ich im Emmental. Ich habe die Schweiz immer bewundert.
ZEIT: Ist diese Bewunderung einer Nüchternheit gewichen?
Anaconda: Manchmal. Aber dann nehme ich mich wieder zusammen. Wir leben in einem Staat, wo man die Schnauze aufreißen darf. Die Schweiz ist nicht Syrien. Das ist eine ungeheure Qualität. Dieses Land ist ein pragmatischer Erfolg. Wie Atom-Doris jetzt den Ausstieg schafft, da sage ich: Chapeau! Aber bei den Frauen funktioniert halt die Kommunikation zwischen den Hirnhälften besser.
ZEIT: Wie hat sich die Schweiz verändert?
Anaconda: Sie hat sich geöffnet, wurde toleranter und gleichzeitig ängstlicher. Die Schweiz hat viel von den Unruhen in den achtziger Jahren profitiert. Da kam vieles aufs Tapet, das man früher negiert hat: Drogen, Gassenarbeit, der Kampf um die Gleichstellung der Geschlechter. Die Jugendbewegung hat die Gesellschaft dynamisiert. Jedes Flugblatt vom Quartiersmetzger sieht heute aus wie ein Aufruf zur VV.
ZEIT: Ist diese offene Schweiz heute bedroht? Man hat den Eindruck, wenn man die Wahlplakate anschaut.
Anaconda: Die Schweiz wird nicht untergehen. Aber die SVP nimmt Probleme auf, die vorhanden sind. Die politisieren ja nicht im luftleeren Raum. Natürlich gibt es ein Problem bei der Zuwanderung. Bloß, man kann nicht alle Vorteile genießen und keine Nachteile haben. Alle Seiten machen es sich halt zu einfach. Die Linken sind nicht alle nett. Und die SVP-Anhänger sind nicht alle Fremdenhasser. Aber die Agitationen der SVP fördern den Fremdenhass. Ohne Zuwanderer würde die Wirtschaft zusammenbrechen.
ZEIT: Wen werden Sie wählen?
Anaconda: Angesichts der sozialen Ungleichheit werde ich hauptsächlich SP-Leute ankreuzen und heftig panaschieren. Ich wähle auch BDP-Politiker und Grüne. Aber sicher keine Grünliberalen.
ZEIT: Was wollen Sie damit erreichen?
Anaconda: Rudern, aber bloß keine Wellen! Was schwierig ist. Ohne Stabilität kann es keine Veränderung ohne Chaos geben. Im Sternzeichen der Jungfrau geboren, fürchte ich das Chaos.
ZEIT: Leben Sie das Chaos in der Musik aus?
Anaconda: Nein, ich versuche mich an die Gesetze zu halten, an die musikalischen wie an die gesellschaftlichen. Nobody is perfect.
- Datum 06.10.2011 - 08:00 Uhr
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- Quelle Zeit Schweiz
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