KonjunkturWar’s das, China?

Ausgerechnet die Reichen und der chinesische Staat gefährden den sagenhaften wirtschaftlichen Erfolg. von 

Ein chinesischer Unternehmer in seiner Fabrik in Guangdong

Ein chinesischer Unternehmer in seiner Fabrik in Guangdong  |  © STR/AFP/Getty Images

»Ach«, sagt der Immobilienmakler, »das ist ein völlig veralteter Stadtteil.« – »Wie alt ist er denn?« – »Wurde vor zehn Jahren gebaut.«

Dongguan ist eine atemlose Stadt. Wer hierherkommt, der tut es nicht aus Interesse an Kultur, nicht des Klimas oder der Liebe wegen, sondern um Geld zu verdienen. Noch in den siebziger Jahren war Dongguan ein Bauernkaff, bis der Süden Chinas zur Werkstatt der Welt wurde und Dongguan zu ihrer meistgenutzten Werkbank. Zu Millionen strömten Menschen aus allen Landesteilen hierher, um sich in den Fabriken zu verdingen.

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Wer in China einen Schuh kaufte oder ein Möbelstück, der hielt mit großer Wahrscheinlichkeit ein Stück aus Dongguan in der Hand. Und die Stadt wandelt sich schon wieder.

Dongguan, das sind die schmutzigen Abwässerkanäle, die Fabriken, vor denen abends die Arbeiter mit nacktem Oberkörper Billard spielen. Das sind aber auch Parks und Hightech-Unternehmen, die die Stadtverwaltung angelockt hat. Mittlerweile leben hier zwei Millionen Einheimische und dreimal so viele Zugereiste. Einige von ihnen scheiterten, stürzten sich von den Dächern ihrer Häuser, weil sie die Arbeitsbedingungen nicht aushielten, andere schafften es vom Wanderarbeiter zum Fabrikbesitzer. Viele der Zugereisten sind jung und zum ersten Mal weg von zu Hause. Hier zeigt sich das Leben in vielen Facetten – ein idealer Ort, um der Frage nachzugehen, wie es um die chinesische Wirtschaft bestellt ist.

Auf den ersten Blick: fantastisch. Die USA und Europa versuchen verzweifelt, ihre Schuldenkrisen zu bewältigen , China aber sitzt auf Währungsreserven von 3,2 Billionen US-Dollar . Im vergangenen Jahrzehnt wuchs die chinesische Wirtschaft durchschnittlich um 10,5 Prozent, derzeit sind es 9,5. Ein Großteil des Wachstums geht auf den Investitionseifer des Staates zurück, 47,89 Prozent, so genau wird so etwas hier in die Statistiken eingetragen. Nur rund 34 Prozent steuert der private Konsum bei.

Fabrikbesitzer Bao Genfa, 39, leidet auf hohem Niveau, auf einer breiten, mit Goldrand verzierten Couch, in der Ecke ein Golfcaddie, doch er leidet. Bao hat die hochgezogenen Brauen eines staunenden und die Unterlippe eines schmollenden Menschen, aber er ist vor allem nervös. Unablässig wippt er mit dem Fuß, irgendwie, ahnt er, ist eine Ära vorbei, die ihn, Bao Genfa, auf diese Chefcouch gehoben hat.

Einst war Bao selbst ein Wanderarbeiter, der für umgerechnet 60 Cent am Tag Schuhe zusammenklebte, bis er sich sagte: Was die da oben können, kann ich auch, und vom mühsam Ersparten eine eigene Firma für Schuhmaterial eröffnete. Dort lässt er Stoffe und Plastik zusammenfügen, später entstehen daraus Schuhe. Studiert hat Bao nicht, doch er bildete sich weiter, lernte Buchhaltung. »Wenn andere acht Stunden arbeiten, dann arbeite du 16«, sagte er sich. Und hat es nicht funktioniert? Hatte seine Firma in guten Zeiten nicht 400 Angestellte?

Die guten Zeiten aber sind lange vorbei. Bao hatte sich daran gewöhnt, dass sich die Wirtschaft zuweilen so launenhaft verhielt wie eine zickige Geliebte, doch letztlich ging es immer wieder bergauf. Jetzt aber hat sich etwas verändert. »Das Schuhgeschäft ist einfach nicht mehr das, was es einmal war.«

Bao erinnert sich noch gut an die Asienkrise von 1997, als Japans Banken unter faulen Krediten zusammenbrachen, sich die Krise auf viele Nachbarländer ausweitete und die Japaner keine Markenschuhe mehr kaufen wollten. Damals hatte er viel Geld verloren, später aber zog das Geschäft wieder an. Doch nach der Finanzkrise von 2008 lief das Geschäft nie mehr wirklich gut. Nach dem Neujahrsfest von 2009 kehrten viele Wanderarbeiter nicht mehr zurück nach Dongguan. Sie wussten, dass die Auftragsbücher ihrer früheren Firmen leer waren.

Stattdessen versuchten sie, Arbeit in der Nähe ihrer Heimat zu finden. Und weil viele Lokalregierungen das gewaltige Stimulusprogramm der Zentralregierung genutzt hatten, gab es diese auch. Als sich im Sommer die Auftragsbücher der Fabriken in Dongguan wieder füllten, waren keine Arbeiter mehr da. Bao musste seinen Leuten mehr Gehalt bieten. Auch weil die Regierung beschlossen hatte, die ausbleibende Nachfrage aus dem Ausland durch inneren Konsum zu ersetzen. In vielen Provinzen stieg der Mindestlohn, denn Arbeiter können nur mehr konsumieren, wenn sie mehr verdienen. »2007 bekam ein Arbeiter 800 bis 1.000 Renminbi, umgerechnet bis zu 110 Euro, inzwischen sind es 2.300 bis 3.000 Renminbi, dazu kommen Essen und Unterkunft.« Und das, seufzt Bao, sei längst nicht alles. Die Inflation! Alles werde teurer! Der Strom, das Material!

Dongguans Erfolgsrezept, das war billige Produktion. Inzwischen aber ist Dongguan nicht mehr so günstig. Dazu komme, klagt Bao, dass die Lokalregierung materialintensive Industrien wie die seine loswerden wolle. Viele Kollegen hätten Dongguan bereits verlassen, seien nach Myanmar oder Kambodscha, in den armen Westen Chinas umgesiedelt. Die Banken gäben den kleinen Firmen keine Kredite mehr, es blieben nur die privaten Verleiher, und die verlangten Wucherzinsen von bis zu 36 Prozent. Und zu all dem, seufzt Bao, der Renminbi! Unaufhörlich steige er! Die meisten Handelspartner Chinas halten den Renminbi für künstlich unterbewertet, für Unternehmer wie Bao kann er nicht schwach genug sein.

Ein schwacher Renminbi verschafft ihm einen Vorteil auf dem Weltmarkt, Baos Produkte sind dann günstiger als die der Nachbarländer. Die Exportunternehmer drängen daher die chinesische Führung, den Renminbi nicht aufzuwerten. »Unsere Regierung«, sagt Bao, »darf den Amerikanern nicht nachgeben.«

»Die Arbeiter wollen gutes Geld, gutes Essen und eine schöne Unterkunft«

Am meisten jedoch quält Bao, dass die Menschen in den USA, in Deutschland, Frankreich und England nicht mehr so viele Schuhe kaufen wollen wie früher. »Allein in diesem Jahr sind die Aufträge um 30 bis 40 Prozent eingebrochen.« Könnte man die Schuhe stattdessen nicht an Chinesen verkaufen? Den Einbruch bei den Exporten durch Binnennachfrage ersetzen, so wie es die Regierung schon zu Beginn der Finanzkrise plante? »Ja, es gibt inzwischen mehr Chinesen, die hochwertige Qualitätsturnschuhe kaufen. Aber so viele, dass sie den Export ersetzen könnten, sind es nicht. Die meisten können sich das nicht leisten.«

Könnte er dann statt Schuhmaterial nicht einfach einen ganzen Schuh fertigen? Eine Marke schaffen? Bao schüttelt den Kopf. »Ach, dazu brauchte man viel Know-how, das wir nicht haben«, sagt er. »Und noch mehr Geld.« Schuhmaterial fertigt Bao inzwischen nur noch für wenige Stammkunden, er lässt seine Arbeiter jetzt vor allem Taschen produzieren. Fototaschen, Kühltaschen, das Material ist ähnlich, doch im Gegensatz zu den Schuhen kann Bao gleich ein ganzes Produkt anbieten. Taschen lassen sich wesentlich einfacher fertigen als Schuhe.

Bao stapft durch seine Fabrik, vorbei an Arbeitern, die Kunststoffe auf Textilien kleben, an ratternden Nähmaschinen Taschen zusammennähen. Bao sagt, er beschäftige nur noch 150 Arbeiter, tatsächlich sieht man in der Fabrik höchstens 80. An einem Schwarzen Brett hängt der kopierte Artikel einer Wanderarbeiterinnen-Zeitschrift: »Wie ich ein höheres Gehalt verhandele«. »Die Arbeiter sind so anspruchsvoll geworden«, seufzt Bao. »Sie wollen ein gutes Gehalt, gutes Essen, eine schöne Unterkunft, und der Chef soll sie auch nicht beschimpfen. Früher war der Chef der Chef. Inzwischen sind die Arbeiter die Bosse.« Dann steigt er in seinen Porsche Cayenne, und es ist unklar, ob er das nun ironisch meint oder ernst.

Immobilien , sagt Bao und steuert den Cayenne durch die Straßen Dongguans, das sei die Zukunft. »Damit kann man noch Geld machen. Pro Quadratmeter 10.000 Renminbi Gewinn im Jahr, das sind bei 200 Quadratmetern zwei Millionen, ohne Arbeit, ohne Schweiß.« Die Fabrik wolle er behalten, mit ein paar Stammkunden mache er noch Geschäfte. 60 Prozent aber seines umgerechnet mehrere Millionen Euro schweren Vermögens werde er ab jetzt in den Immobilienmarkt stecken. Doch was, wenn alle Fabrikbesitzer so dächten wie er? Wenn sich der Immobilienboom eines Tages als Blase entpuppte und platzte? Bao verneint entschieden: »Das ist unmöglich. Die Regierung wird es verhindern.«

Nicht alle sind davon aber so überzeugt. Vor allem ausländische Experten verweisen seit Längerem auf ein unheilvolles Dreigestirn von Immobilienblase, steigender Inflation und faulen Krediten. Nouriel Roubini, der Professor an der New York University, der die Finanzkrise in den USA vorausgesagt hatte, befürchtet ein hard landing in China von 2013 an. Die immer höhere Inflation führe geradewegs in die Rezession. Auch Patrick Chovanec, Ökonom an der Qinghua-Universität in Peking, sagt: »Chinas Wirtschaft wächst auf Basis von Steroiden.« In der Finanzkrise legte die chinesische Regierung ein Stimulusprogramm von 586 Milliarden US-Dollar auf. Auch China musste seine Wirtschaft stützen. Zwar waren die chinesischen Banken nicht so sehr in faule US-Kredite verstrickt wie die amerikanischen oder europäischen, doch litt die exportabhängige chinesische Wirtschaft unter dem Einbruch der Nachfrage in den USA und Europa.

»Ganz so schlimm wird’s schon nicht werden«

Um dies auszugleichen, vergab die Regierung massenhaft Kredite: an Firmen in Not, an Staatsunternehmen, vor allem aber an lokale Verwaltungen, die in Infrastruktur investierten. Die Investitionsrate stieg von 42 auf mehr als 47 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. »›Reicht alles ein, was ihr schon immer mal bauen wolltet‹ war das Signal«, sagt Chovanec. China wurde für sein Krisenmanagement sehr gelobt, denn während der Westen strauchelte, blieb es von den Verwerfungen weitgehend verschont.

Die Kreditvergabe aber endete nicht einfach mit der Krise. Sie ging weiter. Die Banken pumpten Geld in die Wirtschaft. Zwischen 2008 und 2010 verdoppelte sich die Geldmenge in China. 2011 stieg sie nochmals um 16 Prozent. Inzwischen versucht die Regierung, die Geldvergabe wieder zu drosseln, doch die Inflation hat China schon erfasst, insbesondere den Immobilienmarkt. Denn ein gewaltiger Teil der Kredite landete in der Baubranche. An manchen Orten stiegen die Immobilienpreise ins Unermessliche. Viele Wirtschaftszweige profitierten davon, und weil die Inflation so hoch ist, sehen Unternehmer wie Bao Genfa keine andere Möglichkeit, als in Immobilien zu investieren: »Alles andere lohnt sich nicht.«

Warum aber soll das Zeichen einer Blase sein? Ist es nicht vielmehr ein Boom? Eine positive Sache also? Theoretisch könnte das der Fall sein. Denn noch immer ziehen viele Menschen in die Städte, es besteht also Bedarf an Wohnungen.

Man muss sich ansehen, wer welche Wohnungen erwirbt. Der Wohlstand in der chinesischen Gesellschaft ist sehr ungleich verteilt. Nur 30 Prozent der Städter haben überhaupt das Geld für eine Immobilie. Die Wohlhabenden aber kaufen oft viele Wohnungen, sie spekulieren darauf, dass die Preise steigen. Inzwischen wurde die Spekulation zum Teil gesetzlich beschränkt, sie besteht aber noch immer. Was, wenn nun eines Tages die Preise einbrechen, so wie 2008 in den USA? Dann wären die Wohnungsbesitzer gezwungen, weit unter ihrem Kaufpreis zu verkaufen oder zu vermieten. Und weil die Baubranche so wichtig für die ganze Wirtschaft ist, würden auch andere Branchen leiden.

Man kann sich das an einem konkreten Beispiel ansehen: den Königlichen Gärten, einem der exklusivsten Wohnprojekte Dongguans. Der Eingang ist nicht gerade vielversprechend. Unten versucht ein plätschernder Schwanenbrunnen Romantik zu verbreiten, während oben auf der Überführung eine Stadtautobahn vorbeirauscht. Immobilienmakler Zhang Yongjun lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen, er weiß um den Effekt, der sich einstellen wird, sobald man den Eingang durchschritten hat. Ein Wasserreservoir, umgeben von sanften Hügeln, Palmen wiegen sich im Wind, im Hafen dümpeln Jachten. Eine Villa schmiegt sich an die nächste, die Szene wirkt perfekt, fast ein bisschen zu perfekt, denn auf den Balkonen und in den Gärten stört kaum ein Wäscheständer, kaum ein Sonnenschirm das Bild. Eine Katalogidylle. Im Paradies wohnt fast keiner – und das, obwohl beinahe 60 Prozent der Villen und Wohnungen bereits verkauft sind.

Zhang, 28, ist ein nachdenklicher junger Mann und ein ehrlicher Vertreter seiner Zunft, er versucht die Leere weder weg- noch schönzureden. »90 Prozent der Käufer haben nur gekauft, um zu investieren. Sie leben in Guangzhou oder Shenzhen, dort, wo die Immobilienpreise viel zu hoch sind. Und mal ehrlich, um hier zu leben, braucht man pro Familie zwei Autos. Vom Verkehr her ist das nicht sehr praktisch.« So sei es in vielen chinesischen Städten, sagt Zhang.

In Dongguan, sagt Zhang, sei der Markt sogar noch relativ gesund. Eine Industriestadt, viele Fabriken und schlechte Luft, keine gute Wohngegend. Viele Investoren steckten ihr Geld lieber in eine Fabrik. Zhang glaubt, dass die Blase in einigen Städten platzen werde, andere hingegen würden verschont bleiben. »Ganz so schlimm wird’s nicht werden«, sagt Zhang. »Das wird die Regierung verhindern.«

Der Glaube an die Regierung ist groß. Warum auch nicht? Schließlich hat sie die Macht, strenge Gesetze zu verabschieden, vor allem aber verfügt sie über viel Geld für den Fall, dass sie den Banken beispringen müsste. Liu Minkang, Chinas oberster Bankregulierer, versichert, Chinas Banken würden sogar einen Einbruch der Immobilienpreise um 30 bis 50 Prozent aushalten. Doch selbst wenn es der Regierung gelänge, die Blase abzuwenden, die Inflation einzudämmen und ein hard landing zu vermeiden, so lauert doch noch eine weitere Gefahr am Horizont: die der faulen Kredite.

»Unsere Version der US-Subprime-Krise ist die Darlehensvergabe an die lokalen Regierungen. Dies wird Ausfälle erzeugen«, sagt Cheng Siwei, der bis 2003 als Vizevorsitzender des Stehenden Komitees des Nationalen Volkskongresses tätig war. Die lokalen Regierungen sind die Träger einer gewaltigen Masse von Bauprojekten im Land.

Wie gefährlich ist die Lage? Das ist schwer einzuschätzen, vor allem, weil China so groß und divers ist. Es gibt im Land einige berühmt absurde Bauprojekte, die Stadt Ordos in der Inneren Mongolei zum Beispiel, gebaut für 1,5 Millionen Einwohner, doch wohnt fast keiner darin. Berüchtigt ist ebenso die South China Mall, auch Great Mall of China genannt, die 2005 in Dongguan von einem privaten Investor gebaut wurde.

Theoretisch könnte man sich hier ganz großartig amüsieren. Natürlich, es wäre ein dubaiesker Spaß, einer, bei dem man alle ästhetischen Bedenken über Bord werfen müsste, bevor man etwa in eine venezianische Gondel steigt, die den Besucher durch die Weiten einer gewaltigen Shoppingmall trägt. Vorbei an Klein-Amsterdam und Klein-Moskau, unter der San-Francisco-Brücke hindurch und entlang ägyptischer Statuen. Zu Wasserrutschbahnen und künstlichen Südseegrotten, einer Geisterbahn. Das Arrangement ist allerdings auch ohne sie gespenstisch genug. Der Besucher ist in der South China Mall nämlich so gut wie allein. Leere Ladenflächen kilometerweit, die Rolltreppen sind längst gesperrt. Straßenkehrer fegen unsichtbaren Staub vom Beton. Der Betreiber des Karussells hockt mutterseelenallein auf einem der Sitze, eine einsame Verkäuferin harrt in ihrem Kinderkleidergeschäft aus, in brüllender Hitze, die Klimaanlage hat sie abgestellt, »lohnt sich nicht, kommen doch eh keine Kunden vorbei«. Am Eingang der Mall prangt stolz ein Schild der Regierung: Dies ist eine Vier-Sterne-Touristenattraktion.

Ein Millionengrab? Besuch bei der Regierung von Dongguan. Ausländische Journalisten, die bei chinesischen Regierungsstellen ein Interview erbitten, sind an einiges gewöhnt: monatelange Wartezeiten, am Ende meist eine Absage, minutiös vorzubereitende Fragezettel. Ganz anders in Dongguan. Da sitzt plötzlich ein knappes Dutzend Beamter aus sechs unterschiedlichen Abteilungen: Außenhandelsbeziehungen, Wirtschaft, Finanzen, Hausbau, Abteilung für Reform und Planung, Abteilung für Preise. Ein jeder bereit, der Presse stolz von seinen Leistungen zu berichten.

»Früher war es nicht so wichtig, ob man sinnvoll investierte«

Die Krise, erzählen die Beamten, habe man hier zur Umstrukturierung genutzt. Weg von materialintensiven, schmutzigen Industrien, hin zu Hightech, Informationstechnologie und Kreativindustrie. 40 Prozent des lokalen Bruttosozialproduktes erwirtschafte nun die Dienstleistungsbranche. Dongguan liefere nicht nur zu, es erfinde, schaffe Marken und Produkte. Man wolle grüner werden, nachhaltiger, sozialer, vor allem aber: langsamer wachsen. Dongguan ist zusammen mit Suzhou Modellstadt, im vergangenen Jahr lobte die Zentralregierung beide Städte für den vorbildhaften Umbau der herstellenden und weiterverarbeitenden Industrie.

Die Frage nach faulen Krediten, nach Regierungskrediten überhaupt, quittieren die Beamten fast beleidigt. So was habe man gar nicht nötig. Die Stadt verdiene genug durch Steuern. Nach der Krise seien Regierungskredite lediglich an einige Krankenhäuser und Staatsbetriebe geflossen. Man wolle nicht für das ganze Land sprechen, sagt der distinguierte Herr von der Reformabteilung, doch in der Provinz Guangdong habe man schon lange erkannt, dass ein investmentgetriebenes Wachstum der falsche Weg sei. Bei ihnen läge der Anteil der Investitionen am Bruttosozialprodukt bei gerade mal 25 Prozent. Und nur 1,3 Prozent der Kredite hiesiger Banken seien faul.

Man muss nicht alle Zahlen der Lokalregierung für bare Münze nehmen. Tatsache ist: China ist groß, und der wirtschaftliche Erfolg ist im Land extrem ungleich verteilt. In einigen Städten ist der Immobilienmarkt völlig überhitzt, in Nanning etwa, 90 Prozent der Hausbesitzer kaufen hier, um zu spekulieren. In anderen ist das nicht der Fall. Einige Städte leben gut von ihren Steuern, andere nehmen kaum welche ein.

Die Frage ist vertrackt: Ist der alte Weg noch der richtige? Oder ist man längst über ihn hinausgewachsen? 30 Jahre lang folgte China einem Pfad, der große Erfolge versprach: Es setzte auf Exporte, einen Handelsüberschuss, um das gewonnene Kapital im Inneren zu investieren. Das funktionierte fantastisch, denn China war ein armes Land, es brauchte Straßen, Flughäfen, Krankenhäuser. »Früher«, sagt Ökonom Chovanec, »war es nicht so wichtig, ob man sinnvoll investierte. Denn der Gewinn, den man dadurch erzielen konnte, dass man einen Bauern in eine Fabrik stellte, war so hoch, dass er alles andere überstrahlte. Inzwischen aber ist China kein armes Land mehr. Deshalb werden sinnvolle Investitionen umso wichtiger.«

Theoretisch könnte die Regierung die Investitionsrate senken und trotzdem ein hohes Wirtschaftswachstum erzielen, indem sie die einbrechenden Exporte durch eine stärkere Binnennachfrage ersetzen würde. Genau das forderten chinesische Politiker zu Beginn der Finanzkrise auch. Die Regierung erhöhte die Löhne der Arbeiter und die Unterstützung für arme Familien, sie verteilte Gutscheine, mit denen die Menschen einkaufen, essen und ins Kino gehen oder reisen sollten. Hat es funktioniert?

»Ich bin immer vorsichtig mit meinem Geld«

Wanderarbeiter Zhang Anchi, 47, schiebt sich mit seiner Familie durch die Weiten eines Supermarktes. Er ist ein stiller Mann, der Gedichte mag und seine rechte Hand stets unauffällig versteckt hält, so wie alle Wanderarbeiter, die sich einmal verletzt haben. Einst rammte er sich ein großes Messer in die Hand, seither kann er zwei Finger nicht mehr richtig bewegen. In einer Stadt aber, in der vor allem mit den Händen gefertigt wird, gibt es nichts Schlimmeres. Man muss so eine Verletzung verbergen, beim Vorstellungsgespräch, beim Mittagessen mit den Kollegen. Zhang ist die Gewohnheit längst in Fleisch und Blut übergegangen, auch in der Freizeit versteckt er seine Hand.

Zhangs zweijähriger Sohn steht im Einkaufswagen wie der Kapitän eines Schiffs. An ihm vorbei ziehen Goldfische und Geburtstagstorten, Lammschenkel und Liebestöter, die ganze wunderbare Welt des Konsums. Seine Mutter aber wird so gut wie nichts davon mitnehmen, nur ein paar Äpfel und Birnen. Das Milchpulver, dessentwegen sie gekommen ist, lässt sie im Regal stehen. Es kostet heute 164 Yuan, und nicht wie letzte Woche 157. Das sind 7 Yuan Unterschied, umgerechnet etwas mehr als 70 Cent.

Warum aber kauft die Familie so wenig, wo Zhang sich doch über einen großen Gehaltssprung freuen kann? 2008, sagt er, habe er noch 3.000 Renminbi im Monat verdient, umgerechnet etwa 330 Euro, »seit 2009 verdiene ich mehr als 5.000 Renminbi«. Auch wenn die Inflation einen Teil davon nimmt, bleiben ihm 3.000 Renminbi für den Konsum. Seine monatlichen Fixkosten liegen bei 2.000 Renminbi.

»Ich bin immer vorsichtig mit meinem Geld«, sagt Zhang. Gut, ein Handy und einen Computer habe er sich geleistet, sonst aber lebt er enthaltsam. Keine neuen Möbel, obwohl er doch in einer Möbelfabrik arbeitet, er raucht nicht, trinkt nicht, spielt nicht, und das Karaokesingen hat er inzwischen auch aufgegeben.

Das meiste Geld spart er für seinen Sohn. Als Wanderarbeiter kann Zhang ihn nicht auf eine öffentliche Schule in der Stadt schicken, das verhindert das Meldesystem, das die auf dem Land Geborenen benachteiligt. Und Privatunterricht ist teuer. Auch ist das Sozialsystem in China noch immer mangelhaft. Arme Menschen müssen sparen, um sich für die Zeit abzusichern, wenn sie krank oder alt werden. Noch immer gehen weniger als 50 Prozent des Bruttosozialprodukts an die Haushalte. Das heißt, dass in China noch immer viele Menschen leben, die kein Geld zum Ausgeben haben. »In der Theorie ist allen klar, dass die Chinesen mehr konsumieren sollen«, sagt Ökonom Chovanec. »Doch das ist gar nicht so einfach.«

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Leserkommentare
    • iboo
    • 11. Oktober 2011 19:51 Uhr

    Denn so ein umlagefinanziertes Rentensystem wie bei uns kennt man dort nicht. Von daher sollte auch die oft genannte hohe Sparquote nicht verwundern. Die Chinesen nicht etwa geizig - es bleibt ihnen gar nichts anderes übrig.

    • Beebo
    • 11. Oktober 2011 20:44 Uhr

    Sowohl Busch, wie auch Obama haben Hunderte Mrd. an Konjunkturprogramme aufgelegt, um den Immomart zu stützen. Diese Flut an Geld hat vielleicht den Niedergang verzögert. Verhindern konnte es das weitere sinken der Immopreise nicht. Wenn in China die Immoblase platzt, kann China auch nur den Niedergang verzögern.

  1. "einen Handelsüberschuss, um das gewonnene Kapital im Inneren zu investieren"

    Meines Erachtens ist das inkorrekt oder zumindest ungenau. Denn China hat Devisenberge in Dollar und Euro, investiert im Inland aber in Renminbi.

    Oder mit anderen Worten: Renminbi werden vermutlich genauso geschöpft wie alles andere Geld, es entsteht bei und durch den Verleihvorgang und ist vollkommen ausreichend um etwa im Inland zu kaufen und zu bauen und Steuern zu zahlen. Nur um im Ausland zu kaufen muss er, vermutlich zu einem schlechten Kurs, in Devisen getauscht werden.

    Würde die Regierung die Devisen direkt im Land investieren, würde das passieren, was in vielen dritte Welt Ländern mit fester und günstiger Währungskopplung passiert: das Geld fliesst sofort in ausländischen Konsum ab. Nix mit Aufbau einer Industrie.

    Genau das ist ja der Grund für die Devisenberge, sie sind nicht der Sparsamkeit oder ähnlichem geschuldet, sondern ein Nebeneffekt der ungünstigen Umtauschkurse für Inländer und der extrem günstigen Kurse für Ausländer. Die Quelle aus der sich Chinas Raubzug an der westlichen Industrie speist.

  2. ...Frau Köckritz, wenn auch ökonomisch ein bisschen vage, offenbart er doch den ganzen Wahnsinn von nahezu unkontrolliert wachsenden Volkswirtschaften und man kann all die Perversionen von ausuferndem, vom Staat noch befeuerten und schlecht kontrollierten, Kapitalismus gut beobachten:

    1) Molochbildung, Millionen von Menschen verlassen ihre Heimat um in total überfüllten und überforderten Städten zu hausen und auf die große Chance zu warten, während das Land verödet

    2) Explodierende Grundstückskosten und Mieten, bei miserabelsten Wohnbedingungen

    3) extreme Vermögens- und Einkommensunterschiede und Spekulationen

    Was mich verwundert: einerseits agieren die Chinesen unglaublich geschickt, was das Manipulieren ihrer Währung und das Anlocken ausländischer Industrie betrifft. Anderseits agieren sie im Inland irgendwie planlos und naiv, zumindest wirkt es so.

    • jkluge
    • 12. Oktober 2011 0:46 Uhr
    5. Frage:

    "Inzwischen versucht die Regierung, die Geldvergabe wieder zu drosseln, doch die Inflation hat China schon erfasst, insbesondere den Immobilienmarkt. Denn ein gewaltiger Teil der Kredite landete in der Baubranche. An manchen Orten stiegen die Immobilienpreise ins Unermessliche."

    Müssten Kredite und billiges Geld für die Baubranche nicht dazu führen, dass die Immobilienpreise fallen?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...sie auch.

    Erst steigen sie uferlos und dann platzt die Blase und die Preise fallen. Damit hat man dann das Desaster.

    Ist immer dasselbe Muster. Egal ob bei Immobilien, Aktien oder auch Rohstoffen. Nur bei den Immobilien hat man halt einen riesigen Hebel (aufgenommenes Fremdkapital). Das macht die Sache kritisch und systemisch relevant. Die Banken, die jetzt fallen bzw. gefallen sind, sind übrigens keine Überraschung, auch wenn das in den Medien immer mal gerne so dargestellt wird. Das war teilweise sehr lange vorrauszusehen.

    Auf der anderen Seite sind Blasen natürlich eine tolle Sache für die Leute die frühzeitig dabei sind und einen kühlen Kopf bewahren können.

  3. ,vergleichbar dem von Herrn Schmidt, ebenfalls heutigen Datums. Der Einstieg Floskeln: Bauernkaff, Werkstatt der Welt...
    Muß das sein, Frau Köckritz?
    Dann scheinbares Hintergrundwissen, das jeder Durchreisende innert 2 Stunden agglomoriert hat. Was soll's, denkt sich der abgehärtete Leser, wozu brauche ich neue Informationen.
    Das Ärgerliche sind aber die Schlüsse, folgende Fehlinterpretationen und daran anschließende irreleitende Analogien. Das mit der Immoblase wurde doch verschiedentlich die letzten 10 Monate durchgekaut. Ja, es ist riskant, ja es ist ärgerlich, daß diese Art Geschäfte einen Unsicherheitsfaktor in die Entwicklung bringen und Planungen ein Schnippchen schlagen können. Aber es ist beileibe nicht mit den von der Pleite bedrohten, und vom amerikanischen Steuerzahler geretteten Fannie Mae und Freddie Mac ausgegangenen Krise in 2007 vergleichbar (Gründe bitte in den Kommentaren zu den einschlägigen Artikeln in Zeit und Spiegel Online nachlesen).
    Sodann gilt: Das Wirtschaftswachstum in China mit über 9,5 % gilt seit einigen Jahren (ausgenommen die Krisenjahre 2008 und 2009) als überhitzt, ein Absinken derzeit ist erwünscht und gilt noch nicht als Gefahr.
    Die Abschottung des chinesischen Geld- und Währungsmarktes kann man bei den derzeitigen Turbulenzen und den vorhergehenden Spekulationen, u.a. durch global agierende Hedgefonds nur wünschen.

    Eine Leserempfehlung
  4. ...sie auch.

    Erst steigen sie uferlos und dann platzt die Blase und die Preise fallen. Damit hat man dann das Desaster.

    Ist immer dasselbe Muster. Egal ob bei Immobilien, Aktien oder auch Rohstoffen. Nur bei den Immobilien hat man halt einen riesigen Hebel (aufgenommenes Fremdkapital). Das macht die Sache kritisch und systemisch relevant. Die Banken, die jetzt fallen bzw. gefallen sind, sind übrigens keine Überraschung, auch wenn das in den Medien immer mal gerne so dargestellt wird. Das war teilweise sehr lange vorrauszusehen.

    Auf der anderen Seite sind Blasen natürlich eine tolle Sache für die Leute die frühzeitig dabei sind und einen kühlen Kopf bewahren können.

    Antwort auf "Frage:"
  5. Im April 2011 war ich mit meiner Frau, Jutta Hartmann-Metzger auf einer China-Rundreise, die uns sehr viele interessante Eindrücke vermittelte. Aber nicht zu übersehen waren auch die negativen Folgen des chinesischen Turbokapitalismus (siehe meinen mehrteiligen Reisebericht "CHINA - eindrucksvolle Vergangenheit und stürmische Gegenwart").

    http://rentner-billigerde...

    Herzliche Grüsse

    Klaus Metzger
    HILDESHEIM

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sehr geehrter Herr Metzger,
    Danke für Ihren Beitrag und den Hinweis auf Ihren Reisebericht (den ich irgendwann, wenn ich mal viel mehr Zeit habe, sicher auch ansehen werde).
    Ich stelle mir allerdings die Frage, wenn Sie erst 2011 dort ware, und vorher nicht nach China gereist waren, wie Sie dann einen Wandel sehen können. Um den Wandel zu bemerken (gut, das kann man auch übernehmen), aber jedenfalls um ihn zu beurteilen, sollte man doch das Vorher kennen. Ich verlasse mich (obwohl ich 1994 das erste Mal nach China gereist war) in weiten Teilen auf die Aussagen und Beurteilungen der Menschen dort. Da viele noch die Mangelzeiten und in einigen Fällen, auch Hungerzeiten Mitte bis Ende der 60er Jahre erlebt haben, ist das die Grunderfahrung, von der ausgehend sie über die jetzige Situation urteilen. Wenn man dann das Zuteilungssystem für die berufliche Arbeit, das bis in die 80er Jahre aufrecht erhalten wurde, noch in Betracht zieht, dann sind die Änderungen wahrlich riesig groß. Nicht alles ist Fortschritt, was sich ändert und nicht jeder Fortschritt ist im Gleichgewicht mit den folgenden Nachteilen "erkauft" worden. Ich würde das sehr differenziert betrachten und betrachte es auch - und immer im Austausch mit den Menschen. Ein Wort wie "Turbo-Kapitalismus" lehne ich im übrigen für das chinesische System ab.

    Mit besten Grüßen

    谢 泽仁

    Lieber Xie Xeren!
    Es ist richtig, dass ich 2011 erstmals mit meiner Frau, Jutta Hartmann-Metzger, in China (und es wird sicher das letztemal sein) war. Wir haben genug Reiseerfahrung (Ägypten, Indien, Kenia, Südamerika, Neuseeland, Südkorea), um Fehlentwicklungen wie sie in China vorhanden sind, auch bei unserem einmaligen Besuch erkennen zu können. Interessanterweise beschrieb auch die ZEIT-Korrespondentin, Angla Köckritz, in ausgezeichneten Artikeln diese Auswüchse des "Turbokapitalismus". Ich habe in meinem Bericht ihre Beiträge "verlinkt".
    Vielleicht ist das der Grund, dass chineische Leser meine Beiträge nicht mehr öffnen können?

    Herzliche Grüsse

    Klaus Metzger
    HILDESHEIM
    https://plus.google.com/1...

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