Nein : Die Tötung aus der Distanz darf höchstens Notbehelf sein. Als Strategie ist sie falsch und schädlich

Die Paarung Predator/Hellfire scheint ein Dream-Team für den Weltfrieden zu sein. Sie hilft Terror zu ersticken und Kriege zu verhindern. Stellen wir uns nur einmal vor, die CIA hätte keine 15-Meter-Drohne mit Lenkrakete ins jemenitische Stammesgebiet schicken können, um Anwar al-Awlaki zu töten, den Mann, der sich als dschihadistischer Mastermind in direkter Thronfolge Osama bin Ladens sah. Früher wären komplette Truppenaufmärsche nötig gewesen, um Extremistengruppen zu stoppen, endloses Blutvergießen, heillose Kosten, unvorhersagbare politische Eruptionen. Warum also Klage führen gegen Barack Obama, den Mann, der mehr Al-Qaidaisten mit Präzisionsangriffen ausgeschaltet hat als irgendwer vor ihm?

Fünfmal so viele Drohnenangriffe wie sein Vorgänger George W. Bush hat der demokratische US-Präsident in den vergangenen drei Jahren angeordnet , über 2000 militante Islamisten sollen sie insgesamt seit dem Jahr 2001 das Leben gekostet haben. Die Flotte der umbemannten Bombenvehikel, sie ist seit den Anschlägen vom 11. September 2001 von 54 auf 230 angewachsen, im vergangenen Jahr bildete die Air Force zum ersten Mal mehr Kommandanten für ferngelenkte Flugkörper aus als Flugzeugpiloten. Bis 2020 wird das Militär laut US-Kongress 37 Milliarden Dollar bekommen, um den Drohnen-Park weiter auszubauen. Sie sollen noch präziser werden, Ingenieure tüfteln schon an der Variante, Zielpersonen künftig mit Laserstrahlen zu verbrennen.

Genau damit aber, mit der Wende ins Strategische, schwenkt die Praxis ins Inakzeptable. Denn ganz offensichtlich will Barack Obama das, was heute als Ultima Ratio durchgehen kann, zum neuen militärischen Standard erheben. Damit aber wird die Schwelle von der außergerichtlichen Tötung im Dilemma-Fall zur planvollen, illegalen Liquidation aus dem Hinterhalt überschritten. Die einzig mögliche Rechtfertigung dafür nämlich, Terroristen zu töten, statt sie festzusetzen und vor Gericht zu stellen, kann sein, dass in den Weltgegenden, in denen sie sich aufhalten, Justizgewährung entweder gar nicht oder nur um den Preis eines Krieges möglich ist. In diesen Fällen darf, ja muss ein Staat seine Feinde auch präventiv bekämpfen.

Bloß: Schon heute ist es höchst zweifelhaft, ob überall dort, wo die Hellfires einschlagen , die örtlichen Regierungen tatsächlich nicht in der Lage sind, al-Qaida am Boden, besser noch: an der Wurzel zu bekämpfen. Im Gegenteil, viel spricht dafür, dass ihnen die High-Tech-Luftschläge sehr willkommen sind, weil sie sie erstens der lästigen Pflicht des Staats- und Sicherheitsaufbaus entheben. Und zweitens ein Feindbild vom imperialistischen Amerika nähren, das sich innenpolitisch vorzüglich ausschlachten lässt. Der Chef der pakistanischen Armee ist zum leuchtenden Beispiel für diese Doppelzüngigkeit geworden. In der Öffentlichkeit prangerte Ashfaq Kayani US-Drohnenangriffe im Grenzland zu Afghanistan regelmäßig und lauthals als "ungerechtfertigt und intolerabel" an – um zur selben Zeit in Washington darum zu bitten, in ebenjenem Wasiristan für "kontinuierliche Predator-Abdeckung" zu sorgen. Die entsprechenden Kabelberichte vom Februar 2008 an den Chef des US Central Command in Florida lassen sich bei WikiLeaks nachlesen.

Natürlich muss Amerika auch weiterhin Terrorismus bekämpfen, wo andere es nicht tun. Aber eben dieses Nichtstun zu pflegen und zu fördern, indem es schlechten Regierungen bequeme Ersatzhandlungen bietet, das wird auf Dauer mehr Terroristen züchten, als sich mit auch noch so vielen Drohnen unschädlich machen lassen.

Jochen Bittner