Die Anspannung ist Brett Gorvy anzusehen. Kleine Schweißperlen bilden sich auf seiner Stirn. Gorvy leitet die Abteilung für zeitgenössische Kunst beim Londoner Auktionshaus Christie’s. Stumm hebt er die Hand. Diese Geste ist 31,5 Millionen Dollar wert. Der anonyme Anrufer am anderen Ende der Leitung hat gerade sein Gebot erhöht. Und es ist Gorvys Aufgabe, den Willen seines Mandanten in ein entsprechendes Handzeichen zu übersetzen.

Im Mittelpunkt des Bieterduells bei den Frühjahrsauktionen in New York steht ein mittelgroßer Silk-Screen-Druck in Blautönen des teuersten Künstlers unserer Zeit: Andy Warhol. Es ist ein Selbstporträt von 1963/64, vier Schnappschüsse eines jungen, coolen Warhol mit der berühmten Sonnenbrille. Für die Auftragsarbeit hatte Warhol damals 1.600 Dollar bekommen. Nun hebt Gorvy erneut die Hand. Das Gebot steht bei 33 Millionen. Der Auktionator nickt zufrieden, ein Raunen geht durch den Saal. Gorvys Anrufer – angeblich ein europäischer Sammler – sichert sich schließlich den Warhol. Für 38,4 Millionen Dollar.

Es sind Szenen wie aus einem Hollywoodstreifen. Doch das Wettbieten der Kunstnarren in New York ist noch mehr: ein Ausrufezeichen der Branche. Fast 600 Millionen Dollar brachten die zeitgenössischen Werke allein in den Abendauktionen der drei großen Häuser Christie’s, Sotheby’s und Phillips de Pury in New York ein. Auch die Londoner Auktionen Ende Juni liefen gut.

Während die Arbeitslosenquoten in den USA Rekorde brechen und der Euro in Bedrängnis ist, blicken Verkäufer und Auktionshäuser zuversichtlich auf die Auktionen im Herbst. »Der Markt ist zwar noch nicht ganz da, wo er einmal war, aber er ist fast zurück«, sagt Tobias Meyer, Auktionator bei Sotheby’s. Und das Wall Street Journal titelte: »Der Kunstmarkt kommt zurück«.

Mit dem Untergang der US-Investmentbank Lehman Brothers vor drei Jahren war der Kunstmarkt in eine Art Schockstarre verfallen. Als an der Wall Street die Geldhäuser wankten, fielen die Preise vor allem im spekulativen zeitgenössischen Markt um ein Drittel, Werke fanden keine Abnehmer. Anerkannte Künstler wie Francis Bacon wurden für einige Zeit gar nicht mehr gehandelt. Die Sotheby’s-Aktie fiel von 50 auf 9 Dollar.

Es war ein jäher Absturz. Denn vor Ausbruch der Finanzkrise schien die Kunstszene keine Grenzen zu kennen, weder beim Geschmack noch beim Geld. Als geradezu prophetisch erwies sich Damien Hirst mit seinem Totenschädel, den er mit 8601 Diamanten besetzt hatte. Ohne eine Galerie einzuschalten versteigerte der britische Künstler sein Werk im Sommer 2007 direkt über ein Auktionshaus – für 100 Millionen Dollar. Es war der höchste Preis, der je für das Werk eines lebenden Künstlers gezahlt worden ist. Auf dem Höhepunkt der Euphorie 2007 kamen bei Sotheby’s und Christie’s Werke im Wert von 11,3 Milliarden Dollar unter den Hammer. Zwei Jahre später schafften die beiden Häuser nicht einmal mehr die Hälfte dieser Summe. Doch im vergangenen Jahr waren es bereits wieder 9,8 Milliarden Dollar. Und vieles deutet darauf hin, dass dieses Jahr noch besser werden könnte.

Doch was ist heute anders als beim letzten Hype? Heute setzen die Superreichen noch mehr als früher auf die großen Namen. Am liebsten auf Andy Warhol. Mit seinem Handzeichen hat Brett Gorvy im Mai einen neuen Auktions-Weltrekord für ein Warhol-Porträt gesetzt. Der maximale Schätzwert hatte bei 30 Millionen Dollar gelegen, mehr als acht Millionen Dollar weniger als der anonyme Sammler am Ende dafür bezahlte. Warhols Werke allein setzten bei den Mai-Auktionen in New York 168 Millionen Dollar um, damit machte der Pop-Art-Künstler ein Drittel des gesamten Auktionswertes aus. Auch ein Mark Rothko erzielt in diesen Zeiten Rekordsummen. Untitled No. 17 wechselte für 33,7 Millionen Dollar den Besitzer. Geschätzt wurde das Werk zuvor auf 22 Millionen Dollar.