Die sechziger Jahre. Beate Uhse, gespielt von Franka Potente, genießt einen schönen Sommertag an einem See. Ihr Begleiter ist ein ziemlich lässig aussehender Farbiger. Uhse ist in diesen Tagen viel in der Presse, denn sie muss sich mal wieder in einem Prozess gegen den Vorwurf verteidigen, ihr Versandhandel fördere Unzucht. Nun schlendern die beiden in ein Wirtshaus. Sofort beginnt Gewisper bei den anderen Gästen: Das also ist Beate Uhse, fauchen die Spießbürger hinter vorgehaltener Hand, und sie schämt sich nicht mal, mit ihrem farbigen Lover in der Öffentlichkeit aufzutreten.

Später, am Nachmittag, kommen beide in Beate Uhses Wohnung an. Ihr neuer Galan entdeckt eine gerahmte Fotografie, die Uhse als Pilotin zeigt. Und während man – der Film läuft jetzt etwa fünf Minuten – noch denkt: bitte, jetzt keine Rückblende!, entfärbt sich der Bildschirm, kurze Blende, und schon sieht man in flackerndem Schwarz-Weiß Beate Uhse in einer Propellermaschine, während Potentes Stimme aus dem Off erzählt, wie sie in den letzten Kriegstagen ihren Sohn aus dem von den Russen belagerten Berlin herausgeflogen hat nach Schleswig-Holstein.

Manchmal hat man das Gefühl, der deutsche Film sei die Ausgeburt eines zwangsneurotischen Gemeinschaftskundelehrers mit Zweitfach Geschichte, der die Geschichte der Bundesrepublik mit den immergleichen Spielkarten erzählt: die Verbrechen des Dritten Reichs, Deutschland in Schutt und Asche, beherzte Trümmerfrauen, Wirtschaftsaufschwung (da rollt der millionste Käfer vom Band, während im Hintergrund der Schlager Konjunktur-Cha-Cha läuft), verklemmte Sexualmoral, schließlich Schlaghosen und Rock’n’Roll, die Rebellion der Jugend gegen den Mief der Adenauerzeit.

Die Zeitsprung Entertainment, die für das ZDF den Spielfilm über Beate Uhse produzierte, hat sehr genau darauf geachtet, dieses Spielkartenset auch nicht um eine Karte zu erweitern. Auch in Beate Uhse – Das Recht auf Liebe (9. Oktober, 20.15 Uhr) die Vergangenheit immer nur etwas, das überwunden werden muss, um in der Moral der Gegenwart anzukommen. Das ist aber eine blöde Voraussetzung, wenn man eine Geschichte von Mut und Eigensinn erzählen will.

"Hier steht heute der Orgasmus vor Gericht."

Anders gesagt: Zwischen dem Mut, den es in den fünfziger Jahren Beate Uhse gekostet haben mag, über die Lust und die Sexualität zu reden, und dem Mut, darüber heute einen Film zu machen, liegen, um es zurückhaltend zu sagen, Welten. Und deswegen ist das Pathos, mit dem sich der Film auf die Seite seiner Heldin schlägt, so läppisch. »Ein Orgasmus ist ein Normalzustand«, erklärt Beate Uhse kämpferisch im Gerichtssaal. »Lassen Sie sich nicht vorschreiben, was Sie in Ihren Schlafzimmern zu tun und zu lassen haben. Hier steht heute der Orgasmus vor Gericht.«

Und indem der Film sich auf die Seite der Sieger der Geschichte stellt, tritt er gern noch mal genüsslich nach jenen, die als Beate Uhses Widersacher längst am Boden liegen. Zum Beispiel der schleimige, heuchlerische Staatsanwalt (gespielt von Sylvester Groth). Seine Frau, die im Geheimen Beate Uhses Aufklärungsschriften liest und die Lügen satt hat, ruft im Schlafzimmer aus: »Verdammt noch mal, ich will einen Orgasmus!« Ihr Mann kocht vor Wut: »Damit habe ich nicht gerechnet. Diese Frau (er meint Beate Uhse) macht die besten Ehen kaputt.« Die patriarchalen Klemmis, die sich dem Geist der Aufklärung entgegenstellen, bekommen ein Gesicht, mit dem sich ganz sicher kein Zuschauer identifizieren möchte.

So ist Beate Uhse (Regie: Hansjörg Thurn) ein etwas biederer Film, weil er keine Ambivalenzen kennt. Schade, denn er lebt auf sympathische Weise vom Engagement seiner Schauspieler: Henry Hübchen als Anwalt der Uhse und typischem Vertreter der skeptischen Generation und Hans-Werner Meyer als Uhses Ehemann, dem die Kämpfe, in die seine Frau verwickelt ist, über den Kopf wachsen. Vor allem Franka Potente hat sich die Figur der Beate Uhse auf leise, aber eindringliche Weise zu Eigen gemacht: Sie bringt Neugier und Nachdenklichkeit, Überzeugung und Selbstzweifel, Furchtlosigkeit und Mütterlichkeit einfühlsam zusammen. Vor allem hält sie die Rolle frei von jeder Anzüglichkeit, ohne sie deshalb zu einem erotischen Neutrum zu machen. Das alles hätte in einem etwas komplexeren Setting eine große Charakterstudie werden können.