Eine »amerikanische« Einstellung war mal eine, die den Mann vom Hut bis ungefähr zu den Knien zeigte: Damit man sehen konnte, wie er den Colt zog. Heute müsste »amerikanisch« eigentlich eine Halbnahe heißen, in der man den Mann bis zur Kante seines Schreibtisches sieht. Hier finden sich die Waffen der Moderne: Telefon, Computer und Flaschen mit rosafarbenem Pepto-Bismol gegen die Nachwirkungen opulenter Geschäftsessen. Die meisten Schreibtische der Welt stehen wahrscheinlich in Manhattan; in den Großraumbüros der Hochhaustürme formieren sie sich zu Schützengräben und Frontlinien. Niemand wird da auf offener Szene erschossen. Aber es werden aus der Hüfte heraus Existenzen vernichtet. Davon erzählt J. C. Chandors erster, unabhängig finanzierter Spielfilm Der große Crash – Margin Call , indem er sich nicht nur eine klassische Formel der Bildgestaltung anverwandelt, sondern das ganze Repertoire des Hollywood-Männerkinos: den konzentrierten Stil, die Dramaturgie, die Metaphorik des Westerns und Kriegsfilms.

An einem Sommertag im Jahre 2008 marschiert in einer renommierten New Yorker Investmentbank das »Killerkommando« ein: Entlassungen stehen bevor. Der Cheftrader (Paul Bettany), eins dieser Frontschweine, die alles gesehen haben, kennt die Routine und rät den unerfahreneren Kollegen, in Deckung zu gehen. Hinterher, wenn die Gefeuerten ihre Kakteen in die bereitgestellten Umzugskartons gepackt haben, wird er von einem Blutbad sprechen. Wirklich spannend wird es aber erst, nachdem ein leitender Angestellter der Abteilung Risk Management auf dem Weg in seine »neue Lebensphase« einem jungen Quereinsteiger (Zachary Quinto) einen Stick mit einer inoffiziellen Rechnung zugespielt hat. Das Mathe-Genie belegt, dass die Bank auf einem Haufen wertloser Papiere sitzt und dramatisch unterkapitalisiert ist – der Margin Call , der Moment, in dem sie über die Deckung ihrer Handelspositionen Rechenschaft ablegen müsste, würde ihr das Genick brechen. Die Nachricht wird in einer Serie von Krisensitzungen weitergereicht. Der Firmenchef (Jeremy Irons) weiß zwar nicht, wie so eine Risikorechnung im Detail funktioniert. Aber er hat das große Ganze im Blick und bläst zum Ausfall: Die toxischen Finanzprodukte müssen in wenigen Stunden am nächsten Morgen abverkauft sein – selbst wenn »der Markt« kollabiert. Das hat er, man kann in der Bank unschwer die Firma Lehman Brothers erkennen, deren Zusammenbruch den Höhepunkt der Krise von 2008 markierte, ja auch getan.

Was wir im Kino von der Ökonomie sehen, ist meist nur die Spitze des Eisbergs. Auf der Leinwand wird, über die Genregrenzen hinweg, andauernd Geld geliehen, gestohlen, geraubt, es wird gelogen, betrogen und gemordet um des Geldes willen. Und manchmal fließt es in Form neonfarbener Zahlenkolonnen über die Leinwand – dann haben wir es mit einem Finanzthriller im engeren Sinne zu tun. Den klassischen Finanzthriller hat Oliver Stone 1987 gedreht. Wall Street war eine adrenalingeladene Geschichte aus einer Zeit, in der Geldverdienen noch glamourös war und High-End-Konsum sexy – selbst Teile der neuen Linken hatten sich damals zu der Vorstellung bekehrt, dass es ein legitimes Bedürfnis nach Versace gibt. Stone feierte diese Kultur der Oberfläche; das charismatische Zentrum seines Films war Michael Douglas als greller Finanzhai Gordon Gekko. Irgendwann in den Neunzigern, die Reagan-Party war vorbei, wurden solche Figuren allerdings peinlich. Die wirklich Reichen fingen an, Pullover zu tragen, die so schlicht waren, dass man ihnen nicht mehr ansah, was sie gekostet hatten. Und sie begannen sich einzubunkern, in einem Land, das der amerikanische Journalist Robert Frank, lange Jahre Reporter fürs Wall Street Journal , als »Richistan« beschrieben hat.

Mehr als zwanzig Jahre nach Wall Street ist vom Glam nichts mehr übrig. Der erste Film, der von der Finanzkrise 2008 erzählte, Sam Raimis From Hell , nahm die Opfer in den Blick, die kleinen Leute mit ihren geplatzten Hypotheken – das konnte nur eine Horrorvision sein. Margin Call führt wieder hinauf ins Management, in das New York, in dem jeder Schlipsträger sich als »Master of the Universe« fühlt. Aber Chandor, Sohn eines Investmentbankers und offenbar vertraut mit dem Business, setzt sich entschieden von allem ab, was Gier als geil erscheinen lassen könnte. Die Anzüge der Männer wirken uniform, die Räume sind kalt und funktional; auf den unteren Ebenen sieht es ein bisschen schmuddelig aus. Und die Zahlen strömen hier nicht mehr munter übers Display, sie sind zu rätselhaften Standbildern erstarrt, ein bisschen wie die dreisprachige Inschrift auf dem Rosettastein, mit dessen Hilfe die Hieroglyphen entziffert wurden: der Computer als Denkmal einer toten Kultur.

Tatsächlich interessiert sich Margin Call weniger für die Bewegung des Geldes als für die Usancen des Metiers, die Verkehrsformen der Menschen. Dabei macht der Film es sich durchaus nicht so leicht, wie er es hätte haben können. Angehörige der Berufsgruppe, die er porträtiert, sind populäre Ziele geworden, nicht nur der Linken, und um die Börse in Wall Street, das Symbol der Abzocke, werden aktuell regelrechte Straßenkämpfe ausgetragen. Der Film zeigt, dass an den Leuten, die ganze Volkswirtschaften in den Finanzschlamassel gerissen haben, nichts Dämonisches ist. Mit Ausnahme von Irons, der ein, zwei Monologe von shakespearescher Boshaftigkeit über die Rampe spricht, wirken die Charaktere eher zurückgenommen, und Chandor, der auch das Drehbuch geschrieben hat, zeichnet sie als einen zusammengewürfelten Haufen: Da gibt es Ex-Wissenschaftler und -Ingenieure, Angehörige unterschiedlicher Nationalitäten, Kulturen und Religionen; manche von ihnen sind Karrieristen, andere haben selbst Hypotheken abzutragen, man fürchtet um Abfindungen und Sozialversicherung. Was diese Menschen zusammenschmiedet, ist das System. Und da macht die Kriegsmetapher erst recht Sinn. Der Büroturm ist eine Kaserne, die Firma eine Maschine, die auf eines hinarbeitet: die Konzentration von Reichtum. Am Ende schickt Kevin Spacey als der gute Sergeant, der wenigstens den Anstand hatte, über seiner Tätigkeit ein Magenleiden zu entwickeln, die ganze Truppe mit einer pathetischen Ansprache in den Sommerschlussverkauf. Das hört sich an, als wäre es das Alamo des Kapitalismus. Aber es wird, das wissen wir längst, nicht das letzte Gemetzel gewesen sein.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio