Altkanzler Helmut Schmidt : Verstehen Sie das, Herr Schmidt?

Weil einige EU-Länder schlecht gewirtschaftet haben, sollen die anderen Mitgliedsstaaten helfen. Die lassen ihre eigene Bevölkerung zahlen, für deren Wohlergehen sie eigentlich zu sorgen haben. Die Menschen haben Angst um ihre Ersparnisse, Ökonomen warnen vor einer Weltrezession – und das alles, weil Griechenland, ein Land von der Wirtschaftskraft Hessens, vielleicht zahlungsunfähig wird.
Helmut Schmidt und Giovanni di Lorenzo © Sigrid Reinichs

ZEITmagazin: Lieber Herr Schmidt, seit Monaten berichten die Medien unaufhörlich über die Turbulenzen auf den Finanzmärkten. Aber soviel die Leute auch lesen und hören, in einem Punkt werden sie nicht schlauer: Wäre die Pleite Griechenlands nun eigentlich ein Desaster für die Europäische Union oder nicht? Können Sie uns aufklären?

Helmut Schmidt: Die ökonomische Bedeutung des griechischen Staates und seiner Volkswirtschaft kann man ermessen, wenn man sich klarmacht, dass das griechische Sozialprodukt etwa 2,5 Prozent des Sozialprodukts der Europäischen Union ausmacht...

ZEITmagazin: ...das Land hat ungefähr die Wirtschaftskraft von Hessen.

Schmidt: Wenn dieser Staat vorübergehend zahlungsunfähig würde, dann wäre das für die Griechen und für alle anderen Europäer ein großes Unglück, aber kein existenziell gefährdendes Unglück. Das gilt sowohl für die wirtschaftlichen als auch die politischen Folgen eines solchen Bankrotts. Die politischen Folgen würden möglicherweise noch schwerer wiegen, denn es könnte der Eindruck entstehen, dass es um die Solidarität unter den Europäern noch viel schlechter bestellt ist, als wir uns das in den letzten Jahren vorgestellt haben. Das Vertrauen in die Gemeinschaft der 27 Mitglieder würde weiter schwinden. Dieser politische Preis wäre zu hoch. Deshalb müssen die Staaten der Europäischen Union Griechenland helfen.

ZEITmagazin: Aber ist nicht der politische Preis für alle beteiligten Regierungen mindestens genauso hoch, wenn sie ihren Bürgern immer wieder erklären müssen, dass Griechenland ein Fass ohne Boden ist? Es gehört doch auch zu den vornehmsten Aufgaben von Politikern, Schaden vom eigenen Land abzuwenden!

Schmidt: Die Griechen sind die älteste Kulturnation Europas. Heute benötigen sie einen durchgreifenden Gesundungsplan, der sich nicht nur auf finanzielle Hilfen beschränken darf. Diesen Plan gibt es noch nicht, er muss erst noch zusammengebaut werden. Im Übrigen halte ich die Abwägung zwischen nationalen Interessen und Unionsinteressen für irreführend; denn die Unionsinteressen sind zugleich nationale Interessen der Deutschen, ganz sicherlich ebenso nationale Interessen der Franzosen, der Holländer, der Polen und vieler anderer europäischer Nationen.

ZEITmagazin: Aber was tun, wenn die Griechen ihre Hausaufgaben nicht machen?

Schmidt: Die bisherigen Ermahnungen, Ratschläge und herablassenden Belehrungen seitens anderer Mitglieder der Europäischen Union haben in Griechenland eine Depression ausgelöst. Ich scheue mich deshalb, den Griechen vorzuwerfen, dass sie nicht ganz so viel gespart haben, wie alle anderen fordern. Denn die Sparerei ist eine der Ursachen für die Depression. Sicher ist jedenfalls, dass die Griechen, egal, wie es jetzt weitergeht, vor einer Reihe bitterer Jahre stehen.

ZEITmagazin: Kann man da nicht sagen: selber schuld?

Schmidt: Wissen Sie, ich will das einmal mit der deutschen Situation nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges vergleichen. Natürlich hätten die Amerikaner oder Franzosen damals sagen können: Die Deutschen haben selber Schuld, lass sie doch verkommen in ihrem Elend! Das haben sie aber nicht getan. Stattdessen haben die Amerikaner den Marshall-Plan erfunden, die Franzosen haben uns 1950 mit ihrem Schuman-Plan die Hand entgegengestreckt. Im Verhältnis zur damaligen Lage Deutschlands und zur Hilfsbereitschaft dieser Länder, die wenige Jahre zuvor noch unsere Kriegsfeinde gewesen waren, ist das gegenwärtige griechische Problem ein minores – und der Teufel soll die europäischen Regierungschefs holen, wenn sie es nicht fertigbrächten, Griechenland zu retten!

ZEITmagazin: Eine höhere Staatsverschuldung in Deutschland würden Sie dafür in Kauf nehmen?

Schmidt: Ich bin nicht der Meinung, dass man Griechenland allein mit Zahlungen retten kann. Und übrigens: Bisher ist noch kein einziger Euro eines deutschen Steuerzahlers nach Griechenland überwiesen worden, das muss man auch mal deutlich sagen.

ZEITmagazin: Es wurden Bürgschaften zugesagt.

Schmidt: Die ganze Aufregung bezieht sich auf die Zukunft. Bisher ist noch nichts gezahlt worden. Ja, es geht um Bürgschaften. Und die werden, wie alles Geld, im Laufe der Zeit etwas an Wert verlieren.

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Kommentare

169 Kommentare Seite 1 von 23 Kommentieren

Giovanni di Lorenzo

hatte sich mal als Journalist einen guten Namen gemacht.

Lang, lang ist`s her ................

Wenn man hier anfängt zu lesen, dann stimmt schon an dem 1. Absatz
über dem Bild "kein Wort".

Also braucht man die Fragen und Aussagen von GdL - erst gar nicht weiterzulesen, denn wenn schon nichts an dem 1. Absatz stimmt, weshalb sollte dann das folgende richtig sein.

Wie wir heute in den Medien erfahren, weiten sich zB ie Proteste in den USA massiv aus. Es sind nicht mehr nur Demos an der Wall Street, nein, sie finden auch in Washington, in Kalifornien und anderen USA Bundesländern statt.

Das ist deshalb von Bedeutung, weil sich ein erheblicher Teil der Bevölkerung Deutschlands und Europas immer noch nach den USA ausrichtet. So gesehen ist es ganz elementar wichtig, dass in
den USA so massiv wie nur irgendmöglich protestiert wird.

Die Zielrichtung der Proteste in den USA ist nachweislich eindeutig gegen die Diktatur des Kapitals gerichtet.

Allerdings haben selbst zahlreiche und selbst gewaltbeinhaltende Demos in Europa bewiesen, dass sie nicht die gewünschten Erfolge gebracht haben.

Nun aber ist über den weltweit bestehenden zeitgleichen Informationsgürtel erstmals erreichbar, dass zeitgleich viele Länder einen Generalstreik am gleichen Tag ausführen können.

Da also Ländergeneralstreiks noch nicht die gewünschten Erfolge gebracht haben, wäre der Erfolg der demonstrierenden Völker deutlich größer, wenn alle zusammen an den gleichen Tagen Generalstreiks ausrufen würden.

Absurd !

„Auf den sogenannten Finanzmärkten tummeln sich intelligente, aber einäugige Idioten. Sie sind blind auf dem Auge, welches das Gemeinwohl im Blick haben sollte, und mit dem anderen Auge schielen sie auf ihre eigene Bonifikation.“

Es ist die Aufgabe der Finanzleute die Profite ihrer Firmen zu maximieren, und sonst gar nichts. Es wäre Aufgabe der Politiker dafür zu sorgen, dass das Gemeinwohl als Folge dieser Profite nicht zu kurz kommt!
[...] Genau diese Art zu „denken“ ist es, die uns den ganzen Ärger ja eingebracht hat!

Und selbstverständlich brauchen wir unter allen Umständen ERST eine sinnvolle Banken Regulierung BEVOR wir auch nur einen einzigen weiteren Euro in den Rachen des Finanzmarktes werfen.

Alles andere ist Veruntreuung, und die ist ein Verbrechen und sonst gar nichts!

„Dabei wissen die Vorstände der Banken oft gar nicht, was ihre Händler gerade machen.“
[...]

Gekürzt. Bitte achten Sie auf eine respektvolle Wortwahl. Danke. Die Redaktion/vn

Auch der Wähler gehört zum System

DrNl schreibt: "Im Neoliberalismus fühlen sich viele Menschen nur noch dem Geld verpflichtet, sie haben es über jegliche Moral gestellt. Jeder einzelne sollte seine Handlungen auf Richtigkeit überprüfen, egal ob Maurer oder Bänker. In dem dann die Leute sagen, der Markt werde schon alles regeln, tun sie so, als hätten sie selbst gar keine Verantwortung daran, als sei das System allein Schuld, auch wenn sie ein Teil des Systems sind. Und sie tun obendrein auch oft noch so, als hätte das System ein Gewissen. Doch Geld hat kein Gewissen."

Sie haben ja Recht: Banker sind Teil des Systems und tragen als Mitwirkende im System Mitverantwortung. Aber auch das Wahlvolk, das seine Regierung nur dann wiederwählt, wenn diese ihm durch Staatsverschuldung finanzierte Wohltaten gewählt, gehört zum System und trägt Mitverantwortung.

Die übersteigerte Maßlosigkeit ist ein Übel

aber wie kann man diesen Trieb wieder auf ein menschliches Maß herunterschrauben.

Ob da Erziehung helfen kann?

Helmut Schmidt ist ein sehr kluger Mann, ich wünschte seine Thesen würden Beachtung finden.

Er hat vollkommen recht, daß Griechenland Investionen braucht und nicht unbedingt Subventionen.

Aber wenn ich mir das "Schicksal" von Ostdeutschland ansehe bin ich leider nicht so optimistisch.

Dort erwartete man auch Investionen, Gewerbeflächen werden europaweit ausgeschrieben, aber wie sieht es dort aus?!

Natürlich muß man immer optimistisch sein.

Aber wenn Firmen lieber nach China gehen oder in die Türkei, warum sollten sie dann nach Griechenland gehen? Genau das ist doch unser Problem. Sie müßten andere Argumente als ökonomische-instrumentelle finden, um den griechischen Standort vorzuziehen.

Ich habe damit keine Probleme andere Gründe zu finden. In der Phantasie, Literatur, Ethik findet man immer andere Gründe als instrumentell-ökonomische.

Aber sind Unternehmer Ethiker, Romantiker, Politiker???

Wessen Diktatur?

Lars Galtung spricht natürlich von der "Diktatur des Kapitals". Das Kapital ist also das Böse und die Menschen (mit Ausnahme der Superreichen und der Banker) sind die verfolgte Unschuld.

Mit Recht aber vergleicht man die Banker mit Dealern, das durch Staatsverschuldung erzeugte Geld mit Drogen und die Nutznießer der Staatsverschuldung, das Wahlvolk, mit Süchtigen.

Wer beherrscht nun die Menschen? Die Dealer? Dann könnte der Süchtige von der Diktatur des Dealers sprechen und sich entlastet fühlen.

Natürlich laden Dealer Schuld auf sich, aber auch die Drogenkonsumenten, die doch mündig sein sollten, sind mitschuldig. Könnte man von einer Diktatur der Süchtigen sprechen? Oder von einer Doppelherrschaft von Dealern und Konsumenten? Vielleicht. Aber mit gleichem Recht auch von einer Diktatur der Sucht.

Re: 2. Absurd !

„Dabei wissen die Vorstände der Banken oft gar nicht, was ihre Händler gerade machen.“
Wieso kann man einen alten Mann, der solchen Unsinn von sich gibt, nicht in endlich Ruhe in seiner Ecke schlafen lassen.....

Für meinen Teil bin ich froh, dass sich dieser alte Mann gelegentlich zu Wort meldet, denn er hat Recht. Hier ein Beispiel für die Richtigkeit seiner Aussage:

http://www.nzz.ch/nachric...

Sie begehen einen Fehler.

Sie gehen davon aus, dass die Menschen mit Freiheit umgehen könnten. Dem ist aber nicht so. Menschen brauchen immer Systeme an die sie sich klammern können. Der Durchschnitts-Mensch ist leider unmündig. Und wenn etwas schief läuft, dann hat eben das System Schuld. Das eigene Verhalten kann gar nicht ursächlich sein. Und daher wird auch gerne ausgeblendet, dass WIR das Finanzsystem sind.

"Ein Unternehmen hat gleichwertig eine gesellschaftspolitisch-

soziale Aufgabe."

Natürlich stimmt das im Prinzip.

Gerade bei AGs ist es aber häufig so, dass nicht mal mehr die längerfristige Ausrichtung des Unternehmens besondere Beachtung findet.

Wenn Abteilungen zu wenig Gewinn bringen, werden sie verkauft. Wenn das Unternehmen neu ausgerichtet werden soll, wird etwas zugekauft. Investitionen werden dort getätigt, wo kurzfristig die höchsten Profite erzielt werden können. Darüber hinaus gibt keine Bindungen zu den Standorten oder zu der Belegschaft.

Das sind die vorherrschenden Konzepte in den Vorstandsetagen. Der Grund ist einfach, es sind BWLer und keine Ingenieur, es sind angeheuerte Manager und keine Unternehmer mit Familien-/Unternehmenstraditionen.

Die Unternehmen mit gesellschaftlicher Verantwortung sind stets in Gefahr, von den kapitalistisch hocheffizient gemanagten AGs aus den Feld geschlagen zu werden. Es gibt nicht mal Steuervergünstigungen für nette und sozial verantwortliche Arbeitgeber.

Das alles könnte nicht so schlimm sein, wenn der Raubtierkapitalismus in Staat und Gesellschaft nicht offiziell akzeptiert und genehmigt wäre.

Wir führen seit Jahren "Neid"-Debatten aber keine "Gier"-Debatten. Armut wird als Beweis akzeptiert, dass auch bei uns der Kapitalismus gut funktioniert und nicht "unnötig" Energie und Ressourcen an die Underperformer der Gesellschaft verschwendet werden.

Kritik aus Unkenntnis

Vielleicht koennte ich Ihren Kommentar ernster nehmen, wenn er nicht durchweg auf Schmidts Alter anspielen wuerde. Wenn ich mit Ihnen nicht uebereinstimme, darf ich Sie dann auch als senil hinstellen?
Und zu Ihren "Argumenten": Profitmaximierung ist doch etwas vielschichtiger, als Sie wahrhaben wollen. Nicht zuletzt in den Investmentbanken selbst gibt es immernoch Stimmen, die eine Rueckkehr zum Partnership Modell fordern - Zeiten, in denen Goldman "greedy, but long-term greedy" war. Die Risikoneigung und der Umgang mit Klienten unterscheidet sich zwischen Instituten und Eigentuemermodellen erheblich; insofern ist Schmidts Vorwurf verstaendlich.
Und Ihr zweiter Kritikpunkt ist dermassen laecherlich... Selbstverstaendlich sind viele Vorstaende vom Tagesgeschaeft entfernt; das mag man beklagen und kann versuchen, es zu mindern, es aendert aber nichts an den Tatsachen.

Umdenken und kontrollieren!

Endlich spricht ein (Ex-)Politiker aus, was Sache ist! Schmidt hat mehr Hirn als manche Regierungen zusammen und erkennt deutlich, wo der Hase im Pfeffer liegt: Die Finanzinstitutionen, die ohne Kontrolle und ausschlißlich zum eigenen Vorteil verantwortungslos agieren. Deshalb müssen sie an die Kandarre genommen werden - sogar die Amerikaner kommen schön langsam drauf! Nur gewisse Politiker und Spekulanten wehren sich und genau diese - wie auch Schmidt über die US-Republikaner sagt - werden umdenken müssen, bevor es zu spät ist.

Italien hat seinen Mezzogiorno nicht in 150 Jahren gesellschaftlich und wirtschaftlich in die Moderne zu führen vermocht. Aber Schmidt-Schnauze saniert Griechenland mit Fingerschnipsen und Marshallplan?

Manager müssen es irgendwann einsehen, wenn die Übernahme einer Firma gescheitert ist (s. Daimler-Benz: AEG, Chrysler, Dornier ...).

Unsere Politiker dagegen glauben, unlösbare Probleme mit flotten Sprüchen ausrrrrrradieren zu können. Warum wir uns das bieten lassen, erklärt uns ein (ehrlicher) Grieche (!), der Soziologe Michael Kelpanides (http://www.faz.net/aktuel...): "Der Korrekturmechanismus der Konkurrenzdemokratie in Deutschland [ist] gegenwärtig gestört"!

Eindringlich und überzeugend begründet warnt Kelpanides Deutschland vor Rettungswahn: absoluter "Lesebefehl", Herr Hauptmann Helmut!

Und was Schmidts Modernisierungsillusionen angeht:
"Die griechische politische Klasse befindet sich gegenwärtig in einer ähnlichen Situation wie diejenige Italiens beim Ausbruch des als Tangentopoli bezeichneten Skandals in den neunziger Jahren. Aus der Kompromittierung der politischen Klasse Italiens folgte damals allerdings mitnichten eine politische und moralische Erneuerung, ..... Dasselbe wird, fürchte ich, auch für Griechenland gelten."

[...]

Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl und verlinken Sie auf Blogs von Ihrer Profilseite. Danke, die Redaktion/mk

"Eindringlich und überzeugend begründet warnt Kelpanides

Deutschland vor Rettungswahn"

Kelpanides ist nur ein weiterer Pseudo-Falke, wie all die anderen Möchtegern Starken Maxe, die in der FAZ so häufig zu Wort kommen.

Wie's mit dem Super-Duper-Ordnungspolitikern in Wahrheit aussieht, haben wir doch in Amerika und weltweit nach der Lehman-Pleite, die selbst mehr Unfall als Absicht war, gesehen. Da hatten sie alle die Hosen gestrichen voll und haben den Banken vorne und hinten die Steuergelder reingestopft, bis die nicht mehr Papp sagen konnten.

Die starken Maxe bei der FAZ sind dann am stärksten, wenn sie nicht in der Verantwortung stehen und sie wissen, dass ihre starken Worte außer dem frenetischen Beifall der im Pseudo-Falken-Geiste tief verbundenen FAZ-Leser keine Konsequenzen haben werden.