Sie nennen ihn »Birkenstock-Heiri«. Die Architekten in Zürich sind auf Heinrich Gugerli nicht gut zu sprechen. Denn an ihm, dem Leiter der Fachstelle für nachhaltiges Bauen , kommt niemand vorbei, der in der Stadt mit öffentlichen Geldern plant. Gugerli entscheidet, ob ein Entwurf den hohen Ansprüchen an die Energieeffizienz genügt. Ist das nicht der Fall, muss nachgebessert werden. Und Gugerli lässt häufig nachbessern. »Die Zusammenarbeit mit den Architekten ist manchmal schwierig«, sagt er. »Wir müssen extrem kämpfen für unsere Sache.«

Gugerlis Sache ist die 2.000-Watt-Gesellschaft. Bis ins Jahr 2050 wollen die Schweizer Städte Zürich, Basel und Genf ihren Energieverbrauch von 6.000 Watt auf 2.000 Watt Dauerleistung pro Kopf reduzieren. Das entspricht 17.500 Kilowattstunden pro Jahr und Person. So viel, wie der Durchschnittsschweizer heute jährlich allein bei der Fortbewegung verbraucht. Trotzdem soll die Lebensqualität der Stadtbewohner nicht leiden – so lautet zumindest das Versprechen der Stadtväter. Die Wähler, die dort Stimmbürger heißen, brachten sie damit auf ihre Seite.

Grün sein ist cool in der Schweiz .

Es war ein denkwürdiger Sonntag, jener 30. November 2008, als die Stadt Zürich ihre Energiezukunft besiegelte. Gegen die Dachverbände der Schweizer Wirtschaft, die sich sonst kaum in kommunale Abstimmungskämpfe einschalten, beschlossen die Zürcher den Atomausstieg auf Raten – lange vor Fukushima und dem Ausstiegsentscheid der Landesregierung. Gleichzeitig stimmten die Zürcher für die 2.000-Watt-Gesellschaft. »Der Zürcher Lebensstandard fällt auf das Niveau der Republik Kongo oder das von Jemen zurück«, wetterte der Gewerbeverband im Abstimmungskampf. Aber der Konsens war zu breit, Befürworter fanden sich bis weit ins bürgerliche Lager.

Seither ist Zürich auf dem Weg zur Öko-City. Ein neues Stadtspital für 290 Millionen Franken und ein Altersheim-Neubau für 62 Millionen Franken fügen sich ein in die 2.000-Watt-Gesellschaft. Auch die Baugenossenschaften, denen ein Viertel des städtischen Wohnbestands gehört, setzen sich ein für dieses Ziel. Die Energiezukunft lässt sich anfassen – und real bewohnen.

Doch es gab auch heftigen Widerstand – vonseiten der Architekten. Sie spürten als Erste, was es heißt, für eine nachhaltige Gesellschaft zu bauen. Kompakte Gebäudeformen wurden bei Wettbewerben bevorzugt. Das Verhältnis von Fassadenfläche zu Volumen soll nun möglichst klein sein, weil das den Energieverbrauch minimiert. Feingliedrige Grundrisse, große Spannweiten, zahlreiche Untergeschosse sind kaum mehr realisierbar. Als immer mehr Neu- und Umbauten in dreißig Zentimeter dicke Wärmedämmungen gepackt wurden, machte bald das Wort von der »Isolationshaft« für Gebäude die Runde. Der Unmut der Architekten war durchaus begründet: Denn auch Investoren mögen Kompaktheit. Wer mehr Wohnungen , mehr Büros auf dieselbe Fläche baut, erzielt eine höhere Rendite. Doch wenn Ökologie und Ökonomie zusammengehen, bleibt die Schönheit meist auf der Strecke. Zumal in Städten wie Zürich oder Genf, wo Wohnraum Mangelware ist.

Dann kam er: Hansjürg Leibundgut, Professor für Gebäudetechnik an der ETH Zürich. Ein Ketzer, der es wagte die 2.000-Watt-Gesellschaft infrage zu stellen. Im vergangenen Dezember probte Leibund- gut zusammen mit einigen ETH-Architekturdozenten den Aufstand. Leibundgut will Emission und Energieverbrauch entkoppeln. Das Ziel sollte eine »1-Tonnen-CO₂-Gesellschaft« sein, sagt er. Eine Tonne Kohlendioxid pro Jahr und Kopf dürfe ein Mensch verbrauchen – heute pusten die Schweizer 5,8 Tonnen in die Atmosphäre, die Deutschen deren elf. Leibundgut sagt, die Welt habe ein Klima- und kein Stromproblem. Seine Forderung: Macht endlich Schluss mit dem Dämmwahn!