Meine Mutter, mein Vater und ich gehörten, solange ich mich erinnern kann, zur Unterschicht. Meine Eltern sind Langzeitarbeitslose. Geändert haben sich im Lauf der Jahre nur die Bezeichnungen, unter denen in der Öffentlichkeit über Leute wie uns diskutiert wurde: Sozialhilfeempfänger, Prekariat, Langzeithartzer. Und die Subventionen, die man uns zuteilte: Mal lebten wir aus dem Zuschusstopf für Niedriglöhner, mal aus dem Weiterbildungstopf, mal aus dem Ein-Euro-Job-Topf und, weil mein Vater sogar einmal versucht hat, sich selbstständig zu machen, auch aus dem Gründungszuschuss-Topf. Mittlerweile sind meine Eltern beide im Rentenalter und erhalten einen kleinen Grundbetrag mit ergänzender Sozialhilfe. Leider ist bei keinem der beiden die sogenannte Integration in den Arbeitsmarkt gelungen. An der Zahl der Bewerbungen, dem mangelnden Wunsch nach Unabhängigkeit und nach Arbeit, lag das nicht.

In der Öffentlichkeit finden Hartz-IV-Empfänger vor allem Beachtung als Jammerlappen, Fertiggerichtekocher, Flachbildschirmkäufer. Manchmal wird in Talkshows und Reportagen auch das Gegenbild vorgeführt, meist in Form einer tapferen Alleinerziehenden, die ohne Schuld in Not geraten ist. Meine Eltern gehören weder zur einen noch zur anderen Gruppe: Sie haben ein mittleres Bildungsniveau, sie legen Wert auf gesunde Ernährung, und sie hören Kulturradio, statt Bild zu lesen. Aber natürlich waren sie nicht nur Opfer der Verhältnisse, sie haben Entscheidungen getroffen, manchmal (wie viele Menschen) eben unkluge. Und obwohl es viele gibt wie sie, liest man nichts von ihnen: Hartz-IVler sind nicht in der Position, ihre Geschichten erzählen zu können, sie haben keine Lobby, und so bleibt der Begriff »Hartz IV« in Deutschland mit ein, zwei Klischeebildern assoziiert, die der Politik dabei helfen, diese Menschen weiter zu entrechten, und der Mittelklasse dabei, sich emotional von Leuten zu distanzieren, die ihnen vielleicht näher sind, als sie glauben.

Zum Beispiel denken viele, dass Hartz-IV-Empfänger keine Arbeit finden, weil sie faul sind und weder Interessen noch Talente haben. Meine Eltern aber hatten Ziele, doch sie haben sie trotz ihrer Anstrengungen, ihrer Qualifikationen und ihres Engagements nicht erreicht. Mein Vater konnte seine Ausbildung zum Betriebseisenbahner wegen Depressionen und Angstzuständen nicht beenden, danach war er eine Zeit lang in psychiatrischer Behandlung. Es folgten eine abgebrochene Ausbildung zum Funkmechaniker und eine abgeschlossene Lehre als Industriekaufmann. Für eine Weile schien es gut zu laufen für ihn, er holte auch das Abitur nach. Aber nach dem zweiten Studiensemester Politik ist er »auf der Taxe hängen geblieben«, wie er sagt.

Ich glaube, mein Vater war durchaus begabt. Er hat früher gezeichnet, Eisenbahnszenen, Blicke aus dem Zugfenster. Er hat ein gutes Gedächtnis. Politische Daten, sämtliche Bundeskanzler kennt er auswendig: Akribisch archiviert er die Vergangenheit.

Sozialhilfe ist wie eine lange, nie endende Diät

Meine Mutter wollte gerne OP-Schwester oder Entwicklungshelferin werden. Doch schon kurz nach der Ausbildung zur Krankenschwester zeigte sich, dass sie der Belastung des Berufs nicht gewachsen war. Sie wollte das Abitur nachmachen und Philosophie studieren, aber dann kam ich. Als ich noch nicht einmal ein Jahr alt war, trennten sich meine Eltern. Das hat das Leben meiner Mutter sicher nicht einfacher gemacht. Was sie aber nie verloren hat, waren ihr Wissensdurst und ihre Vorliebe für klassische Musik, gelehrte Radiobeiträge, theologische Fragen und Literatur. Sie hat drei Jahre lang die Biografie eines schwedischen Opernsängers mit dem Wörterbuch übersetzt, obwohl sie kein Schwedisch konnte. Im Laufe der Jahre hat sie mehrere Ein-Euro-Stellen gehabt, im Büro, in der Wäscherei, im Sekretariat des Jugendamtes. Sie sagt, sie war immer froh, wenn sie arbeiten, sich nützlich fühlen konnte. Später war sie bei einer Aufbauausbildung vom Arbeitsamt zur medizinischen Schreibkraft eine der Besten in ihrer Klasse. Aber eine Anstellung hat sie nicht gefunden. Vielleicht war sie in den Bewerbungsgesprächen zu schüchtern, oder man hat ihr den Umgang mit dem Computer nicht zugetraut. Meine Eltern sind nicht die einzigen Langzeit-Hartz-IVler mit ungenutztem Potenzial: Eine Studie mit dem Namen Alg-II-Bezug ist nur selten ein Ruhekissen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung von 2010 kommt zu dem Ergebnis, dass 65,5 Prozent der Hartz-IVler erfassten Aktivitäten nachgehen, sie arbeiten ehrenamtlich und suchen aktiv Arbeit. Die Motivation ist hoch, doch die Erfolge sind bescheiden, so lautet das traurige Fazit.

Meine Mutter ist eine kleine, zierliche Frau. Sie ist geradezu hager, und sie geht mit leichten, federnden Schritten, sie sieht aus, als könnte sie jederzeit davongeweht werden. Man merkt meiner Mutter sofort an, dass sie anders ist, vielleicht wegen ihrer Zerbrechlichkeit und ihrer leisen Stimme. Sie hat sich angewöhnt, nur das Nötigste zu essen. Jetzt kann man sie schwer dazu überreden, daran etwas zu ändern. »Mein Magen ist so empfindlich«, verteidigt sie sich. Mein Vater dagegen spart nicht so sehr am Essen. Bei ihm ist es die Kleidung. Er trägt, was sauber und praktisch ist. Wie alt seine Kleidung ist, wie modisch, spielt keine große Rolle. Auch bei Möbeln zählt allein die Funktion (er hatte immer ein Faible für Plastikbecher, Plastikteller und Plastikschalen).

Auch das ist typisch: Nicht wenige von Armut Betroffene, das zeigt die Soziologin Claudia Schulz in einer Studie, fangen an, am eigenen Körper zu sparen. Am Schönen, an Wäsche, an Kosmetik, am Essen. Kurz, sie hören auf, dafür zu sorgen, dass sie sich gut fühlen. Sie halten das für unverdienten Luxus. Nur für die Kinder gibt man Geld aus.

So war es auch bei uns: Mein geliebtes großes Stoffhuhn von Steiff konnten wir uns eigentlich nicht leisten. Überhaupt entspricht das Klischee, Hartz-IVler gäben ihr Geld für Flachbildschirme und MP3-Player aus statt für Bildung und Zoobesuche, nicht meiner Erfahrung. Meine Mutter hat es geschafft, mir Musik- und Ballettunterricht zu ermöglichen. Das habe ich ihrer Disziplin, ihrem Dispokredit (ein Privileg für besonders zuverlässige Sozialhilfeempfänger) und Köllns Haferflocken zu verdanken. Haferflocken sind die perfekte Notfallnahrung. Sie machen satt und enthalten Vitamin B1, B6 und E, Zink, Eisen und Calcium, Ballaststoffe und ungesättigte Fettsäuren. Hatten wir zu viel ausgegeben, versprachen wir uns: »Nächsten Monat essen wir nur Haferbrei.« Daran hat sich von uns beiden nur meine Mutter gehalten.

Sozialhilfe ist wie eine lange, nie endende Diät. Hunger kenne ich nicht, aber diese Appetitlosigkeit, weil es oft nur zwei Dinge zur Auswahl gab: Zwieback oder Äpfel, während ich von saftigen Soßen oder von gefüllten Keksdosen träumte. Wenn andere Fruchtzwerge und kleine Chipstüten in die Schulpause mitbrachten, gab es bei mir immer das Gleiche: Schwarzbrot mit Frischkäse oder manchmal auch nur Knäckebrot und ein Stück Käse – und immer diese Äpfel. Müsli konnte mich auch in Form liebevoll gebackener Kekse längst nicht mehr begeistern. Am Monatsanfang, wenn wieder Geld gekommen war, erfüllten wir uns ein paar Extrawünsche: Bücher, Ballettkleidung für mich oder besondere Schokolade. Freitags hatten wir ein kleines Ritual entwickelt, das darin bestand, eine Tiefkühlpizza zu verspeisen und unsere Lieblingsschallplatten zu hören. Auch Feiertage bedeuteten für uns vor allem, etwas Besonderes zu essen. Eine teurere Marmelade, eine Zucchini statt Kartoffeln.

Meine Eltern haben versucht, anständige Sozialhilfeempfänger zu sein. Keinen Ärger zu machen, nicht zu viel zu fordern. Ihre Würde zu bewahren und ihre Scham zu verbergen. Sie haben getan, was viele tun, die wissen, dass sie als Bodensatz der Gesellschaft wahrgenommen werden, als Gruppe statt als Individuen mit einer Geschichte.

Nicht genug Geld zu haben, um am sozialen Leben teilzunehmen, führt bei vielen Arbeitslosen dazu, dass sie sich zurückziehen, sagen die Forscher. Sie grenzen sich selbst aus dem gesellschaftlichen Leben aus, bevor es jemand anderes tut. Viele, die niemanden mehr finden, mit dem sie sich solidarisieren können, brechen ihre sozialen Kontakte allmählich ab und werden einsam. Die wenigsten wollen Teil eines auf den Staat schimpfenden Parkbank-Klubs werden. Dann doch lieber alleine. Jede Unternehmung scheint voller Hindernisse: Wenn ich versuche, meine Mutter dazu zu bringen, unter Leute zu gehen und Volkshochschulkurse oder andere Veranstaltungen zu besuchen, bekomme ich nicht endende Einwände zu hören – Fahrkosten, Eintritt, die körperlichen Strapazen der Fahrt, der Luftzug in den Räumen. Wenn ich ihr sage, dass sie sich zurückzieht, protestiert sie. Meine Mutter sagt, dass sie doch teilnehme am Zeitgeschehen. Sie beobachte und mache sich Gedanken darüber, was sie in den Nachrichten höre. Erst vor Kurzem habe sie sich doch mit der Postbotin unterhalten.

Trotz allem bin ich stolz auf meine Eltern

Es scheint, als hätten viele arbeitslose Hartz-IV-Empfänger mit persönlichen, familiären oder gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. In der Statistik der Bundesagentur für Arbeit wird diese Gruppe »die Entmutigten« genannt. Sie sind laut einer Studie des Leibniz-Instituts für Arbeitsforschung nicht unmittelbar arbeitsfähig. »Multiple Vermittlungshemmnisse« heißt das in der Amtssprache. In der Studie wird empfohlen, die Betreuung der Entmutigten zu verbessern. Es solle stärker auf ihre individuelle Situation eingegangen werden, auf ihre gesundheitlichen oder familiären Probleme. Ich denke, so eine Beratung hätten auch meine Mutter und mein Vater gut gebrauchen können.

Meine Eltern sind ungewollte Nachkriegskinder, beide waren im Heim, sind ohne Vater aufgewachsen, ohne warmes Familiennest – sie gehören zu einer Generation, die mit ihrer Verlorenheit bereits Bücher füllt. Ob sich diese Verlorenheit vererben kann? Obwohl manche meiner Verwandten viele Jahre im selben Bezirk wohnten wie ich, sind sie für mich wie Fremde geblieben. Das hat mich und meine Eltern aber nicht zusammengeschweißt. Mein Vater und ich hatten jahrelang keinen Kontakt. Gegen den Willen meiner Mutter bin ich mit 17 ausgezogen. So weit weg, wie ich konnte. Damit das alles nicht zu traurig klingt, muss ich noch hinzufügen, dass ich nach drei Jahren zurückgekommen bin und dass meine Familie mir heute – ich bin jetzt 32 – viel bedeutet. Trotz allem bin ich stolz auf meine Eltern. Ich würde sie immer verteidigen. Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich besonders geduldig mit ihnen umgehe, wenn andere dabei sind. Es ist mir wichtig, dass andere sehen, wie sehr sie respektiert werden – von mir.

Doch, einen Punkt gibt es, in dem wir dem Klischee entsprachen. Diesen habe ich, zum Glück, erst später verstanden: Ich wusste immer, dass mein Vater schlecht einschlafen konnte und abends Wein oder Bier trank, bis er müde war. Aber ich habe nie darüber nachgedacht, dass er Alkoholiker sein könnte. Er war nie betrunken in meiner Gegenwart. Dass ich als Kind auch deshalb oft vergeblich auf seine Besuche gewartet habe, weil er einen Kater hatte, wurde mir erst später klar. Als ich 29 war, lag er nach einem Unfall einige Monate im Krankenhaus. Ich habe mich um alles gekümmert. Damals fand ich in seiner Wohnung Notizbücher, in denen er akribisch dokumentiert hatte, wie viele Gläser Prosecco er pro Tag getrunken hatte. In manchen Dingen ist er sehr korrekt. Erst in diesem Moment ist mir bewusst geworden, dass mein Vater viele Jahre lang ein Alkoholproblem hatte. Regelmäßig kleine Mengen, alleine zu Hause. Er habe sich wegträumen wollen, ganz früher habe das auch noch geklappt, hat er mir erzählt. »Es schmeckt mir nicht mehr«, sagt er jetzt.

Im Krankenhaus fragte mich eine Ärztin nach seinem Alkoholkonsum: ob das wirklich Vergangenheit sei? Ich weiß noch, wie sie mich ansah: mit so einer Mischung aus Mitleid und Respekt. Erst war es irgendwie angenehm, dann sträubte sich etwas in mir. Ich will mich nicht als Opfer sehen und meinen Vater als bedauernswert. Ich will, wie jedes Kind, meinen Vater lieben und respektieren. Dahin zu kommen war nicht einfach. Er schläft noch heute mit dem Plüschstern in der Hand ein, den ich ihm geschenkt habe, als er nach der Operation bewegungslos im Krankenhaus lag.

Das ist vielleicht das Schwierigste daran, ein Kind von Beitragsempfängern zu sein: dass man seine Eltern hilflos und gedemütigt erlebt. Es ist schwer, jemanden als Vorbild zu sehen, auf den man sich nicht verlassen kann, der sich selbst als »ollen Knacker« beschreibt, auch wenn er dabei lacht. Ebenso schwer ist es, sich in der Welt einen Platz zu schaffen, wenn diejenigen, die dir zeigen sollen, wie das geht, selbst keinen Platz haben. Als ich das erste Mal mit meiner alleinerziehenden Mutter auf dem Amt saß, auf einer Steinbank in einer Steinhalle, war ich keine drei Jahre alt. Es gab keine Ecke, in der ich hätte spielen können, meine Mutter weinte. Einmal wurde sie während eines Praktikums, das Teil einer Weiterbildungsmaßnahme war, von der Chefin gefragt, ob sie das Alphabet könne. Das hat sie mir erst Wochen später erzählt. Meine empörte Frage, ob sie nicht etwas gegen diese Frau unternehmen wolle, war ihr unangenehm. »Nein, da kann man nichts machen. Sonst gibt es nur noch mehr Ärger«, sagte sie. »Irgendwann finde ich einen Weg, dich zu rächen«, dachte ich wütend und stellte mir vor, wie ich auf dem Amt die Schreibtische umwerfe.

Sie bewundern mich und verstehen nicht, dass ich mir selbst Sorgen mache

Meine Mutter wollte, dass ich alles, was sie mir zu Hause nicht bieten konnte, bei anderen erlebe. Es waren oft die Eltern meiner Freunde, die den Eintritt für die Eisbahn für mich bezahlten und mich mit in den Urlaub nahmen. Mir schien es irgendwie normal, dass andere für mich etwas auslegten, wenn meine Mutter kein Geld hatte. Auch dass meine Klassenlehrerin in der Siebten mir einmal heimlich zu Weihnachten eine kleine grüne Schachtel mit einem Fünfzigmarkschein überreichte, berührte mich damals, aber es wunderte mich nicht. Eine »einmalige Beihilfe«, würde man im Hartz-IV-Jargon sagen. Der Preis dafür war ein gewisses Schamgefühl, das mit den Jahren in mir wuchs: etwas zu bekommen, das mir nicht zusteht. Das Gefühl, nichts zurückgeben zu können und nicht richtig dazuzugehören. Bemitleidenswert zu sein.

»Du bist das einzig Vernünftige, was wir hingekriegt haben«, hat mein Vater einmal halb im Spaß zu mir gesagt. Ich bin die Erste, die in unserer Familie das Studium abgeschlossen hat. Haben wir über die Zukunft gesprochen, habe ich von beiden schon den Satz gehört: »Du machst alles viel besser als ich damals, du bist stärker, dir wird das nicht passieren.« Sie bewundern mich und verstehen nicht, dass ich mir selbst Sorgen mache. Und warum sollten sie nicht recht behalten? Bildung gilt noch immer als der sicherste Weg zu einem besseren Leben. Trotzdem werden meine Zweifel größer. Werde ich auch zu früh aufgeben – wie meine Eltern? Kommt nach einer verpassten Chance wirklich noch eine neue? Ich habe das Gefühl, dass ich mir keine Niederlagen leisten darf, selbst in meinen Hobbys. Jede Schwäche ist ein Beweis dafür, dass ich kein Durchhaltevermögen habe. Wenn ich abends vor dem Computer versacke und Serien schaue, statt bis Mitternacht zu arbeiten, dann spukt in meinem Hinterkopf der Satz: »Du hast keine Disziplin. So wird nie etwas aus dir.« Wenn ich mich vor etwas drücke, dann sagt eine innere Stimme: »Du bist nicht gut genug.« Wenn ich von etwas träume, eine Band zu gründen oder ein Jahr um die Welt zu fahren, reagiert mein Unterbewusstsein sofort mit »Dafür ist es jetzt schon zu spät«. Klar, anderen geht es auch so. Aber wenn ich laut sagen würde, dass ich oft nicht daran glaube, dass ich je genug verdienen werde, um ein Leben mit eigener Waschmaschine und Urlaubsreisen führen zu können, würden mich die meisten meiner Freunde verständnislos anschauen. Warum fällt es mir so schwer, mich durch ihre Augen zu sehen?

Wie damals, im Krankenhaus, als ich mich durch die Augen meines Vaters betrachten konnte. Wir hatten mehr als ein Jahr lang nicht miteinander gesprochen. Dann sah ich ihn in seinem Bett – hilflos und dankbar, dass ich gekommen war. In seinem Blick lag alles, was er mir nie sagen konnte: dass ich schon lange stärker bin als er.

Es heißt oft, dass Kinder von Sozialhilfeempfängern ihrerseits zu Beitragsempfängern heranwüchsen, weil ihnen die Bildung fehle oder die Fähigkeit, morgens aufzustehen. Ich weiß nicht, ob das das eigentliche Problem ist, dachte ich, als ich meinen Vater im Krankenhaus besuchte, als ich ihm auf dem Flur heimlich die erste Zigarette nach der OP anzündete und er mir begeistert von seiner letzten Reise auf Google Earth erzählte. Mein Vater glaubt an mich, wie wahrscheinlich die meisten Eltern an ihre Kinder glauben. Aber kann ich dem Urteil von Eltern vertrauen, die so häufig falschgelegen haben?