Jean-Luc Godard"Es kommt mir obszön vor"

Warum Jean-Luc Godard den Technikwahn des Kapitalismus für unanständig hält. Ein Gespräch über Geld, Europa, seinen Hund und sein neues Werk "Film Socialisme". von 

Der Regisseur Jean-Luc Godard Godard

Der Regisseur Jean-Luc Godard Godard  |  © FABRICE COFFRINI/AFP/Getty Images

DIE ZEIT:Jean-Luc Godard, welches Verhältnis haben Sie zum Geld?

Jean-Luc Godard: Es ist für mich kein Selbstzweck, sondern ein Mittel zum Zweck. In einem Buch von ehemaligen Kämpfern der Résistance sagten diese Kämpfer, dass das Geld bis 1943 in der Résistance ein reines Tauschmittel gewesen sei, um zu überleben, um Waffen zu kaufen. Nicht, um etwas zu verdienen. Mein Problem besteht darin, dass ich immer von dem Geld für den Film lebe, den ich gerade drehe. Daher muss ich immer weiter Filme machen.

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ZEIT: Sehen Sie sich als Mitglied einer kulturellen Résistance?

Godard: Das ist ein zu großes Wort.

ZEIT: In Ihrem neuen Werk Film Socialisme heißt es zu Beginn: »Geld ist ein öffentliches Gut, wie das Wasser.«

Godard: Natürlich ist Geld kein öffentliches Gut. Aber das sollte es sein. Ein Tauschmittel für alle. In unserem System sieht es so aus, dass sich manche des Geldes bedienen und andere überhaupt nicht. Das Problem ist nicht, dass die einen mehr und die anderen weniger haben, sondern dass manche überhaupt nicht in das Tauschsystem eintreten können.

ZEIT: Sie leben auch vom Geld, das Sie durch Ihre Urheberrechte einnehmen...

Godard: Sie sind ein Teil meines Einkommens. Gäbe es sie nicht, wäre das auch in Ordnung. Es gibt kein geistiges Eigentum. Autoren haben keine Rechte, nur Pflichten. Und ich bin dagegen, dass Autorenrechte ein privates Eigentum sind, das einen befugt, darüber zu entscheiden, ob ein Film gezeigt werden darf. So wie zum Beispiel der Enkel von Matisse darüber entscheiden kann, ob ein Bild angesehen werden kann oder nicht.

ZEIT: Warum heißt Ihr neues Werk Film Socialisme ?

Godard: Hätte man als Titel nur das Wort socialisme genommen, wäre der Bezug zum realen Sozialismus zu stark geworden. Zur Geschichte auch. Man hätte den Film als politisches oder militantes Statement gelesen. Film Socialisme ist etwas anderes.

ZEIT: Und was genau?

Godard: Ein Vorschlag, eine Frage, eine Collage.

ZEIT: Der erste Teil spielt auf einem Kreuzfahrtschiff. Man sieht meist ältere Leute in der Schlange vor dem Buffet, beim Shoppen, an den Spielautomaten. Dieses Schiff wirkt wie eine endzeitliche Fantasmagorie.

Godard: Die Leute dort sind aber nicht unglücklich. Das Schiff hat fünf oder sechs Etagen, und auf jeder Seite gibt es Kabinen, die nicht mal richtige Fenster haben, keinen Meerblick. Es sind die billigsten Kabinen. Trotzdem gibt es Leute, die da drinnen Ferien machen wollen. Es ist weniger die Endzeit als der Triumph des Kapitalismus . Zum Glück haben wir auf diesem Schiff einen Film gedreht, sonst hätten wir es nicht ausgehalten.

ZEIT: Ihre Kreuzfahrt führt an die antiken Orte der europäischen Kulturgeschichte: Ist das Schiff auch eine schwimmende Metapher Europas?

Godard: Eines Europas, das in seiner Geschichte verloren ist.

ZEIT: Ist Europa nur noch eine finanzielle Konstruktion? Die Reise Ihres Schiffes führt auch nach Griechenland...

Godard: Der Tourismus hat sehr von Griechenland profitiert. Alle sind hingefahren. Die Deutschen, die Franzosen, die Briten haben Griechenland verdorben, so wie sie Tunesien und andere Länder verdorben haben. Daher sollten wir den Griechen etwas zurückzahlen. Es gäbe eine einfache Lösung für die griechische Schuldenkrise: Wann immer man sich beim Sprechen der Logik der alten Griechen bedient, müsste man zehn Euro überweisen. Und wer Geld hat, aber keines geben will, hätte nicht mehr das Recht, sich dieser Logik zu bedienen. Er wäre gezwungen, ein bisschen anders zu denken.

Leserkommentare
    • this.
    • 06. Oktober 2011 15:53 Uhr
    1. Jaja..

    früher war alles schöner..

    Eine Leserempfehlung
    • TDU
    • 06. Oktober 2011 16:24 Uhr

    Immer wieder gute Ideen hat der Mann. Nur die politisch/wirtschaftlichen Fragen: warum nicht nur ein Aschenbecher, Handy und Technik - Die sollte er filmisch umsetzen wegen seiner verbalen Klischees bei der Kritik.

    In einem widerspricht er sich: gegen das Urheberrecht sein aber Griechenland Geld zahlen. Dennoch keine schlechte Idee: Vielleicht würden sich einige wieder bewusst werden, was sie bedeutet, wenn sie zahlen müssten, bevor sie drüber reden.

    • revm
    • 06. Oktober 2011 16:32 Uhr
    3. Stimmt

    Seit dem Beginn der Finanzkrise muss ich oft an Spengler denken, obwohl ich mich ihm überhaupt nicht verpflichtet fühle. Trotzdem scheint mir seine Analyse der Demokratie in den letzten Kapiteln von "Der Untergang des Abendlandes", ausgesprochen hellsichtig und treffend zu sein. Es lassen sich aber eine Reihe anderer Autoren beistellen: Man denke nur an Toynbee, Jaspers, Nietzsche, Burckhardt, Kraus - die Liste würde sehr lang. "Die Kritik der zynischen Vernunft" von Sloterdijk ist recht angenehm lesbar.

    Ein Wort zu Bild und Sprache: Die Philosophie, insbesondere die Geschichtsphilosophie bemüht sich längst die Linearität der Geschichtsschreibung zu brechen. Benjamins "Begriff der Geschichte" oder auch Deleuze "Tausend Plateaus" sind hierfür Beispiele.

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  1. Nostalgie und "Heimweh" nach weniger technisierter Welt würde uns allen sehr viel besser bekommen, als die meisten vermuten...

    Und zugeben würden...

    Und alles wundert sich über burn out & Co...

    Es war früher sicher vieles schlechter - aber heute ist durch Technik nicht alles besser (und ich habe selbst einen technischen Beruf erlernt)- und manchmal stiehlt sie mehr Zeit als wir ihr ankreiden...

    Zitat J. W. Goethe: "Wer sichere Schritte tun will, muss sie langsam tun." Zitat Ende

    In diesem Sinne
    Nostalgische Grüße

    4 Leserempfehlungen
  2. Die Menschen erwarten vom Staat Schutz. Schutz ihres Lebens, Schutz ihrer Gesundheit, Schutz ihres Eigentums. Sie erwarten Schutz vor ihren Mitmenschen und deren unverantwortlichen Handeln. Deshalb gibt es Regeln im Straßenverkehr. Es gibt Kontrollen und es gibt, teilweise drastische, Strafen für jene die Regelverletzungen begehen.

    An den Finanzmärkten gab es auch Regeln, es gab Kontrollen und es gab Strafen. Bis eines Tages falsche liberale Vorstellungen vom Verantwortungsbewußtsein der Finanzmarktteilnehmer aufkamen. Das war ungefähr so, als würde man argumentieren, das ein Autofahrer nur ein Auto fährt das er auch beherrschen kann, das er nie zu schnell fährt und auf gar keinen Fall sich alkoholisiert an das Steuer setzt. Denn sie würden sich damit selber schaden. Das macht kein vernünftiger Mensch und alle am Finanzmarkt agierenden Menschen sind per se vernünftig.
    Wer Autofahrer auf diese Weise heilig spricht, der wird ausgelacht. Liberale Ökonomen, die Finanzmarktteilnehmer auf diese Weise heilig gesprochen haben, wurden von vielen in der Gesellschaft - Politikern, Journalisten, Anlegern - als kluge Visionäre betrachtet.
    Banker sind genauso wenig kriminell wie Autofahrer. Sie neigen nur dazu sich selbst zu überschätzen - wie Autofahrer. Und deshalb müssen ihrem Wirken Grenzen gesetzt werden. Das nicht zu tun, was der Fehler der in den letzten drei Jahrzehnten begangen wurde. Das wieder zu tun, wird die Antwort aus dem sein, was geschehen ist.

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    ja, die Menschen erwarten "Schutz". Von einem "neuralgischen", künstlichen Gebilde, dessen Zeit overdue ist.

    • wulewuu
    • 06. Oktober 2011 16:54 Uhr

    der pariser Dünkel. Multiplexe = Popcorntempel. Vergißt der Meister, dass Kino zuvörderst Kintop war und ist, ein Volksvergnügen, eine Jahrmarktsattraktion?

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  3. Godard hat in einem völlig recht....die Technik macht in gewisser Weise abhängig und im Endeffekt sind die Menschen einsamer als je zuvor. Trotz ständiger Erreichbarkeit. Dazu gibt es genug empirische Studien. Das Netz ist voll mit einsamen, nach Liebe und Zuwendung sich sehnenden Menschen. Und manche Menschen können gar nicht wichtig genug sein, dass sie ihre Erreichbarkeit ständig und überall öffentlich zeigen müssen (Kino).

    Nicht jede technische Erfindung ist für den Menschen gut. Zumal man über die Auswirkungen auf langer Sicht noch nicht viel weiß. Ob ein Handy nicht tatsächlich krank macht und der Mp3 Player taub. Die kommende Generation wird es zeigen, wie sich dadurch das soziale Zusammenleben verändert hat. Eines ist jetzt schon klar...Empathie ist kaum noch vorhanden. Dafür um so mehr Egoismus und Neid. Im Internet surfen, nach Zuwendung und Freunden suchen ist halt einfacher, als sich im realen Leben mit seinem Gegenüber auseinander zu setzen. Im Netz kann ich mein Gegenüber schnell weg klicken, wenn er nicht so will wie ich es gerne hätte. Und das heute auch durchs Internet viele Paare scheitern, anstatt sich umeinander zu bemühen, ist auch eine Tatsache.

  4. Leider bewegt sich seine Analyse Griechenland betreffend genauso an der Oberfläche, wie die meisten Berichterstattungen in den Medien. Ich lebe seit 25 Jahren in diesem Land und kann immer wieder feststellen, dass die Griechen selbst vergessen haben, was Demokratie bedeutet. Auch von ihrer alten Kultur haben sie nur noch den Stolz behalten.
    Ich sehe Neid, Korruption und Unkorrektheit bis in die kleinsten Dörfer und somit wird jeder Rettungsschirm schnell wieder in die falschen Hände geraten. Ich warte gespannt ab.
    Übrigens ist die Krise noch immer überschaubar, Kaum ein Kind ab sechs, dass nicht ein Handy besitzt...

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