Jean-Luc Godard"Es kommt mir obszön vor"

Warum Jean-Luc Godard den Technikwahn des Kapitalismus für unanständig hält. Ein Gespräch über Geld, Europa, seinen Hund und sein neues Werk "Film Socialisme". von 

Der Regisseur Jean-Luc Godard Godard

Der Regisseur Jean-Luc Godard Godard  |  © FABRICE COFFRINI/AFP/Getty Images

DIE ZEIT:Jean-Luc Godard, welches Verhältnis haben Sie zum Geld?

Jean-Luc Godard: Es ist für mich kein Selbstzweck, sondern ein Mittel zum Zweck. In einem Buch von ehemaligen Kämpfern der Résistance sagten diese Kämpfer, dass das Geld bis 1943 in der Résistance ein reines Tauschmittel gewesen sei, um zu überleben, um Waffen zu kaufen. Nicht, um etwas zu verdienen. Mein Problem besteht darin, dass ich immer von dem Geld für den Film lebe, den ich gerade drehe. Daher muss ich immer weiter Filme machen.

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ZEIT: Sehen Sie sich als Mitglied einer kulturellen Résistance?

Godard: Das ist ein zu großes Wort.

ZEIT: In Ihrem neuen Werk Film Socialisme heißt es zu Beginn: »Geld ist ein öffentliches Gut, wie das Wasser.«

Godard: Natürlich ist Geld kein öffentliches Gut. Aber das sollte es sein. Ein Tauschmittel für alle. In unserem System sieht es so aus, dass sich manche des Geldes bedienen und andere überhaupt nicht. Das Problem ist nicht, dass die einen mehr und die anderen weniger haben, sondern dass manche überhaupt nicht in das Tauschsystem eintreten können.

ZEIT: Sie leben auch vom Geld, das Sie durch Ihre Urheberrechte einnehmen...

Godard: Sie sind ein Teil meines Einkommens. Gäbe es sie nicht, wäre das auch in Ordnung. Es gibt kein geistiges Eigentum. Autoren haben keine Rechte, nur Pflichten. Und ich bin dagegen, dass Autorenrechte ein privates Eigentum sind, das einen befugt, darüber zu entscheiden, ob ein Film gezeigt werden darf. So wie zum Beispiel der Enkel von Matisse darüber entscheiden kann, ob ein Bild angesehen werden kann oder nicht.

ZEIT: Warum heißt Ihr neues Werk Film Socialisme ?

Godard: Hätte man als Titel nur das Wort socialisme genommen, wäre der Bezug zum realen Sozialismus zu stark geworden. Zur Geschichte auch. Man hätte den Film als politisches oder militantes Statement gelesen. Film Socialisme ist etwas anderes.

ZEIT: Und was genau?

Godard: Ein Vorschlag, eine Frage, eine Collage.

ZEIT: Der erste Teil spielt auf einem Kreuzfahrtschiff. Man sieht meist ältere Leute in der Schlange vor dem Buffet, beim Shoppen, an den Spielautomaten. Dieses Schiff wirkt wie eine endzeitliche Fantasmagorie.

Godard: Die Leute dort sind aber nicht unglücklich. Das Schiff hat fünf oder sechs Etagen, und auf jeder Seite gibt es Kabinen, die nicht mal richtige Fenster haben, keinen Meerblick. Es sind die billigsten Kabinen. Trotzdem gibt es Leute, die da drinnen Ferien machen wollen. Es ist weniger die Endzeit als der Triumph des Kapitalismus . Zum Glück haben wir auf diesem Schiff einen Film gedreht, sonst hätten wir es nicht ausgehalten.

ZEIT: Ihre Kreuzfahrt führt an die antiken Orte der europäischen Kulturgeschichte: Ist das Schiff auch eine schwimmende Metapher Europas?

Godard: Eines Europas, das in seiner Geschichte verloren ist.

ZEIT: Ist Europa nur noch eine finanzielle Konstruktion? Die Reise Ihres Schiffes führt auch nach Griechenland...

Godard: Der Tourismus hat sehr von Griechenland profitiert. Alle sind hingefahren. Die Deutschen, die Franzosen, die Briten haben Griechenland verdorben, so wie sie Tunesien und andere Länder verdorben haben. Daher sollten wir den Griechen etwas zurückzahlen. Es gäbe eine einfache Lösung für die griechische Schuldenkrise: Wann immer man sich beim Sprechen der Logik der alten Griechen bedient, müsste man zehn Euro überweisen. Und wer Geld hat, aber keines geben will, hätte nicht mehr das Recht, sich dieser Logik zu bedienen. Er wäre gezwungen, ein bisschen anders zu denken.

ZEIT: Ein aristotelischer Euro-Rettungsschirm ?

Godard: Warum nicht? Man vergisst immer, dass die griechische Demokratie als soziales und politisches System im gleichen Moment erfunden wurde wie die Tragödie. Jedes Mal, wenn man heute das Wort Tragödie ausspricht, sollte man zur gleichen Zeit das Wort Demokratie aussprechen, und umgekehrt. Der Beweis für diese Verbindung ist das, was heute in Griechenland geschieht. Man spricht von der Tragödie der griechischen Schulden, aber es lag von Anbeginn etwas Tragisches in der Erfindung der Demokratie und etwas Demokratisches in der Erfindung der Tragödie.

ZEIT: Was ist das Tragische an der Demokratie?

Godard: Schauen Sie sich die Tagesschau an.

ZEIT: Und was bleibt vom kulturellen Europa?

Godard: Es wurde von Anfang an beiseite gelassen. Europa wurde aus Stahl und aus Kohle gemacht und dann aus Geld. Denn das moderne Europa war eine Folge des Krieges, und das ist wie die Folge einer Krankheit. Ich erinnere mich an einen Satz von Truman auf der Potsdamer Konferenz kurz nach dem Krieg. Er hat gesagt, ohne dass ihm klar war, was er da sagte, aber vielleicht war es ihm auch klar: »Wir werden den Frieden genauso machen, wie wir den Krieg gemacht haben.«

ZEIT: Sie haben mal gesagt, eine Geschichte brauche einen Anfang, eine Mitte und ein Ende, aber nicht notwendigerweise in dieser Reihenfolge. In welchem Stadium unserer Geschichte des Kapitalismus befinden wir uns?

Godard: Es ist nicht das Ende und auch kein Neuanfang. Es geht einfach so weiter! Auf andere Weise.

ZEIT: Was hat sich verändert?

Godard: Wir sind sehr dominiert von dem, was man schlicht die Technologie nennen könnte. Ich habe kein Mobiltelefon. Die Leute glauben die Tasten oder das Display ihres Telefons zu beherrschen. Es sind aber die Tasten, die uns beherrschen (tippt auf sein altes Telefon). Wenn ich auf diesem alten Apparat eine Nummer wähle, habe ich nicht das Gefühl, dass er mich beherrscht. Vielleicht ein bisschen. Aber ich fühle mich nicht gezwungen, dabei auf dem Ding entlangzustreichen. Das ist die gleiche Beziehung wie zwischen einem Hund und seinem Herrchen, die eine Leine zwischen sich haben. In dieser Beziehung gibt es zwei Herren oder zwei Sklaven. In jedem Fall beherrscht der Hund seinen Herrn genauso wie dieser umgekehrt ihn. Das gilt auch für Flugzeuge, Autos, für alles. Manchmal scheint mir die Technik obszön.

ZEIT: In welchem Sinne?

Godard: Im wörtlichen Sinne. Es kommt mir obszön vor, wenn Menschen jederzeit erreichbar sind. Wenn ich mich sofort an die Stimme des anderen anschließen kann. Es ist nicht richtig. Es stört mich. Es scheint mir obszön, dass es keines Weges, keinerlei Anstrengung bedarf, um mit jemandem zu kommunizieren. Es gibt nur noch den Umweg über die Droge, über kleine Maschinen, die uns mit ihren Stimmchen anpflaumen: »Los, kommuniziere!«

ZEIT: Ist das gegenwärtige Stadium des Kapitalismus für Sie eine rein technologische Frage? Jenseits von Zusammenbrüchen und Wirtschaftskrisen?

Godard: Oswald Spengler, der etwas reaktionäre deutsche Philosoph, hat schon 1918 vom »Untergang des Abendlandes« gesprochen. Das deutsche Wort Abendland ist übrigens viel schöner als das französische Wort occident. Spengler schrieb von der Tyrannei der Technik zu einer Zeit, als man sich noch gar nicht vorstellen konnte, was das bedeuten könnte. Ich stelle nur fest, dass es eine Art dumpfes Unbehagen gibt angesichts der Dominanz der Technologie. Vielleicht fahren die Leute deshalb auf solche Kreuzfahrten. Weil sie sich ein bisschen beschützt fühlen. Weil sie in den Ferien nicht nachdenken müssen. Aber Ferien sind heute nicht Ferien. Das französische Wort für Ferien, vacances, kommt von Vakanz, von einer Leere. Aber heute sind Ferien eher ein Zu-voll-Sein.

ZEIT: Die Menschen konnten sich noch nie von der Technik emanzipieren.

Godard: Sie hätten es gekonnt, aber sie wollten es nicht. Dabei kann man Prozesse kritisch betrachten und verlangsamen. Hier, in der Nähe von Genf, gibt es einen Teilchenbeschleuniger, ein riesiges Ding, das viele Millionen Franken im Jahr kostet. Man könnte sagen: Das reicht uns erst einmal, jetzt investieren wir das Geld mal woanders. Man könnte. Es gibt einen Satz von Dostojewskij, der mir im Kopf herumgeht: »Jeder kann es so einrichten, dass es keinen Gott gibt.« Aber keiner tut es.

ZEIT: Sie haben mit Ihrem Kino immer wieder versucht, etwas zu tun. Deutschland (Neun) Null , ihr 1991 entstandener Filmessay zur Wiedervereinigung, war eine prophetische Warnung vor einem Kapitalismus, der keine Skrupel und keine Feinde mehr hat.

Godard: Der Kapitalismus hat einfach nur den Feind gewechselt. Nordamerika kann gar nicht anders. Es braucht eine Art finanziellen Bürgerkrieg oder einen Kampf der Kulturen, was auch immer. Ein System, das mit sich selbst nicht im Reinen ist, wird sich immer äußere Feinde suchen.

ZEIT: War der Kommunismus eine notwendige Fessel des Kapitalismus?

Godard: Ich glaube nicht, dass man überhaupt von Kommunismus sprechen kann, sondern von dem, was bestimmte Länder daraus gemacht haben. Das gilt auch für den Kapitalismus. Schon Marx hat das Kapital so untersucht, wie es von bestimmten Leuten geformt oder auch deformiert wurde. Ich kann Ihnen Geld leihen. Aber meinen Lebensunterhalt damit zu bestreiten, Ihnen Geld zu leihen und Zinsen einzunehmen, wäre etwas anderes. Ich könnte Ihnen Geld leihen, aber dann aus einer Idee der Brüderlichkeit.

ZEIT: Wie viel?

Godard: Pardon? Ach so, ja, nicht viel, aber immerhin. Ich würde daraus aber kein Lebensprinzip machen. Ich frage mich gerade, was die Schweizer Großbanken von der Idee der Brüderlichkeit halten würden.

ZEIT: Stört es Sie, dass der Kapitalismus fast nur ökonomisch und nicht kulturell kritisiert wird?

Godard: Es gibt schon eine kulturelle Kritik des Kapitalismus, aber sie bleibt meistens Schrift, Literatur, écriture. Man reiht einen Satz an den nächsten, aber es entsteht keine Vision daraus. Zu einer kulturellen Kritik müsste auch eine Kritik durch Bilder gehören.

ZEIT: Bei der Verleihung des Adorno-Preises haben Sie gesagt: »Im großen Kampf zwischen den Augen und der Sprache hat der Blick die größere analytische Kraft.«

Godard: So ist es. Das heißt auch: die Montage.

ZEIT: Was genau entsteht durch den Zusammenprall verschiedener Bildausschnitte?

Godard: Wenn zwei Bilder aufeinandertreffen, entsteht ein Drittes. Eine andere Art des Sehens.

ZEIT: Ist die Montage das bessere Mittel zur Analyse von Geschichte als die Sprache?

Godard: Ja. Weil die Montage der Bilder die Linearität der Geschichte, die Linearität des Denkens und der Schrift durchbrechen kann.

ZEIT: In Ihren neuen Film montieren Sie immer wieder Aufnahmen des Meeres. Das wirkt, als ob sich in diesem schwimmenden Konsumalbtraum ein Fenster öffnet.

Godard: Ich weiß nicht, ob das eine Utopie ist, eine Kritik oder einfach nur ein Blick von der Reling. Das ist das Gute an der Montage: Es ist an Ihnen, das Dritte aus zwei Bildern zu bilden.

ZEIT: Sie haben in Ihren Filmen immer wieder den Kapitalismus reflektiert. In Die Verachtung als korrumpierende Abhängigkeit des Autors von seinem Produzenten.

Godard: Es schien mir einfach logisch, Fritz Lang in der Rolle des Regisseurs dieses Brecht-Zitat in den Mund zu legen: »Jeden Morgen gehe ich auf den Markt, wo Lügen gekauft werden.«

ZEIT: Am Anfang, wenn Brigitte Bardot nackt mit Michel Piccoli auf dem Bett liegt und fragend ihren Körper fragmentiert, da scheint schon das Objekt, die Ware auf, zu der Piccoli sie später machen wird.

Godard: In jedem Fall ist das das Bild, das die Leute von Die Verachtung in Erinnerung behalten.

ZEIT: Stört Sie das?

Godard: Nein, es ist ja schon was, wenn man sich überhaupt an ein Bild erinnert.

ZEIT: Gibt es überhaupt noch ein Bedürfnis nach Bildern im eigentlichen Sinne?

Godard: Nun, es gibt große Ausstellungen von berühmten Malern, die massenhaft besucht werden. Man sollte meinen, dass die Leute da nicht mehr hingehen, weil ihnen die Bilder vom ZDF, von TV 1 oder CNN genügen. Aber sie haben das Bedürfnis, etwas zu sehen, das nicht in Verbindung mit Sprache spricht. Sie wollen Bilder sehen. Aber man zeigt sie in Gebäuden, die aussehen wie Mausoleen oder Kirchen, die man in Prozessionen besucht, als ginge man in einen Tempel. In Tempel des Profits. In dieser Hinsicht bin ich für einen sozialistischen Umgang mit der Kunst.

ZEIT: Auch das Kino hat seine Tempel.

Godard: Die Multiplexe. Ja, das sind Popcorntempel, in denen das Kino nur ein Accessoire ist. Ich frage mich, wie es eine kulturelle Kritik des Kapitalismus geben kann, wenn sich die Kultur längst selbst kapitalisiert hat.

ZEIT: Der Philosoph Slavoj Žižek vergleicht den Neoliberalismus mit dem Film Kung Fu Panda : »Die Lächerlichkeit der herrschenden Ideologie liegt offen zutage. Aber sie besteht trotzdem weiter.«

Godard: Ich habe bei diesen Philosophen meine Zweifel. Sie haben manchmal Ideen, die ich interessant finde, aber wann immer sie Beispiele aus dem Kino nehmen, sind sie plakativ. Wenn sie das Kino und seine Bilder analysieren, dann von einem literarischen Standpunkt aus. Sie mokieren sich über schlechte Filme, wissen aber nicht, was ein guter Film ist. Und sie schreiben nicht gut. Wenn man an Freud oder Bergson denkt und dann auf jemanden stößt wie Slo..., wie heißt er doch? Diesen Sloterdijk. Er kann nicht schreiben, was ihn aber nicht davon abhält, ein Buch nach dem anderen zu publizieren.

ZEIT: Was sagen Sie zu denen, die die Zukunft des Kinos im Internet sehen?

Godard: Wenn man wirklich sucht, dann findet man im Netz das eine oder andere Bild. In Film Socialisme gibt es eine Aufnahme, die ich aus dem Internet kopiert habe: zwei Katzen, die schnurrend einen Dialog führen. Den Leuten, die das gefilmt haben, ist ein hübsches Bild gelungen. Aber sie gehen nicht weiter. Es gibt zu viele Aufnahmen im Netz, und von 100.000 machen vielleicht drei etwas halbwegs Interessantes.

ZEIT: Folgen Sie denn dem Geschehen im Netz?

Godard: Nein. Ich habe keinen Anschluss. Aber wenn mir jemand von etwas erzählt, dann gehe ich zu einer Freundin, um es mir anzuschauen. Nur stehen die Dinge im Netz einfach herum. Meist als Befriedigung des Egos. Es wird nichts damit gemacht. Etwa eine Montage, ein Film. Das Netz bleibt eine Demokratie mit vielen Informationen, aber ohne allzu großen Sinn. Sie wird beherrscht von Hohepriestern namens Servern, die selbst wiederum von Konzernen beherrscht werden.

ZEIT: Schauen Sie fern?

Godard: Selten. Manchmal. Tierfilme auf der BBC, in denen Menschen Monate damit verbringen, um einem Käfer oder einer Haselmaus nachzustellen.

ZEIT: Ihr neuer Film wirkt weniger abgeklärt als sie selbst.

Godard: Mag sein.

ZEIT: Es gibt sogar eine Hoffnung: In Form eines Sozialismus, der aber nicht ein politisches System ist, sondern eine andere Form der Kultur.

Godard: Ja, man könnte sagen ein Konglomerat von Ideen, die eher auf etwas Primitives verweisen. 3000 Jahre europäische Kulturgeschichte sind nicht viel. In Film Socialisme gibt es die Sehnsucht, sich an einen Anfang zurückzuversetzen. Sie wird verkörpert durch die Jugend. Die Jugend in meinem Film ist primitiv. Eine kleine primitive Gesellschaft. Ich glaube, primitive Gesellschaften sind glücklicher als unsere.

ZEIT: Es ist aber nicht primitiv, an einer Tankstellenzapfsäule zu lehnen und Balzacs Verlorene Illusionen zu lesen.

Godard: Gut, das bin ich, der das Mädchen in dieser Szene so inszeniert, um eine Metapher ins Bild zu setzen.

ZEIT: Das Primitive als Glück. Hat das nicht auch leicht reaktionäre Züge?

Godard: Ich bin nicht gegen die Demokratie oder den Fortschritt. Ich kritisiere nur unseren Umgang damit. Meine Kameras kaufe ich in ganz normalen Fotodiscountern. Aber der Mensch hat so vieles erfunden, was er nicht beherrschen kann. Man weiß so viel mehr über die Technik, denkt aber so viel schlechter. Und das betrifft nicht nur die Technik. Sehen Sie sich diesen Aschenbecher an, er sieht doch ganz in Ordnung aus. Warum braucht man noch Tausende weitere Modelle? Früher sahen die Automarken unterschiedlich aus, heute sind sie alle gleich. Eine einzige Firma würde genügen. Jeder will ein bisschen erfinden, jeder will kreieren. Also kreiert man tausend Blödsinnigkeiten, um die Sehnsucht nach Kreation zu befriedigen.

ZEIT: Und das gilt auch für das Kino?

Godard: Drei Viertel der Leute, die heute Kino machen, brauchen keine Kamera, um etwas zu sehen. Sie benutzen die Kamera, um nicht viel anders zu filmen als die Mutter, die ihr Baby aufnimmt, oder das Paar, das seine Hunde filmt und ins Internet stellt. Die Leute filmen letztlich nicht, sie schreiben. Und dann kopieren sie mit der Kamera, was sie aufgeschrieben haben. Sie benutzen die Kamera nicht, um etwas zu sehen, was ohne Kamera unsichtbar bleiben würde. Etwas, was eine Kamera braucht, um überhaupt zu existieren.

ZEIT: Glauben Sie, dieser Kamerablick geht unwiederbringlich verloren?

Godard: Die meisten Filmemacher brauchen diesen Blick einfach nicht. Sie sind genauso wie diese Fische, die seit Millionen von Jahren in Grotten auf dem Grund des Meeres leben und keine Augen mehr haben.

ZEIT: Was für ein Fisch wären Sie selbst?

Godard:(hebt beide Hände) Ein Fisch mit Augen? Hoffentlich.

ZEIT: Warum schließen sich nicht mehr sehende Fische zusammen?

Godard: Ich kann nur für mich selbst sprechen. Ich kann jemandem widersprechen aus Freude an der Diskussion, aber nicht um eine Wahrheit zu suchen oder die Welt zu beherrschen.

ZEIT: Es gab einmal eine Zeit, da gehörten Sie zu einer kulturkritischen Bewegung, der Nouvelle Vague.

Godard: Ja, aber wir waren jung, wir waren auf der Suche, wir stürmten voran, wir waren wütend. Und ich muss zugeben, dass wir sehr, sehr ernst waren. So ernst, dass mich meine damaligen Abenteuer heute manchmal zum Lachen bringen. Obwohl es sich auch um Tragödien handelte.

ZEIT: Das ist vielleicht besser, als sich selbst zu heroisieren.

Godard: Wer mich sehr erstaunt, ist Danny Cohn-Bendit. Es ist seltsam, ihn in dieser Umgebung wiederzufinden, als Europaabgeordneter. Ich sehe ihn immer als Überblendung mit dem jungen Cohn-Bendit. Und ich frage mich, ob er sich nicht zu Tode langweilt. Aber wahrscheinlich blickt er genauso auf mich, einen 80-Jährigen, der seit einem Jahr in einem Schweizer Städtchen an einem neuen Film bastelt.

ZEIT: Was ist das für ein Projekt?

Godard: Die Geschichte eines Paares, das sich nicht sehr gut versteht. Und das sich besser versteht, sobald es einen Hund hat. (Er steht auf, geht über eine Treppe ins obere Stockwerk und holt das Drehbuch) Hier, machen Sie damit, was Sie wollen.

ZEIT:Adieu au langage . Da sind ja schon lauter Bilder auf den Seiten.

Godard: Ja, aber Bilder, die ich irgendwo gemacht habe und die nicht notwendigerweise im Film auftauchen.

ZEIT: Und dieser Hund?

Godard: Das ist unser Hund.

ZEIT: Welche Rasse?

Godard: Keine Rasse.

ZEIT: Verstehen auch Sie und Ihre Frau sich besser, seit Sie den Hund haben?

Godard: Nun..., er tut uns gut.

ZEIT: Weil Sie manchmal über den Hund miteinander kommunizieren?

Godard: Sehr oft sogar. Sehen Sie, ich brauche wirklich kein Mobiltelefon.

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Leserkommentare
    • this.
    • 06. Oktober 2011 15:53 Uhr
    1. Jaja..

    früher war alles schöner..

    • TDU
    • 06. Oktober 2011 16:24 Uhr

    Immer wieder gute Ideen hat der Mann. Nur die politisch/wirtschaftlichen Fragen: warum nicht nur ein Aschenbecher, Handy und Technik - Die sollte er filmisch umsetzen wegen seiner verbalen Klischees bei der Kritik.

    In einem widerspricht er sich: gegen das Urheberrecht sein aber Griechenland Geld zahlen. Dennoch keine schlechte Idee: Vielleicht würden sich einige wieder bewusst werden, was sie bedeutet, wenn sie zahlen müssten, bevor sie drüber reden.

    • revm
    • 06. Oktober 2011 16:32 Uhr
    3. Stimmt

    Seit dem Beginn der Finanzkrise muss ich oft an Spengler denken, obwohl ich mich ihm überhaupt nicht verpflichtet fühle. Trotzdem scheint mir seine Analyse der Demokratie in den letzten Kapiteln von "Der Untergang des Abendlandes", ausgesprochen hellsichtig und treffend zu sein. Es lassen sich aber eine Reihe anderer Autoren beistellen: Man denke nur an Toynbee, Jaspers, Nietzsche, Burckhardt, Kraus - die Liste würde sehr lang. "Die Kritik der zynischen Vernunft" von Sloterdijk ist recht angenehm lesbar.

    Ein Wort zu Bild und Sprache: Die Philosophie, insbesondere die Geschichtsphilosophie bemüht sich längst die Linearität der Geschichtsschreibung zu brechen. Benjamins "Begriff der Geschichte" oder auch Deleuze "Tausend Plateaus" sind hierfür Beispiele.

  1. Nostalgie und "Heimweh" nach weniger technisierter Welt würde uns allen sehr viel besser bekommen, als die meisten vermuten...

    Und zugeben würden...

    Und alles wundert sich über burn out & Co...

    Es war früher sicher vieles schlechter - aber heute ist durch Technik nicht alles besser (und ich habe selbst einen technischen Beruf erlernt)- und manchmal stiehlt sie mehr Zeit als wir ihr ankreiden...

    Zitat J. W. Goethe: "Wer sichere Schritte tun will, muss sie langsam tun." Zitat Ende

    In diesem Sinne
    Nostalgische Grüße

  2. Die Menschen erwarten vom Staat Schutz. Schutz ihres Lebens, Schutz ihrer Gesundheit, Schutz ihres Eigentums. Sie erwarten Schutz vor ihren Mitmenschen und deren unverantwortlichen Handeln. Deshalb gibt es Regeln im Straßenverkehr. Es gibt Kontrollen und es gibt, teilweise drastische, Strafen für jene die Regelverletzungen begehen.

    An den Finanzmärkten gab es auch Regeln, es gab Kontrollen und es gab Strafen. Bis eines Tages falsche liberale Vorstellungen vom Verantwortungsbewußtsein der Finanzmarktteilnehmer aufkamen. Das war ungefähr so, als würde man argumentieren, das ein Autofahrer nur ein Auto fährt das er auch beherrschen kann, das er nie zu schnell fährt und auf gar keinen Fall sich alkoholisiert an das Steuer setzt. Denn sie würden sich damit selber schaden. Das macht kein vernünftiger Mensch und alle am Finanzmarkt agierenden Menschen sind per se vernünftig.
    Wer Autofahrer auf diese Weise heilig spricht, der wird ausgelacht. Liberale Ökonomen, die Finanzmarktteilnehmer auf diese Weise heilig gesprochen haben, wurden von vielen in der Gesellschaft - Politikern, Journalisten, Anlegern - als kluge Visionäre betrachtet.
    Banker sind genauso wenig kriminell wie Autofahrer. Sie neigen nur dazu sich selbst zu überschätzen - wie Autofahrer. Und deshalb müssen ihrem Wirken Grenzen gesetzt werden. Das nicht zu tun, was der Fehler der in den letzten drei Jahrzehnten begangen wurde. Das wieder zu tun, wird die Antwort aus dem sein, was geschehen ist.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ja, die Menschen erwarten "Schutz". Von einem "neuralgischen", künstlichen Gebilde, dessen Zeit overdue ist.

    • wulewuu
    • 06. Oktober 2011 16:54 Uhr

    der pariser Dünkel. Multiplexe = Popcorntempel. Vergißt der Meister, dass Kino zuvörderst Kintop war und ist, ein Volksvergnügen, eine Jahrmarktsattraktion?

  3. Godard hat in einem völlig recht....die Technik macht in gewisser Weise abhängig und im Endeffekt sind die Menschen einsamer als je zuvor. Trotz ständiger Erreichbarkeit. Dazu gibt es genug empirische Studien. Das Netz ist voll mit einsamen, nach Liebe und Zuwendung sich sehnenden Menschen. Und manche Menschen können gar nicht wichtig genug sein, dass sie ihre Erreichbarkeit ständig und überall öffentlich zeigen müssen (Kino).

    Nicht jede technische Erfindung ist für den Menschen gut. Zumal man über die Auswirkungen auf langer Sicht noch nicht viel weiß. Ob ein Handy nicht tatsächlich krank macht und der Mp3 Player taub. Die kommende Generation wird es zeigen, wie sich dadurch das soziale Zusammenleben verändert hat. Eines ist jetzt schon klar...Empathie ist kaum noch vorhanden. Dafür um so mehr Egoismus und Neid. Im Internet surfen, nach Zuwendung und Freunden suchen ist halt einfacher, als sich im realen Leben mit seinem Gegenüber auseinander zu setzen. Im Netz kann ich mein Gegenüber schnell weg klicken, wenn er nicht so will wie ich es gerne hätte. Und das heute auch durchs Internet viele Paare scheitern, anstatt sich umeinander zu bemühen, ist auch eine Tatsache.

  4. Leider bewegt sich seine Analyse Griechenland betreffend genauso an der Oberfläche, wie die meisten Berichterstattungen in den Medien. Ich lebe seit 25 Jahren in diesem Land und kann immer wieder feststellen, dass die Griechen selbst vergessen haben, was Demokratie bedeutet. Auch von ihrer alten Kultur haben sie nur noch den Stolz behalten.
    Ich sehe Neid, Korruption und Unkorrektheit bis in die kleinsten Dörfer und somit wird jeder Rettungsschirm schnell wieder in die falschen Hände geraten. Ich warte gespannt ab.
    Übrigens ist die Krise noch immer überschaubar, Kaum ein Kind ab sechs, dass nicht ein Handy besitzt...

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