"Wer mich sehr erstaunt, ist Danny Cohn-Bendit"
ZEIT: Und das gilt auch für das Kino?
Godard: Drei Viertel der Leute, die heute Kino machen, brauchen keine Kamera, um etwas zu sehen. Sie benutzen die Kamera, um nicht viel anders zu filmen als die Mutter, die ihr Baby aufnimmt, oder das Paar, das seine Hunde filmt und ins Internet stellt. Die Leute filmen letztlich nicht, sie schreiben. Und dann kopieren sie mit der Kamera, was sie aufgeschrieben haben. Sie benutzen die Kamera nicht, um etwas zu sehen, was ohne Kamera unsichtbar bleiben würde. Etwas, was eine Kamera braucht, um überhaupt zu existieren.
ZEIT: Glauben Sie, dieser Kamerablick geht unwiederbringlich verloren?
Godard: Die meisten Filmemacher brauchen diesen Blick einfach nicht. Sie sind genauso wie diese Fische, die seit Millionen von Jahren in Grotten auf dem Grund des Meeres leben und keine Augen mehr haben.
ZEIT: Was für ein Fisch wären Sie selbst?
Godard:(hebt beide Hände) Ein Fisch mit Augen? Hoffentlich.
ZEIT: Warum schließen sich nicht mehr sehende Fische zusammen?
Godard: Ich kann nur für mich selbst sprechen. Ich kann jemandem widersprechen aus Freude an der Diskussion, aber nicht um eine Wahrheit zu suchen oder die Welt zu beherrschen.
ZEIT: Es gab einmal eine Zeit, da gehörten Sie zu einer kulturkritischen Bewegung, der Nouvelle Vague.
Godard: Ja, aber wir waren jung, wir waren auf der Suche, wir stürmten voran, wir waren wütend. Und ich muss zugeben, dass wir sehr, sehr ernst waren. So ernst, dass mich meine damaligen Abenteuer heute manchmal zum Lachen bringen. Obwohl es sich auch um Tragödien handelte.
ZEIT: Das ist vielleicht besser, als sich selbst zu heroisieren.
Godard: Wer mich sehr erstaunt, ist Danny Cohn-Bendit. Es ist seltsam, ihn in dieser Umgebung wiederzufinden, als Europaabgeordneter. Ich sehe ihn immer als Überblendung mit dem jungen Cohn-Bendit. Und ich frage mich, ob er sich nicht zu Tode langweilt. Aber wahrscheinlich blickt er genauso auf mich, einen 80-Jährigen, der seit einem Jahr in einem Schweizer Städtchen an einem neuen Film bastelt.
ZEIT: Was ist das für ein Projekt?
Godard: Die Geschichte eines Paares, das sich nicht sehr gut versteht. Und das sich besser versteht, sobald es einen Hund hat. (Er steht auf, geht über eine Treppe ins obere Stockwerk und holt das Drehbuch) Hier, machen Sie damit, was Sie wollen.
ZEIT:Adieu au langage. Da sind ja schon lauter Bilder auf den Seiten.
Godard: Ja, aber Bilder, die ich irgendwo gemacht habe und die nicht notwendigerweise im Film auftauchen.
ZEIT: Und dieser Hund?
Godard: Das ist unser Hund.
ZEIT: Welche Rasse?
Godard: Keine Rasse.
ZEIT: Verstehen auch Sie und Ihre Frau sich besser, seit Sie den Hund haben?
Godard: Nun..., er tut uns gut.
ZEIT: Weil Sie manchmal über den Hund miteinander kommunizieren?
Godard: Sehr oft sogar. Sehen Sie, ich brauche wirklich kein Mobiltelefon.
- Datum 06.10.2011 - 15:32 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 6.10.2011 Nr. 41
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früher war alles schöner..
Immer wieder gute Ideen hat der Mann. Nur die politisch/wirtschaftlichen Fragen: warum nicht nur ein Aschenbecher, Handy und Technik - Die sollte er filmisch umsetzen wegen seiner verbalen Klischees bei der Kritik.
In einem widerspricht er sich: gegen das Urheberrecht sein aber Griechenland Geld zahlen. Dennoch keine schlechte Idee: Vielleicht würden sich einige wieder bewusst werden, was sie bedeutet, wenn sie zahlen müssten, bevor sie drüber reden.
Seit dem Beginn der Finanzkrise muss ich oft an Spengler denken, obwohl ich mich ihm überhaupt nicht verpflichtet fühle. Trotzdem scheint mir seine Analyse der Demokratie in den letzten Kapiteln von "Der Untergang des Abendlandes", ausgesprochen hellsichtig und treffend zu sein. Es lassen sich aber eine Reihe anderer Autoren beistellen: Man denke nur an Toynbee, Jaspers, Nietzsche, Burckhardt, Kraus - die Liste würde sehr lang. "Die Kritik der zynischen Vernunft" von Sloterdijk ist recht angenehm lesbar.
Ein Wort zu Bild und Sprache: Die Philosophie, insbesondere die Geschichtsphilosophie bemüht sich längst die Linearität der Geschichtsschreibung zu brechen. Benjamins "Begriff der Geschichte" oder auch Deleuze "Tausend Plateaus" sind hierfür Beispiele.
Nostalgie und "Heimweh" nach weniger technisierter Welt würde uns allen sehr viel besser bekommen, als die meisten vermuten...
Und zugeben würden...
Und alles wundert sich über burn out & Co...
Es war früher sicher vieles schlechter - aber heute ist durch Technik nicht alles besser (und ich habe selbst einen technischen Beruf erlernt)- und manchmal stiehlt sie mehr Zeit als wir ihr ankreiden...
Zitat J. W. Goethe: "Wer sichere Schritte tun will, muss sie langsam tun." Zitat Ende
In diesem Sinne
Nostalgische Grüße
Die Menschen erwarten vom Staat Schutz. Schutz ihres Lebens, Schutz ihrer Gesundheit, Schutz ihres Eigentums. Sie erwarten Schutz vor ihren Mitmenschen und deren unverantwortlichen Handeln. Deshalb gibt es Regeln im Straßenverkehr. Es gibt Kontrollen und es gibt, teilweise drastische, Strafen für jene die Regelverletzungen begehen.
An den Finanzmärkten gab es auch Regeln, es gab Kontrollen und es gab Strafen. Bis eines Tages falsche liberale Vorstellungen vom Verantwortungsbewußtsein der Finanzmarktteilnehmer aufkamen. Das war ungefähr so, als würde man argumentieren, das ein Autofahrer nur ein Auto fährt das er auch beherrschen kann, das er nie zu schnell fährt und auf gar keinen Fall sich alkoholisiert an das Steuer setzt. Denn sie würden sich damit selber schaden. Das macht kein vernünftiger Mensch und alle am Finanzmarkt agierenden Menschen sind per se vernünftig.
Wer Autofahrer auf diese Weise heilig spricht, der wird ausgelacht. Liberale Ökonomen, die Finanzmarktteilnehmer auf diese Weise heilig gesprochen haben, wurden von vielen in der Gesellschaft - Politikern, Journalisten, Anlegern - als kluge Visionäre betrachtet.
Banker sind genauso wenig kriminell wie Autofahrer. Sie neigen nur dazu sich selbst zu überschätzen - wie Autofahrer. Und deshalb müssen ihrem Wirken Grenzen gesetzt werden. Das nicht zu tun, was der Fehler der in den letzten drei Jahrzehnten begangen wurde. Das wieder zu tun, wird die Antwort aus dem sein, was geschehen ist.
ja, die Menschen erwarten "Schutz". Von einem "neuralgischen", künstlichen Gebilde, dessen Zeit overdue ist.
ja, die Menschen erwarten "Schutz". Von einem "neuralgischen", künstlichen Gebilde, dessen Zeit overdue ist.
der pariser Dünkel. Multiplexe = Popcorntempel. Vergißt der Meister, dass Kino zuvörderst Kintop war und ist, ein Volksvergnügen, eine Jahrmarktsattraktion?
Godard hat in einem völlig recht....die Technik macht in gewisser Weise abhängig und im Endeffekt sind die Menschen einsamer als je zuvor. Trotz ständiger Erreichbarkeit. Dazu gibt es genug empirische Studien. Das Netz ist voll mit einsamen, nach Liebe und Zuwendung sich sehnenden Menschen. Und manche Menschen können gar nicht wichtig genug sein, dass sie ihre Erreichbarkeit ständig und überall öffentlich zeigen müssen (Kino).
Nicht jede technische Erfindung ist für den Menschen gut. Zumal man über die Auswirkungen auf langer Sicht noch nicht viel weiß. Ob ein Handy nicht tatsächlich krank macht und der Mp3 Player taub. Die kommende Generation wird es zeigen, wie sich dadurch das soziale Zusammenleben verändert hat. Eines ist jetzt schon klar...Empathie ist kaum noch vorhanden. Dafür um so mehr Egoismus und Neid. Im Internet surfen, nach Zuwendung und Freunden suchen ist halt einfacher, als sich im realen Leben mit seinem Gegenüber auseinander zu setzen. Im Netz kann ich mein Gegenüber schnell weg klicken, wenn er nicht so will wie ich es gerne hätte. Und das heute auch durchs Internet viele Paare scheitern, anstatt sich umeinander zu bemühen, ist auch eine Tatsache.
Leider bewegt sich seine Analyse Griechenland betreffend genauso an der Oberfläche, wie die meisten Berichterstattungen in den Medien. Ich lebe seit 25 Jahren in diesem Land und kann immer wieder feststellen, dass die Griechen selbst vergessen haben, was Demokratie bedeutet. Auch von ihrer alten Kultur haben sie nur noch den Stolz behalten.
Ich sehe Neid, Korruption und Unkorrektheit bis in die kleinsten Dörfer und somit wird jeder Rettungsschirm schnell wieder in die falschen Hände geraten. Ich warte gespannt ab.
Übrigens ist die Krise noch immer überschaubar, Kaum ein Kind ab sechs, dass nicht ein Handy besitzt...
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