Ringier"So viele Leser wie nie zuvor"

Boulevardblätter können unabhängig über Verlagsgeschäfte berichten: Ringier-Chef Marc Walder glaubt daran. von 

DIE ZEIT: Herr Walder, reden wir über Zwerge und Riesen. Ihr Verlag vertreibt seine Zeitungen digital über Apple – und muss dafür 30 Prozent vom Umsatz abgeben . Wie geht es Ihnen damit?

Marc Walder: In der Schweiz zahlen wir mehr, weil in Euro abgerechnet wird und der Wechselkurs festgelegt ist. Darauf kommt dann noch die Mehrwertsteuer. Wir geben also etwa 43 Prozent an Apple. Wenn es wirklich bei diesen 30 Prozent bliebe, wäre ich allerdings zufrieden, weil Apple viel für uns leistet. Das Unternehmen liefert sehr zuverlässig aus und tut es in einer Weise, die der Käufer schätzt. Und – jeder Kiosk zieht Verlagshäusern deutlich mehr ab als 30 Prozent.

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ZEIT: In der Schweiz ist Ringier ein Riese, gegenüber Apple ein Zwerg. Werden Sie an den Konditionen etwas ändern können?

Walder: Unser eigentliches Problem ist ja ein anderes: Tendenziell kaufen weniger Menschen unsere Zeitungen und Zeitschriften. Deshalb haben wir jetzt in einer regelrechten Offensive rund 50 iPhone- oder iPad-App-Versionen unserer Medien, Entertainment- und Digital-Geschäfte auf den Markt gebracht.

ZEIT: Wie viel Prozent Ihres Umsatzes sind bedroht?

Walder: Gut 60 Prozent.

ZEIT: Und für welchen Preis steigen die Leser auf den neuen Lesegeräten ein?

Walder: Unsere Boulevardzeitung Blick kostet auf dem iPad beispielsweise 36 Franken im Jahr. Das ist eigentlich ein Witz, nicht mal ein Achtel des Zeitungsabonnements!

ZEIT: Wie viel hätten Sie denn gerne?

Walder: Sicherlich nicht 36 Franken im Jahr. Sie bekommen ja bedeutend mehr als in der gedruckten Ausgabe. Ein Beispiel: Nach Fußballspielen bringt die Zeitung zwei Seiten Berichte plus vier Bilder. Auf dem iPad haben Sie alle Texte plus 40 Bilder plus Videomaterial mit Ausschnitten aus dem Spiel und dazu noch diverse Interviews als Video. Derzeit erwarte ich von einer iPad-App, dass ich dort das PDF der Zeitung und alle digital aufbereiteten Multimedia-Inhalte bekomme. Das macht es ziemlich aufwendig.

ZEIT: Ein PDF, also schlicht die Zeitung in den Computer kopiert?

Walder: Das PDF besitzt die gleiche Dramaturgie wie die Zeitung, und die suchen weiterhin viele Leser. Der Blick hatte bereits in den ersten Monaten sehr gute Zugriffszahlen.

ZEIT: Wie viele Menschen erreichen Sie mit dem gedruckten und dem digitalen Blick ?

Walder: Wir haben mit der gesamten Blick-Gruppe heute 2,7 Millionen Leser pro Woche, überschneidungsfrei. So viele wie nie zuvor! Und diese Masse gilt es nun zu vermarkten. Wenn zum Beispiel der Marketing-Verantwortliche von Audi mit seiner nächsten Kampagne kam, dann ist er früher zu jedem unserer Medien einzeln gegangen. Das will heute niemand mehr. Heute sagt der Audi-Manager, dass er eine Kampagne und eine Million Budget hat, und verlangt binnen Wochenfrist ein Konzept, das sich über alle Marken und Kanäle erstreckt. Darin liegt bedeutend mehr Potenzial als in der Frage, ob wir eine iPad-App für 99 Cent oder für zwei Euro verkaufen.

Leserkommentare
  1. Sie freuen sich: "Wir haben mit der gesamten Blick-Gruppe heute 2,7 Millionen Leser pro Woche, überschneidungsfrei. So viele wie nie zuvor!"

    Aber eines Tages werden Sie vielleicht bereuen, so viele Menschen auf ihrem Weg in die Verdummung begleitet zu haben. Eine demokratische Gesellschaft, insbesondere das Schweizer Modell mit der Möglichkeit der Volksabstimmung, kann nämlich nur funktionieren, wenn die Menschen sich ausreichend und vielfältig informieren. Wenn Sie den Boden für Abstumpfung, Eindimensionalität und moralische Verrohung legen, sind Sie persönlich auch für die sich daraus ergebenden Folgen verantwortlich.

    Also, falls Ihnen die Demokratie am Herzen liegt und falls Sie an einem friedlichen und respektvollen Miteinander in der Gesellschaft interessiert sind, dann stampfen Sie bitte Ihr Schundblatt ein und sorgen für eine anständige und umfassende Aufklärung der Bevölkerung. Langfristig wird sich das sehr positiv auf den Wohlstand und die Lebensqualität in der Schweiz auswirken.

    Wie gesagt: es ist Ihre Verantwortung, ob Sie wollen oder nicht.

    4 Leserempfehlungen
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    • medwed
    • 09. Oktober 2011 10:47 Uhr

    Vorweg: ich stimme mit Ihnen überein, dass der Blick "... viele Menschen auf ihrem Weg in die Verdummung begleitet..." (der Blick ist in der Schweiz übrigens das, was die Bild in Deutschland). Wenn Sie jedoch fordern, der Ringier-Verlag möge eine Zeitung mit anständiger und umfassender Information herausbringen, frage ich mich, wie diese aussehen könnte, damit sie von der jetzigen Leserschaft überhaupt angenommen würde. Meiner Erfahrung nach konsumieren diese Leute entweder den Blick – oder gar nichts.

    So dramatisch, wie Sie die Situation einschätzen, sehe ich die Lage allerdings nicht. Erstens glaube ich nicht an die 2,7 Millionen überschneidungsfreien Leser. Die Auflage des Blick beträgt rund 235.000, mehr als zehn Leser je Nummer dürften mehr Wunsch denn Wirklichkeit sein. Effektiv dürften es also höchstens 750.000 sein – und garantiert nicht überschneidungsfrei. Zweitens gibt es in der Deutschschweiz noch rund ein Dutzend weitere Tageszeitungen, die nicht so abgrundtief dumm sind, wie der Blick. Und drittens lesen rund 35 Prozent der Schweizer Bevölkerung den Blick schon gar nicht, weil sie nicht deutscher Muttersprache sind.

    Marc Walder bläst also etwas gar heftig das große Horn. Ein Überbleibsel aus seiner Zeit als Chefredakteur. Gar so ernst, wie er sich nimmt, muss man ihn nicht nehmen. 1986 erreichte der Blick übrigens eine Auflage von 380.000 Exemplaren, und damals war die Schweiz nicht weniger demokratisch als heute.

  2. Einleitung auf der ZEIT-Online-Homepage:
    "Können Boulevardblätter unabhängig über Verlagsgeschäfte berichten? Marc Walder, Chef des Schweizer Medienhauses Ringier, erklärt im Interview, warum DER [Hervorhebung durch Kommentator] daran glaubt."

    Im Übrigen ein gutes Interview zu einem interessanten Thema.

    • simlei
    • 09. Oktober 2011 0:34 Uhr

    "aufwendig" -> "aufwändig"

    • medwed
    • 09. Oktober 2011 10:47 Uhr

    Vorweg: ich stimme mit Ihnen überein, dass der Blick "... viele Menschen auf ihrem Weg in die Verdummung begleitet..." (der Blick ist in der Schweiz übrigens das, was die Bild in Deutschland). Wenn Sie jedoch fordern, der Ringier-Verlag möge eine Zeitung mit anständiger und umfassender Information herausbringen, frage ich mich, wie diese aussehen könnte, damit sie von der jetzigen Leserschaft überhaupt angenommen würde. Meiner Erfahrung nach konsumieren diese Leute entweder den Blick – oder gar nichts.

    So dramatisch, wie Sie die Situation einschätzen, sehe ich die Lage allerdings nicht. Erstens glaube ich nicht an die 2,7 Millionen überschneidungsfreien Leser. Die Auflage des Blick beträgt rund 235.000, mehr als zehn Leser je Nummer dürften mehr Wunsch denn Wirklichkeit sein. Effektiv dürften es also höchstens 750.000 sein – und garantiert nicht überschneidungsfrei. Zweitens gibt es in der Deutschschweiz noch rund ein Dutzend weitere Tageszeitungen, die nicht so abgrundtief dumm sind, wie der Blick. Und drittens lesen rund 35 Prozent der Schweizer Bevölkerung den Blick schon gar nicht, weil sie nicht deutscher Muttersprache sind.

    Marc Walder bläst also etwas gar heftig das große Horn. Ein Überbleibsel aus seiner Zeit als Chefredakteur. Gar so ernst, wie er sich nimmt, muss man ihn nicht nehmen. 1986 erreichte der Blick übrigens eine Auflage von 380.000 Exemplaren, und damals war die Schweiz nicht weniger demokratisch als heute.

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