DIE ZEIT: Herr Walser, in Ihrem neuen Roman geht es die ganze Zeit um religiöse Themen.

Martin Walser: Ich war wirklich gespannt, wie die zuständige Öffentlichkeit reagiert. Überraschenderweise fanden die Intellektuellen es toll. Die hätten auch sagen können: »Spinnt der jetzt?« Dass so ein Ton ein Echo findet – da habe ich mehr Glück gehabt als im Lotto.

ZEIT: Was ist denn die Herausforderung, wenn man vom Glauben spricht?

Walser: Das Wichtigste für mich ist, dass du die Glaubensbewegung an keiner Stelle anhalten darfst, um zu sagen: Das ist es. Glaube ist dialektisch. Jede Position hebt die vorhergehende auf. Wer das anhält, der verfälscht alles. Deshalb ist für mich die größte Enttäuschung, der absolute Tiefpunkt, wenn ich mit jemandem rede, und nach einer Stunde sagt der: Und woran glauben Sie, Herr Walser?

ZEIT: Gut, ich werde mir die Frage bis zum Schluss aufheben.

Walser: Ich habe zehn Jahre lang Kierkegaard studiert: »Die Größe des Glaubens ist kenntlich an der Größe des Unglaubens.« Verstehst du? Es gibt keine Sekunde Glauben ohne Unglauben.

ZEIT: In Ihrem literarischen Werk gab es schon immer so eine Art Diesseitsreligion, eine Bejahung der Immanenz. Jetzt in dem Roman Muttersohn geht der Blick aber doch nach oben, übers Diesseits hinaus.

Walser: Soso. Das sagen Sie, mein Lieber.

ZEIT: Ja, Ihr Buch führt mich über das Diesseits hinaus.

Walser: Gut, dann müssen wir das Diesseits erweitern. Der Augustin Feinlein in meinem Roman sagt: »Wenn das Jenseits nicht schön ist, kannst du es gleich vergessen.« Doch wodurch wird das Jenseits schön? Durch Schubert, durch Caravaggio. Schau: Die einen schalten schon ab, wenn sie nur das Wort Glauben hören, dann meinen sie, jetzt würden sie in einen Ratzinger-Käfig gesperrt. Die anderen haben ein Bedürfnis nach einer Glaubenserfahrung. Und ich habe es am liebsten verbunden mit dem Bedürfnis, dass etwas schön sei. Das halte ich für ein Glaubensbekenntnis.

ZEIT: Nennt man das nicht Kunstreligion?

Walser:(sich schüttelnd) Was ist das für ein Wort!

ZEIT: Kunstreligion meint: an das Schöne glauben, weil man in Wahrheit von der Existenz Gottes nicht mehr überzeugt ist.

Walser: Also gut. Ich habe mal einen Vierzeiler geschrieben: »Ich bin an den Sonntag gebunden / Wie an eine Melodie / Ich habe keine andere gefunden / Ich glaube nicht, aber ich knie«.