Island Wenn die Aktienkurse in den Keller rauschen, steigt der Wert der Literatur
Island ist Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Das Land zwischen Vulkanen und Nachtleben ist die perfekte Projektionsfläche für unsere Sehnsüchte nach dem Ausgeflippten und dem Naturschönen. Die Literatur, von den Sagas bis zum zeitgenössischen Roman, hat daran ihren großen Anteil.
© Thorvaldur Orn Krismundsson/AFP/Getty Images

Der Vatnajokull ist der größte Gletscher in Island. Das Ehrengastland der diesjährigen Buchmesse bietet seinen Besuchern ein imposantes Naturerleben.
Anschnallen ist uncool. Die Taxifahrerin, die uns zur neuen Konzerthalle von Reykjavík bringen soll, führt den Gurt hinter ihrem Rücken entlang, um ihn dann zu arretieren. Man muss die Pest der piepsenden Warnsysteme eben pragmatisch überlisten. Die Taxifahrerin lächelt wissend. Heute ist ein Tag, der in die Annalen Islands eingehen wird: Trotz Finanzkrise hat es das Land geschafft, sein neues Konzerthaus fertigzustellen. Es heißt Harpa, Harfe. Und es ist eine architektonische Großgeste: Direkt am Hafen gelegen, hat das Gebäude von Olafur Eliasson eine Außenhaut aus Glasquadern verpasst bekommen, in denen sich das Wasser, die Berge, der Gletscher spiegeln. Und wenn die Sonne im Meer versinkt, dann durchflutet das Abendrot das spektakulär weiträumige Foyer. Als Islands Bankensystem krachend zusammenbrach und das Land an den Rand der Zahlungsunfähigkeit geriet, hatten alle Harpa aufgegeben. Man sah die Bauruine bereits als Menetekel, als Symbol für die Blasenhaftigkeit des Finanzkapitalismus. Doch das isländische Parlament fühlte sich an seiner Ehre gepackt und beschloss: Jetzt erst recht. Indem wir den Kulturtempel fertigstellen, zeigen wir, dass sich nicht alles ums Geld dreht. Wir bekennen uns zu den wahren Werten. Auch wenn diese wahren Werte erst einmal viel Geld kosten. Statt mit dem Geld privater Investoren wird das Gebäude jetzt aus dem Staatshaushalt finanziert. Island liebt die stolzen Gesten.
Die Taxifahrerin nickt anerkennend, als sie herausfindet, dass wir für das Eröffnungskonzert Karten haben. Wir wollen wissen, was sie von Harpa hält? Die Leute fänden das Gebäude schon schön, es sei aber sehr teuer. Und dann sagt sie einen Satz, dessen zweiter Teil längst eine feststehende Formel im isländischen Small Talk geworden ist: »Olafur Eliasson – that is so 2007.« 2007, das ist die Chiffre für ein merkwürdiges Zwischenspiel, als die Bäume plötzlich in den Himmel wuchsen und das Geld auf der Insel im Nordmeer sich vermehrte wie der süße Brei im Märchen. Die Zauberkraft der Elfen wurde durch die Zauberkraft der Märkte ersetzt. Und, bei aller Freundschaft: Wenn man ein bisschen nachdenkt über die große Kunst des Olafur Eliasson, so erscheint sie einem tatsächlich wie eine prototypische Vermählung von Elfenzauber und Geldmacht.
Die Taxifahrerin fährt fort: »Das hat uns damals doch kaputt gemacht. Dieser Größenwahn. Als jeder Neureiche Elton John engagierte, damit der auf seiner Geburtstagsfeier Klavier spielt.« Das war 2007, die Kasino-Stimmung, als sich jeder Einsatz verdoppelte. Und wie sieht das Land heute aus? Vielleicht darf man Finanzkrisen nicht überschätzen: Wenn Blasen platzen, platzen eben nur Blasen. Als Besucher ist man fast ein wenig enttäuscht, dass man dem realen Island die Spuren des Bankencrashs so wenig ansieht. Vor allem fällt auf: Vor vier Jahren war Island für einen Besucher aus der Euro-Zone unbezahlbar, jetzt kann dieser auch mal zur Abwechslung seine Gastgeber einladen. Es gibt leer stehende Immobilien, aber ansonsten geht alles seinen Gang. Das Nachtleben brummt wie eh und je, und in den schickeren Restaurants muss man rechtzeitig reservieren. Die Schriftsteller und Intellektuellen scheinen geradezu erleichtert, dass der Spuk vorbei ist: Eine Zeit lang hatten die Banker die Autoren in der Rolle der Zeitgeistdiagnostiker aus den Talkshows verdrängt. Diese Demütigung ist jetzt wieder vorbei. Wenn die Aktienkurse in den Keller rauschen, steigt der Wert der Literatur. Und deshalb gab es auch nie einen Zweifel daran, dass Island trotz der damit verbundenen nicht unerheblichen Kosten seinen Gastlandauftritt auf der Frankfurter Buchmesse durchziehen würde.
Fast ist es so, als würde das Land die Krise als einen weiteren Ausweis seiner Besonderheit, ja Exzentrik verbuchen: Wir haben Vulkane, wir haben Björk, und wir haben verrückte Banken... Zumal Island mit der Finanzkrise aus seiner geografischen Randlage ins Zentrum der Weltaufmerksamkeit rückte. Wenig später gab es erneut schlechte Presse, als der Eyjafjallajökull ausbrach und den europäischen Flugverkehr lahmlegte. Nun zitterten alle Isländer, dass ihnen auch noch der Tourismus wegbreche. Doch das Gegenteil geschah: Das Tourismusgeschäft boomt, alle wollen diese irren Vulkane sehen.
Island war schon immer Projektionsfläche für das Schräge, Spleenige, Außergewöhnliche, Skurrile, das ganz Andere. Und die Literatur hatte daran einen wichtigen Anteil. Genau genommen war es präzise ein Buch, das dafür sorgte, dass Island zu einem mythischen Sehnsuchtsort auch der Gegenwart wurde: Der Roman 101 Reykjavík von Hallgrímur Helgason, erstmals erschienen 1996. Helgason war damals Mitte dreißig, aber seit das Buch einschlug wie eine globale Marketing-Kampagne für diese liebenswürdig abgedrehte Stadt Reykjavík, ist er selbst in gewisser Weise zu einem Gesicht Islands geworden. Das nervt ihn manchmal, denn was auch immer im Land passiert, sofort richten sich alle Kameras und Mikrofone auf ihn.
101 Reykjavík ist ein klassischer Hänger-Roman. Die wichtigsten Utensilien der Handlung sind Alkohol und Drogen. Aber eben kombiniert mit so einem typisch isländischen Sinn fürs Unkonventionelle. Erzählt wird die Geschichte des 28-jährigen Hlynur, der nichts auf die Reihe bringt, immer noch bei seiner Mutter wohnt und sich ansonsten die Nächte auf der legendären Kneipenmeile Laugavegur um die Ohren schlägt. Bis er sich in eine Freundin der Mutter verliebt, eine spanische Flamenco-Lehrerin. Bestürzt muss er feststellen, dass die temperamentvolle Spanierin und seine Mutter ein Paar werden. Es folgen viel Weltschmerz und viele extrovertierte Szenen, aber eigentlich lebt der Roman von seiner dichten, verqualmten Partyatmosphäre. Diese exzessive Partyatmosphäre hatte Hallgrímur Helgason so einladend geschildert, dass die Welt Reykjavík und seine hemmungslosen Bewohner mit eigenen Augen kennenlernen wollte.
Geplant war das alles nicht. Helgason sagt: »Es hat uns doch alle überrascht. Wir saßen in unserer Stammkneipe, und plötzlich geht die Tür auf, und Quentin Tarantino stolpert herein.« Heute sei ihm klar, dass es sich dabei um eine ethnologische Neugier auf das Kuriose handle: So wie früher Europäer nach Afrika reisten auf der Suche nach dem Exotischen, reisten sie heute eben nach Island.
- Datum 11.10.2011 - 10:46 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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