Vom Balkon aus kann Salman Ansari jeden Tag seine Vergangenheit sehen. Wenige Hundert Meter von seinem Haus entfernt erhebt sich auf einer Anhöhe ein brauner Giebel über dichten Tannen. Zwei weiße Fenster blicken über saftige Wiesen ins Tal. Manchmal weht der Wind das Geschrei von Kindern herunter.

Der Giebel gehört zu einem der Häuser der Odenwaldschule, des einstigen Vorzeigeinternats, das zum Ort des größten Missbrauchsskandals der Republik wurde. Hier, im hessischen Ober-Hambach, hat Salman Ansari fast die Hälfte seines Lebens verbracht: rund dreißig Jahre als Lehrer, elf Jahre als Oberhaupt einer Internatsfamilie. Mit seiner Frau wohnte er auf dem Gelände, sein Sohn besuchte hier die Schule. Und selbst nach seiner Pensionierung 2005 blieb er der OSO, wie das Internat hier alle nennen, so nahe wie kein zweiter Ehemaliger.

Gleichzeitig findet man niemand anderen in der Lehrerschaft, der sich so weit von der Odenwaldschule distanziert hat wie Salman Ansari. In den unzähligen Medienberichten über die pädosexuelle Gewalt an der ehemaligen Modellschule hat er den Vorwürfen eine Stimme gegeben. Kein Film über das Leid der missbrauchten Schüler kommt ohne ihn als Zeugen aus. Und wenn in der nächsten Woche mehr als tausend Schulreformer auf einem Kongress zusammenkommen, um die Reformpädagogik zu feiern, dann ist es auch Salman Ansari zu verdanken, dass der sexuelle Missbrauch erstmals in diesen Kreisen prominent auf der Tagesordnung steht.

Warum bricht jemand so konsequent mit seiner Biografie? Wie gelingt es, »ich« und »Nein« zu sagen, während sich andere im »wir« verstecken und im Schwarm der Jasager mitschwimmen? Und woher stammt die Ausdauer, jahrelang auf Aufklärung zu drängen – ohne jeden Erfolg? Es ist die alte Frage nach den Wurzeln von Widerstand. In diesem Fall lautet eine Antwort: Sturheit bis zur Rechthaberei, eine andere: Herkunft. Wer wie Salman Ansari im jugendlichen Alter aus Pakistan zum Chemiestudium nach Deutschland kam, ist es gewohnt, anders zu sein. Bis heute scheint es ihm geradezu Vergnügen zu bereiten, gegen den Mainstream in der Pädagogik zu stänkern. Etwa wenn der Naturwissenschaftler den »Forscherwahn« in Kitas und die »Akademisierung der Kindheit« kritisiert.

Aber es gibt noch eine andere, wichtigere Erklärung dafür, dass Salman Ansari der einzige Lehrer der Odenwaldschule war, der sich von Beginn an unmissverständlich auf die Seite der missbrauchten Schüler gestellt hat: sein – schlechtes – Gewissen. »Auch ich war ein Profiteur des Systems von Herrn Becker«, sagt Ansari. »Auch ich habe mich schuldig gemacht.«

All das liegt schon lange zurück. Verzeihen kann er es sich dennoch nicht. Siebzig Jahre ist er mittlerweile, ein etwas untersetzter Mann mit dunkler Haut und sanftem Wesen. Seine braunen Augen verschwimmen hinter Brillengläsern. Wenn er redet, ertönt ein leiser Singsang. Andere sagen »Becker«, wenn sie vom ehemaligen Schulleiter und Haupttäter Gerold Becker sprechen, oder: »der pädophile Becker«. Ansari vergisst niemals, das höfliche »Herr« davorzusetzen. Schließlich hat Gerold Becker auch ihn stets höflich behandelt.

Noch gut erinnert sich Salman Ansari an den Tag, als er sich dem damals jungen Schulleiter der Odenwaldschule vorstellte. Der Schriftsteller Wolfgang Hildesheimer, ein Freund Ansaris und ehemaliger OSO-Schüler, hatte den promovierten Naturwissenschaftler empfohlen. Ansari war nur halbherzig gekommen. Er hatte an der Darmstädter Hochschule einen festen Job. Doch der Menschenbezauberer Becker – charmant, intelligent, wortgewandt – umgarnte ihn. Persönlich fuhr er den Gast mit seinem VW-Bus nach Hause. »Eine Schule mit einem so sympathischen Leiter muss einfach gut sein«, dachte sich Ansari und ließ sich umstimmen.