Vivienne WestwoodEs sieht gut aus in Afrika

Die britische Exzentrikerin Vivienne Westwood hat eine neue Kollektion entworfen, die gleichzeitig ein Entwicklungshilfeprojekt für Kenia ist. von Elisabeth Raether

Vivienne Westwood posiert selbst im Werbemotiv für ihre in Kenia gefertigte Taschenkollektion.

Vivienne Westwood posiert selbst im Werbemotiv für ihre in Kenia gefertigte Taschenkollektion.   |  © Jürgen Teller

Früher stattete die britische Modedesignerin Vivienne Westwood die Punkband Sex Pistols mit Sadomaso-Accessoires und verballhornten Schottenröcken aus, heute leistet sie Entwicklungshilfe und setzt sich für den Schutz der Umwelt ein. » No Future!«, dachte sie damals. »Save the Planet!«, sagt sie heute.

»Das ist doch ein und dasselbe«, findet sie. »Ich habe schon immer gedacht, wir sind eine gefährdete Spezies. Wir müssen etwas tun, damit der Planet und die Menschheit überleben.«

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Vivienne Westwood in Kenia
Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild

Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild  |  © Jürgen Teller

Was sie derzeit tut: Sie lässt eine Accessoire-Kollektion in Kenia von den Ärmsten der Armen herstellen, denen sie einen gerechten Lohn zahlt. Das Ethical Fashion Programme des Internationalen Handelszentrums, eines Organs der UN-Sonderorganisation WTO, der Welthandelsorganisation, will Produzenten in Entwicklungsländern am Welthandel beteiligen. Es sind vor allem die Frauen, die so ihr Leben und ihren gesellschaftlichen Status in der Gemeinde verbessern können. In Kenia ist der Großteil der Armen weiblich, archaische Sitten machen es den Frauen schwer.

Im Sommer reiste Westwood mit dem Fotografen Juergen Teller, ihrem alten Freund, nach Nairobi, um die Produktionsstätten zu besuchen. »Wir hatten viel Spaß«, sagt Juergen Teller. »Wir waren Teil von etwas Gutem, nicht solche Fashion-Idioten.« Seine Bilder, die bei der Reise entstanden, wurden die Motive für die Anzeigenkampagne für Vivienne Westwood in dieser Saison. Sie zeigen ein Afrika ohne Giraffen, ohne Massai. Sie zeigen die Armut, das Prekäre des Kontinents und den Sinn für Schönes, den es dort trotzdem gibt.

Westwoods Accessoires sind auch keine Holzketten oder anderes »Touristenzeug«, wie sie sagt. »Es ist richtiges Design. Sie machen dort aus Tierknochen Knöpfe und Perlen aus Papierabfällen.« Die Stofftaschen, die auf yoox.com zwischen 85 und 245 Euro kosten, sind aus recycelten Materialien, bedruckt, mit expressiven Applikationen versehen und fügen sich in die Westwood-Ästhetik, die das Improvisierte kultiviert.

Vivienne Westwood hat das Handwerk des Designs nicht gelernt, sie war Grundschullehrerin, bis sie in den siebziger Jahren zur Mode fand. Für sie, die der Provinz entflohen war, sollte Kleidung nie hübsch aussehen, sondern ein Mittel der Provokation sein. Dieses Jahr wurde sie 70, ein Alter, in dem für eine Frau die Möglichkeiten zu provozieren schier unendlich sind. Einige Beispiele: ohne Unterhose zur Ordensverleihung bei der britischen Königin erscheinen, sich nackt fotografieren lassen, lange Haare und einen 25 Jahre jüngeren Mann haben (er heißt Andreas Kronthaler und hat bei ihr studiert).

Eine Massai-Frau, die Westwood traf, überreichte ihr einen mit Perlen und Tierfell verzierten Stab, den nur die Männer der Massai tragen dürfen. »Die Frau sagte, ich sähe so aus«, erzählt Vivienne Westwood, »als hätte ich in meiner Welt dieselben Rechte wie die Männer.«

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Leserkommentare
  1. Den gleichen, den ein Taschenmacher hier erhielte oder einen afrika-gerechten?
    Wenn solche Projekt standfest sein wollen, kann die Qualifikation der Produzenten nicht darin bestehen, die Ärmsten der Armen zu sein.
    "In Kenia der Großteil der Armen weiblich,..."
    Ich schätze das Verhältnis arme Frauen zu arme Männer entspricht den jeweiligen Anteil an der Gesamtbevölkerung und ist relativ ausgewogen.

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    Es stimmt zwar, daß die Frauen armer Männer in der Regel ebenfalls arm sind. Da Frauen aber für Kindergebären und -erziehen, für Wasserholen, Hausarbeit, Pflege von Angehörigen, Feldarbeit etc.etc. kein Geld bekommen, sind sie im Verhältnis weit ärmer.

    Überdies senkt die Unterstützung von Frauen in ihrer Geschäftsfähigkeit die Geburtenrate und führt zu besserer Ernährungslage für die Kinder.

  2. Es stimmt zwar, daß die Frauen armer Männer in der Regel ebenfalls arm sind. Da Frauen aber für Kindergebären und -erziehen, für Wasserholen, Hausarbeit, Pflege von Angehörigen, Feldarbeit etc.etc. kein Geld bekommen, sind sie im Verhältnis weit ärmer.

    Überdies senkt die Unterstützung von Frauen in ihrer Geschäftsfähigkeit die Geburtenrate und führt zu besserer Ernährungslage für die Kinder.

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    Wenn diese richtig wäre, wären die Frauen mit ihren unbezahlten Familienjobs mangels Einkommen doch längst verhungert.
    Also stellen die Männer letztlich doch ihr , wenn überhaupt vorhandenes, extern erzieltes Einkommen für den Unterhalt ihrer Familie zur Verfügung und haben am Ende des Monats soviel übrig wie die Frauen - nichts, sind also genausoarm.
    Da sollte man wohl eher über das Familieneinkommen sprechen, auch wenn man dann nicht künstlich zwischen arme Männer und ganz arme Frauen teilen kann.

    • essilu
    • 06. Oktober 2011 21:25 Uhr

    ...eine "ehrliche" Win-Win-Initiative.
    Das wäre wünschenswert.

  3. http://www.viviennewestwo...
    Hier Vivienne Westwoods Blog über ihre erste Reise nach Kenia http://www.activeresistan...
    Ein Artikel aus afriPOP http://afripopmag.com/bla...

    Die Seite von ITC, die das Ethical Fashion Program, im Rahmen dessen Dame Vivienne produzieren läßt, unterstützt http://www.intracen.org/a...

    Und zwei Videos, über ITC/Ethical Fashion Program http://www.youtube.com/wa... und die Kooperation mit Vivienne Westwood http://www.youtube.com/wa...!

  4. 5. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf diskriminierende Kommentare. Danke, die Redaktion/mk

  5. Wenn diese richtig wäre, wären die Frauen mit ihren unbezahlten Familienjobs mangels Einkommen doch längst verhungert.
    Also stellen die Männer letztlich doch ihr , wenn überhaupt vorhandenes, extern erzieltes Einkommen für den Unterhalt ihrer Familie zur Verfügung und haben am Ende des Monats soviel übrig wie die Frauen - nichts, sind also genausoarm.
    Da sollte man wohl eher über das Familieneinkommen sprechen, auch wenn man dann nicht künstlich zwischen arme Männer und ganz arme Frauen teilen kann.

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    Es ist in vielen Gegenden/bei vielen Ethnien in Sub-Sahara-Afrika üblich, daß Männer für längere Zeiten nicht bei ihren Familien leben: Arbeitsmigration, Viehzucht, Zweitfamilie in der Stadt etc.

    Sie sollten nicht den Fehler machen, europäische Kleinfamilienvorstellungen nach Afrika aufs Land zu übertragen. Noch sollten Sie mir eine 'künstliche Teilung' zwischen Männern und Frauen unterstellen - was ich schrieb, ist sternfern von - im Vergleich - europäischen Luxusproblemen wie Quote etc.

    Die Regel ist, daß die Männer allein über die Ausgabe des von ihnen verdienten Geldes bestimmen, ihnen gehört auch das Land, auf dem Frauen 90% der Nahrung anbauen. Die Männer geben das Geld nicht zwingend vernünftig aus, z.B. weckt das Teilzeitleben in der Stadt Konsumwünsche, die in keinem Verhältnis zum Einkommen stehen. Wenn Frauen EIGENES Geld zur ihrer Verfügung haben, das nicht sofort aufgegessen wird, wird das eher in GUTE Ernährung, Bildung, Gesundheit, bei Überschüssen aus Handel, cash crops, Kleinunternehmertum in das Kleinunternehmen selbst investiert. Das verändert ganze Dörfer, ökonomisch, gesundheitlich, atmosphärisch. Deswegen halte ich die gezielte Stärkung der Geschäftsfähigkeit von Frauen in mehrerlei Hinsicht für eine gute Idee.

    Falls es Sie interessiert, zum ersten Einlesen am Beispiel Agrarpolitik http://www.bpb.de/themen/...

  6. Es ist in vielen Gegenden/bei vielen Ethnien in Sub-Sahara-Afrika üblich, daß Männer für längere Zeiten nicht bei ihren Familien leben: Arbeitsmigration, Viehzucht, Zweitfamilie in der Stadt etc.

    Sie sollten nicht den Fehler machen, europäische Kleinfamilienvorstellungen nach Afrika aufs Land zu übertragen. Noch sollten Sie mir eine 'künstliche Teilung' zwischen Männern und Frauen unterstellen - was ich schrieb, ist sternfern von - im Vergleich - europäischen Luxusproblemen wie Quote etc.

    Die Regel ist, daß die Männer allein über die Ausgabe des von ihnen verdienten Geldes bestimmen, ihnen gehört auch das Land, auf dem Frauen 90% der Nahrung anbauen. Die Männer geben das Geld nicht zwingend vernünftig aus, z.B. weckt das Teilzeitleben in der Stadt Konsumwünsche, die in keinem Verhältnis zum Einkommen stehen. Wenn Frauen EIGENES Geld zur ihrer Verfügung haben, das nicht sofort aufgegessen wird, wird das eher in GUTE Ernährung, Bildung, Gesundheit, bei Überschüssen aus Handel, cash crops, Kleinunternehmertum in das Kleinunternehmen selbst investiert. Das verändert ganze Dörfer, ökonomisch, gesundheitlich, atmosphärisch. Deswegen halte ich die gezielte Stärkung der Geschäftsfähigkeit von Frauen in mehrerlei Hinsicht für eine gute Idee.

    Falls es Sie interessiert, zum ersten Einlesen am Beispiel Agrarpolitik http://www.bpb.de/themen/...

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    • ztc77
    • 09. Oktober 2011 11:41 Uhr

    Ich möchte mich ebenfalls für den sehr informativen Link über die finanzielle Situation afrikanischer Frauen bedanken! Seit längerem betreue ich Migrantenfamilien in BW und zur Zeit eine (Rest-)Familie aus dem südlichen Westafrika und stoße dabei auf eine Fülle von Problemen, die sich wenn überhaupt nur schrittweise lösen lassen. Aus diesem Grund sind für mich Hintergrundinformationen wie die genannte sehr hilfreich und sie helfen so sehr, dass auch Entscheidungen für die in Afrika verbliebenen Verwandten dadurch besser getroffen werden können.

    • ztc77
    • 09. Oktober 2011 11:41 Uhr
    8. Danke!

    Ich möchte mich ebenfalls für den sehr informativen Link über die finanzielle Situation afrikanischer Frauen bedanken! Seit längerem betreue ich Migrantenfamilien in BW und zur Zeit eine (Rest-)Familie aus dem südlichen Westafrika und stoße dabei auf eine Fülle von Problemen, die sich wenn überhaupt nur schrittweise lösen lassen. Aus diesem Grund sind für mich Hintergrundinformationen wie die genannte sehr hilfreich und sie helfen so sehr, dass auch Entscheidungen für die in Afrika verbliebenen Verwandten dadurch besser getroffen werden können.

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  • Schlagworte Afrika | Vivienne Westwood | Juergen Teller | WTO | Design | Entwicklungshilfe
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