Glaube mag Berge versetzen, offene Rechnungen begleicht er aber nur selten. Selbst die Kirche kommt daher nicht umhin, sich dem Profanen zu widmen. So druckte zum Beispiel das Bistum Mainz vor einiger Zeit eine Broschüre mit dem leicht sperrigen Titel Planen im Sparen . Die zentrale Botschaft: Bis zum Jahr 2014 sollen im Bistum Mainz 25 Millionen Euro eingespart werden. »Demografischer Wandel, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen zwingen die Kirche dazu, ihre Ausgaben auf den Prüfstand zu stellen«, heißt es in dem Papier.

Auch die Kirchen sind, ob sie wollen oder nicht, ökonomische Akteure. Im Außendienst beten, seelsorgen und pflegen ihre Mitarbeiter. Im Innendienst bilanzieren und investieren Wirtschaftsexperten. Längst holen Bischöfe sich Rat bei Unternehmensberatern von McKinsey. Mönche produzieren Liköre, Seifen oder Süßwaren für die Produktlinie »Gutes aus Klöstern«. Diakone gründen Unternehmen. Gemeinden lernen das Fundraising. Die Evangelische Kirche im Rheinland etwa war 2009 Mitveranstalterin eines ganzen Kongresses, es ging um »Win-win-Partnerschaften«, um Firmenspenden und Sponsoring. Motto: »Unternehmen als Partner gewinnen«. Doch der Spagat zwischen Ökonomie und Theologie, zwischen wirtschaftlichen Zwängen und christlicher Lehre ist schwierig – und manchmal gelingt er nicht.

Die Kirchen setzen Milliarden um – fast so viel wie Volkswagen

Wären die Kirchen Konzerne, zählten sie wohl zu den größten Unternehmen des Landes. Im Jahr 2010 war Volkswagen mit 126,9 Milliarden Euro der umsatzstärkste Konzern im Deutschen Aktienindex. Die Kirchen spielen in einer ähnlichen Liga. Friedrich Schwarz benannte 2005 in seinem Buch Wirtschaftsimperium Kirche – der mächtigste Konzern Deutschlands für beide deutsche Kirchen zusammen einen Gesamtumsatz von mehr als 125 Milliarden Euro, ihr Vermögen bezifferte er auf 500 Milliarden Euro. Auch der Sozialwissenschaftler und Kirchenkritiker Carsten Frerk kam 2002 in einer Studie auf Umsätze von rund 125 Milliarden Euro, er geht davon aus, dass sich an dieser Zahl nicht viel geändert hat. Neuere und vor allem belastbare Zahlen gibt es nicht.

Viele Experten meiden dieses Thema. So beschäftigt sich das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln schon seit über 25 Jahren mit Fragen zum Thema Kirche und Wirtschaft, doch an Spekulationen über Vermögen und Umsatz wolle man sich nicht beteiligen, wie es dort heißt.

Zahlen veröffentlichen die beiden großen Kirchen des Landes nicht. Sie sind nicht daran interessiert, als Wirtschaftsakteur wahrgenommen zu werden. »Die evangelischen Kirchentümer wissen nicht, wie reich oder arm sie wirklich sind. Kirchensteuereinnahmen lassen sich ausweisen, aber alle Gesamtzahlen, die im Umlauf sind, sind empirisch nicht belastbar, weil der größte Teil, insbesondere alle Vermögenszahlen, spekulativ hochgerechnet sind. Das alles hat nichts mit Geheimhaltungspolitik zu tun, sondern ist eine Folge des kirchlichen Föderalismus«, erklärt Peter Mörbel, Studienleiter an der Evangelischen Akademie im Rheinland.

Und bei den Katholiken? Eine offizielle Gesamtbilanz gibt es auch bei der katholischen Kirche in Deutschland nicht. Nach Wirtschaftsdaten befragt, heißt es bei der Deutschen Bischofskonferenz zum Beispiel, man müsse »dazu die Bistümer (27 Stück) und den Deutschen Caritasverband selbst befragen«.

Frerk, der auch Autor des Violettbuches Kirchenfinanzen ist, stellte bei seinen Recherchen fest, »dass über Finanzen prinzipiell nicht öffentlich gesprochen wird«. Er kommt allein auf 19 Milliarden Euro staatliche Zuwendungen im Jahr, sei es in Form von Steuervergünstigungen oder Zuschüssen für Schulen und Pflegeeinrichtungen. Das Vermögen der katholischen Kirche hierzulande schätzte Frerk in der Vergangenheit auf 270 Milliarden Euro.