Kölner Kunstfälscherprozess : Wer glaubt noch ans Original?

Wolfgang Beltracchi mag ein großer Kunstfälscher sein – seine Bilder gehören dennoch ins Museum.

Für sie ist er ein Lump, ein Hochstapler, ein ganz mieser Betrüger. Und recht haben sie, all die Händler und Sammler, die Wolfgang Beltracchi über viele Jahre hinweg hinters Licht führte. Deswegen steht er nun in Köln vor Gericht , vorige Woche hat er gestanden, hat erzählt, wie er die Legende von der Sammlung Jägers erfand, wie er auf Flohmärkten alte Bilderrahmen und Leinwände kaufte, dann Ölfarben nach historischer Rezeptur anrührte und schließlich Bilder malte, die ebenso gut von Max Pechstein, Heinrich Campendonk oder Max Ernst hätten stammen können. Unter ihrem Namen ließ er sie auch verkaufen, Wolfgang Beltracchi betrog die Kunstwelt – das Gericht wird ihn verurteilen.

Was aber, wenn man die Paragrafen für einen Moment beiseite schiebt? Was, wenn Künstler alles dürften und die Kunst absolut frei wäre? In einer solchen Welt jenseits des Rechts wäre Beltracchi kein Lump und kein Hochstapler, er wäre ein großer Künstler. Kein Originalgenie vielleicht – ein Genie ohne Original aber in jedem Fall.

Beltracchi hat keine Bilder nachgemalt, sondern nachempfunden

So versteht er sich offenbar auch selbst, tritt auf als Malerfürst mit wallendem Haar und Musketierbart, verschmitzt der Blick, seine Rede betont unbescheiden. Vor Gericht schwärmt Beltracchi von seiner »besonderen Gabe des Sehens«, erzählt, dass mehrere »Künstlerseelen parallel in mir existiert« hätten. »Ich brauchte keine bewusste Analyse der Maltechnik. Ich verstand intuitiv, wie der Maler gemalt hat.« Wenn er vor der Leinwand stand, war er nicht mehr Wolfgang, er war Heinrich oder Max, er kopierte nicht einfach deren Bilder, sondern erfand Werke in ihrem Geiste, Werke, »die nicht im Œuvre hätten fehlen dürfen«. Es sind keine Fälschungen im herkömmlichen Sinne, Beltracchi hat die Bilder nicht nachgemalt, er hat sie neu gemalt – und alt empfunden.

Sein Können verdankt er vor allem dem Vater, einem Kirchenmaler und Restaurator, bei dem er schon früh lernen konnte, wie leicht es ist, sich das Alte anzuverwandeln und einen Rembrandt täuschend echt nachzumalen. Bereits mit 14 Jahren kopierte Beltracchi, 1951 in Geilenkirchen nahe Aachen geboren, eine Picasso-Zeichnung, kaum mehr als zwei Stunden brauchte er dafür, sehr zur Verblüffung des Vaters.

Noch heute verblüfft er viele, mit seiner technischen Brillanz und seinem Einfühlungsvermögen, mit tiefer Kenntnis der Stile und der Kunstgeschichte und nicht zuletzt mit seiner Fantasie. Doch zum wahren, zum modernen Künstler wurde Wolfgang Beltracchi erst dank seiner konsequenten Verachtung des Originals. Und ausgerechnet das beschert ihm nun den großen Ärger.

Es gehört zu den seltsamen Verdrehungen dieses großen Kunstskandals, dass hier ein Maler für etwas vor Gericht steht, das seit rund hundert Jahren zu den Kardinaltugenden der Moderne zählt. 1917 war es, in New York, da kaufte Marcel Duchamp bei einer Firma für Sanitärbedarf ein Pissoirbecken und wollte es bei einer Jahresausstellung als Skulptur zeigen. Spätestens seit damals war der Mythos des einmaligen, unwiederholbaren Kunstwerks zum Abschuss freigegeben. Ob Andy Warhol, Gerhard Richter oder Damien Hirst, ob Avantgarde oder Postmoderne – die meisten Künstler des 20. Jahrhunderts wollten nichts Meisterliches mehr schaffen, glaubten nicht mehr an das Authentische und dekonstruierten die Vorstellung vom Künstlergott. Duchamp schlug vor, »einen Rembrandt als Bügelbrett« zu benutzen. Und etwas Ähnliches tat er dann auch: 1919 malte er einer Reproduktion der Mona Lisa einen elegant gezwirbelten Schnurrbart ins Gesicht und nannte das Werk L.H.O.O.Q. Fast 50 Jahre danach griff er wiederum nach Mona Lisa, zeigte sie diesmal ohne alle Bärte und nannte sie rasée L.H.O.O.Q. Nur acht Jahre später machte sich die Künstlerin Elaine Sturtevant daran, Duchamps reproduzierte Reproduktion zu reproduzieren, nicht die erste, sondern die zweite, rasierte Fassung, wie der Titel Duchamp rasée L.H.O.O.Q. verrät. Ein mehr oder weniger amüsantes Verwirrspiel, bei dem am Ende kaum noch zu unterscheiden ist zwischen originalen Originalen, kopierten Originalen, originalen Kopien oder kopierten Kopien.

Heute ließe sich spielend ein Spezialmuseum mit lauter reproduzierten Reproduktionen füllen. Längst werden auch Fotografien von Künstlern fotografiert, so kopierte Sherrie Levine einige Bilder von Walker Evans, und es dauerte nicht lange, bis ein weiterer Künstler kam, Michael Mandiberg, der nun seinerseits Levines Re-Fotografien refotografierte. Mittlerweile nimmt die Nachfertigung fast schon industrielle Formen an, Eric Doeringer zum Beispiel bietet seine sogenannten Bootlegs gleich im Dutzend an, kleinformatige Ausgaben von teuer gehandelten Kollegen wie John Currin, Elisabeth Peyton oder Damien Hirst. Daneben nimmt sich Wolfgang Beltracchi mit seinen nachempfundenen Nicht-Originalen geradezu bescheiden aus. Er ist jedenfalls in bester Gesellschaft.

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Kommentare

16 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Die Geschichte eines Bildes ist auch wichtig.

Zitat: "Wäre es nicht an der Zeit, die Künstler ernst zu nehmen und auf den Kult des Echten zu verzichten? Gerade in Zeiten des Internets erodieren die alten Werte der Autorenschaft und Authentizität."

Diese Neuorientierung bezöge sich doch zunächst auf Bilder vergangener Zeit. Und da gab es doch kein Internet. Außerdem ist die Geschichte eines Kunstwerkes doch mindestens so interessant wie das Kunstwerk selber!