Mit der Arbeit an The Tunnel hat William H. Gass 1965 begonnen, 1995 erschien das Buch in den USA, und bis zur Publikation der Übersetzung ins Deutsche sind nun noch einmal 16 Jahre vergangen. Das stilistische Wagnis, Gass’ geduldige und übermütige Arbeit an der englischen Sprache, war für die Übersetzung ein Risiko: Der Tunnel ist nicht nur das Opus magnum des Autors, sondern auch seines Übersetzers. Nikolaus Stingl ist das Kunststück gelungen, dem Werk auf den über tausend Seiten der deutschen Fassung seinen Atem zu belassen. Wo möglich, übersetzt er wörtlich, oft bis in die Assonanzen, wo nicht, bleibt er dem Original treu, indem er es neu erfindet.

Er schreibe nicht »über« etwas, sondern er schreibe etwas, sagt Gass selbst über seine Prosa. Bereits auf der unmittelbaren visuellen Ebene des Texts verschmelzen Gegenstand und Wort: Der Autor experimentiert nicht nur mit verschiedenen Formen der konkreten Poesie sowie symbolkräftigen Typografien, er verwendet etwa auch das Faksimile einer zerknitterten Einkaufstüte und allerlei Skizzen.

Der Verlag hat keinen Aufwand gescheut: Die Wimpelchen der »Partei der Enttäuschten«, welche der Ich-Erzähler beim Schreiben aufs Papier malt, sind sogar in Farbe gedruckt. Doch so spektakulär der Text sich dem Auge darbietet – geschrieben ist er für das Ohr: Rhythmus und Klang, ausgesuchte Wörterlisten und überraschende Assonanzen (der Visionär sehe die Zukunft »like a dream-draped dressmaker’s dummy«, heißt es im Original) und absolut schweinische Limericks. Lauter Verfahrensweisen, die im Dienst eines erfinderischen, modernen Realismus stehen, in dem – wie Beckett einmal über Joyce bemerkte – die Worte tanzen, wenn im Text getanzt wird.

In Der Tunnel treten wir als Leser ein in das Bewusstsein des William Frederick Kohler, eines etwa 50-jährigen amerikanischen Historikers mit deutschen Wurzeln sowie einem Hang zu deutschen Sehnsüchten und deutscher Dichtung, der zu seiner Monumentalstudie »Schuld und Unschuld in Hitlerdeutschland« eine Einleitung schreiben soll und nicht kann. Nun sitzt Kohler im Keller seines Hauses und schreibt über alles, was ihm durch den Kopf geht, über den Unterschied zwischen Geschichte und Poesie etwa und über die Frage, ob der Holocaust ein singuläres Ereignis sei: »und ich fragte mich, welcher Jude als derjenige gelten soll, dessen Tod zu weit ging (...), der einundneunzigste? Vierhundertste? Tausendunddritte?« Erinnerungen an seine Kindheit im Mittleren Westen. Tiraden über seine Frau, seine Herkunft, sein Leben. Kohler schreibt und schreibt, und gleichzeitig beginnt er, in seinem Keller einen Tunnel zu graben.

Dieser Tunnel, für den es weder einen Zweck noch eine Erklärung gibt, ist eine doppelte Metapher: für Kohlers Schreiben wie für das Buch, das wir in den Händen halten. Der Eingang sei versteckt, schreibt Gass in einem unveröffentlichten Konzeptpapier (in der Tat lesen sich die ersten hundert Seiten sperrig), es gebe Abstürze und Hindernisse, dann wieder gehe es leicht voran. Der Tunnel, den Gass mit seinem Buch gräbt, ist eine Tiefenbohrung in die Seele seiner monologisierenden Hauptfigur. Wer ein Bewusstsein erdichtet, darf keine Zensur üben. Ob Philosophie oder Kloake, alle Wörter genießen die gleiche Existenzberechtigung: Bis ins letzte Detail erfahren wir unter anderem, mit welcher Mühe sich der fettleibige Kohler auf dem Klo den Hintern wischt.

Nach Paul Valéry besteht die Kunst der Literatur darin, »mit der Seele der anderen Menschen sein Spiel zu treiben«. Kohler ist ein brillanter Kopf, der die schönsten Sätze formuliert und die dümmsten Ansichten vertritt. Anhand dieser Figur, die uns verführt und anwidert, treibt Gass sein Spiel mit dem Leser. In Kohlers Vision einer »Partei der Enttäuschten« sollen all jene eine politische Heimat finden, die »in einem Zustand bescheidenen Elends durchs Leben gehen«. Die Partei ist ein Organ der dumpf beleidigten Rechten, und auch eine »Partei des enttäuschten Penis«.

Der Autor hat uns am Haken, wenn wir uns darüber amüsieren, wie Kohler in einer boshaften Satire über seine Fakultätskollegen herzieht. Auf den ganz anderen Erzählton der Kindheitserinnerungen ist man nun nicht gefasst. Die trunksüchtige Mutter und der arthritische, chauvinistische Vater entstammen Gass’ eigener Biografie, ebenso die karge Landschaft des Midwest mit ihren erloschenen Seelen. Doch dies erklärt nichts, denn das eigene Leben ist bei Gass nur das Material, nicht der Gegenstand des Erzählens.

»Wir haben nicht das richtige Leben geführt«, klagt Kohler. Aus dieser Verwundung (und dem Beharren auf ihr) erwächst die Kälte und Gleichgültigkeit, die jederzeit zum gefühlsbetäubten Gewaltrausch des politischen Faschismus erweckt werden kann, so die unausgesprochene Behauptung des Buchs.

Wir wollen nichts zu tun haben mit diesem Kohler, der seine Geliebten benutzt (außer Lou, da war er der Schwächere) und seine Frau verachtet (das tun wir ebenfalls – auch das gehört zum Spiel des Autors mit seinen Lesern). Doch am Ende dieser Seelengrabung blicken wir in die offene Wunde, und wir lauschen dem elegisch-unsentimentalen Ton der Erinnerung, in der, trotz aller Distanz, nichts verheilt ist. Wie der 15-Jährige seine pflegebedürftigen Eltern in Institutionen versorgen muss, wie ihm, dem von allen verlassenen, innerlich ausgehungerten Kind, nichts anderes übrig bleibt, als die Vaterrolle zu übernehmen – diese Erfahrung des monumentalen Zukurzkommens ist so genau, so nackt und so berührend erzählt, dass wir über Kohler kein Urteil mehr fällen können.