Winklers "Geschichte des Westens" Das deutsche Kapitel

Heinrich August Winklers monumentale "Geschichte des Westens" widmet sich der Epoche zwischen 1914 und 1945 und feiert die Demokratie

Der Westen steckt, wenn nicht alle Zeichen trügen, in der schwersten Krise seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Der Niedergang der Führungsmacht USA scheint unaufhaltsam zu sein, und in Europa erweist sich die Malaise um die Gemeinschaftswährung als ein Sprengsatz, der den Zusammenhalt der Union bedroht. In dieser dramatischen Lage kann eine Rückbesinnung auf das, was die viel berufene »westliche Wertegemeinschaft« ausmacht, von Nutzen sein. Ebendies unternimmt der Berliner Historiker Heinrich August Winkler mit seiner groß angelegten Geschichte des Westens.

Der erste Band erschien 2009. Darin beschrieb Winkler zum einen, wie sich in einem jahrhundertelangen Prozess bis zum Ende des 18. Jahrhunderts das herauskristallisierte, was er das »normative Projekt des Westens« nennt: Gewaltenteilung, unveräußerliche Menschenrechte, Rechtsstaat, repräsentative Demokratie. Und darin schilderte er zum anderen, wie der Westen im Verlauf des langen 19. Jahrhunderts nicht selten gegen die eigenen Ideale verstieß, allerdings auch immer wieder die Kraft zur Korrektur der eigenen Praxis fand.

Anzeige

Dass Winkler nach nur zwei Jahren einen zweiten, mit über 1300 Seiten ebenso umfangreichen Band folgen lässt, zeugt von einer geradezu frappierenden Arbeitsaskese. Ursprünglich sollte der zweite Band vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gegenwart führen, also das Gesamtunternehmen abschließen. Doch dann hat sich der Autor entschieden, die drei Jahrzehnte zwischen 1914 und 1945 mit den beiden Weltkriegen und der globalen ökonomischen Krise seit Ende der zwanziger Jahre als eine eigene Epoche, als »Ausnahmezeit« sui generis, zu behandeln.

Auch der zweite Band zeigt die Vorzüge des ersten: Winkler schreibt nicht in erster Linie für die akademische Zunft, sondern für ein breites, historisch interessiertes Publikum. Die Kunst, Analyse und Erzählung zu verbinden, beherrscht er wie kaum ein zweiter deutscher Historiker. Und er versteht es, eine schier erdrückende Stofffülle zu bändigen und die Vielfalt der Aspekte in eine überzeugende Synthese zu integrieren. Die Darstellung bewegt sich auf der Höhe der internationalen Forschung und ist doch durchgängig so klar und übersichtlich geschrieben, dass man beinahe vergessen könnte, welche enorme Anstrengung die Rezeption einer fast unübersehbar erscheinenden Literatur bereitet haben muss.

War der erste Band als »Problem- und Diskursgeschichte« angelegt, wobei ein starker Akzent auf die politischen Ideen gesetzt wurde, so dominiert im zweiten die Politikgeschichte, angereichert um die Wirtschafts- und Sozialgeschichte dort, wo sie, wie im Falle der großen Depression seit 1929, unverzichtbar ist. Auffällig ist wiederum die Vernachlässigung der Kulturgeschichte. Explizit widmet ihr Winkler nur einen Abschnitt – wenn er im Zusammenhang mit den Roaring Twenties auf den faszinierenden Kulturbetrieb der Weimarer Republik zu sprechen kommt.

Überhaupt ist eine gewisse Privilegierung der deutschen Geschichte unverkennbar. Der Autor begründet dies damit, dass die Rolle Deutschlands zwischen 1914 und 1945 »so zentral« gewesen sei, »daß man die Zeit der Weltkriege geradezu als das deutsche Kapitel in der Geschichte des Westens bezeichnen kann«. So plausibel diese Begründung auch erscheint, so drängt sich doch der Eindruck auf, dass Winkler in den Abschnitten zur deutschen Geschichte, die seinen eigenen Forschungsinteressen am nächsten liegen, seiner Lust am Erzählen bereitwilliger Lauf gelassen hat. Auf diese Weise ergeben sich einige Ungleichgewichte in den Proportionen – die Darstellung der Frühgeschichte oder der Endphase der Weimarer Republik etwa nimmt genauso viel Raum ein wie die Entwicklung der amerikanischen, britischen und französischen Geschichte im selben Zeitraum zusammen.

Stärkere Berücksichtigung als im ersten Band erfahren dagegen die russische und die italienische Geschichte, und dies aus guten Gründen. Denn nach der Oktoberrevolution von 1917 bildete sich in Russland eine bolschewistische Diktatur heraus, die – in den Worten Winklers – »der bisher radikalste Gegenentwurf zum normativen Projekt des Westens« war. Und mit Mussolinis »Marsch auf Rom« im Oktober 1922 entstand in Italien ein faschistisches Regime, das wiederum eine radikale Antwort auf die Bedrohungsängste darstellte, die Lenins Revolution im Westen ausgelöst hatte.

Leser-Kommentare
  1. schon seit langem beendet ist. Ich würde auch gern feiern!

    • b_logo
    • 18.10.2011 um 17:19 Uhr

    am vergangenen 9. Oktober und die "sanfte Revolution" von 1989 ein wenig nachgespurt habe, schöpfe ich - zu "Lebensfreude" angemerkt - Hoffnung hinsichtlich der weiteren Entwicklung der demokratischen "Party". Da ist wieder "Musik drin", klar, noch nicht volle Tube - eher im Übergang zur "Jam-Session", das wird schon was!

    • eeee
    • 18.10.2011 um 20:04 Uhr
    3. Westen

    = gut, Osten = schlecht. Na sowas. Echt reife Gelehrsamkeit.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Kelhim
    • 18.10.2011 um 21:17 Uhr

    Muss ja irgendeinen Grund haben?

    ...sagt denn der Artikel, dass der Osten schlecht sei?

    • Kelhim
    • 18.10.2011 um 21:17 Uhr

    Muss ja irgendeinen Grund haben?

    ...sagt denn der Artikel, dass der Osten schlecht sei?

  2. Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Beiträgen an der Debatte. Die Redaktion/ew

    Eine Leser-Empfehlung
    • Kelhim
    • 18.10.2011 um 21:17 Uhr

    Muss ja irgendeinen Grund haben?

    Antwort auf "Westen"
  3. ...auf die repräsentative *Demokratie*, die ihrerzeit mal ein gewaltiger Fortschritt war, verglichen mit gottgewollten Erbherrschern. Auch wenn man das heutzutage kaum noch glauben kann.

    Möge sie die Kraft haben sich nochmals den neuen Bedingungen anzupassen, der heterogener werdenden, gebildeten und vernetzten Bevölkerung, möge sie sich endlich in eine direkte Demokratie umwandeln. Und zwar ohne, dass erst wieder Blut fliessen muss.

    Eine Leser-Empfehlung
  4. als normatives Projekt des Westens aufzufassen, ist angesichts der realen Politik dieses Westens zu allen Zeiten bis heute und vor allem der britischen imperialen Kreise wie auch der USA völlig lachhaft.

    Wie will man da noch die Frage diskutueren, ob und warum angeblich die Deutschen sich diesem Projekt verweigert hätten?

    Aber wir können sicher sein, von den Ursachen des ersten Weltkriegs über die Hintergründe der bolschewistischen Machtergreifung in Russland, wie der Finanzierung und dem politischen Austieg Hitlers von der Wahrheit ganz sicher gar nichts zu lesen.

    Die Ursachen und Hintergründe der Weltwirtschaftskrise, nicht zu vergessen, wird man in dem dicken Werk sicher auch vergeblich suchen. Dank Internet wird das Werk von Heinrich August Winkler ganz sicher bald nur noch ein Relikt einer peinlichen Vergangenheit der Geschichtswissenschaft sein. Den Studenten wird es dazu dienen können, bei der Lektüre nachzuerleben, wie man in der Zeit vor dem Durchbruch des Internets in die Diskurse der Historikerzunft die wichtigsten Fakten unterschlagen und verdreht hat.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Kyriae
    • 19.10.2011 um 0:44 Uhr

    dass man im Internet die Wahrheit lesen wird?

    Abgesehen davon, dass es nicht DIE Wahrheit gibt, sondern man sich jedes Ereignis von diversen Seiten ansehen MUSS. Die Wahrheit ist dann irgendwo dazwischen.

    • Kyriae
    • 19.10.2011 um 0:44 Uhr

    dass man im Internet die Wahrheit lesen wird?

    Abgesehen davon, dass es nicht DIE Wahrheit gibt, sondern man sich jedes Ereignis von diversen Seiten ansehen MUSS. Die Wahrheit ist dann irgendwo dazwischen.

    • Kyriae
    • 19.10.2011 um 0:42 Uhr

    von Winklers 2teiligem Werk "Der lange Weg nach Westen"?

    Übrigens gut geschrieben, kann ich nur empfehlen. Gibt es bei der Bundeszentrale für politische Bildung für 6 Euro das Buch (2 sehr dicke Bücher!).

    Ansonsten kann ich sagen: Kennst du die beiden Bände von Winkler, kennst du alle Bücher von Winkler!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Dann muss ich kaufen.Wenn noch die Farbe stimmt echtes Schnäppchen. Nein, jede Perspektive des Betrachtens eröffnet neue Chancen die Welt und ihre Bewegungsgrunde zu verstehen. Für lesensdurstiges Publikum sind solche umfassende Werke immer ein löhnendes Leserstück.

    "»der bisher radikalste Gegenentwurf zum normativen Projekt des Westens« war die bolschewistische Diktatur in Russland."

    Der Kommunismus kann man nicht ohne weiteren Erklärungen als Gegenentwurf des Westens definieren. Im Gegenteil, der Kommunismus als nihilistische Verneinung des liberalen Kapitalismus wurde als Entwurf des Westens und im Westen geboren. In diesem Sinne handelt sich um einen Exportschlager mit fatalen Folgen für Westen, für Osten und besonders für die ganze Welt.

    In allgemeinem ist auch die Zeit der Diktaturen, der roten wie der braunen, eine Reaktion auf die Schwäche in der Entwicklung der modernen Gesellschaft, die bekannterweise im Westen und seinen eigenen Gegensätzen entstand. Das Schlüsselwort in der historischen Entwicklung heißt das Recht, das Gesetz, der Rechtsstaat und der Geist des Gesetzes.

    Es ist der wichtigste Produkt der westlichen Küche der Geschichte. Man darf dabei die moralische - gesellschaftliche Werte nicht vergessen, wie die Wechselwirkung mit der kulturellen Entwicklung. Kommunismus im Osten, in überwiegend Bauernländer war eine echte Befremdung, aber gleichzeitig eine Weile der Motor der industriellen Entwicklung und des langen Leidens.

    Dann muss ich kaufen.Wenn noch die Farbe stimmt echtes Schnäppchen. Nein, jede Perspektive des Betrachtens eröffnet neue Chancen die Welt und ihre Bewegungsgrunde zu verstehen. Für lesensdurstiges Publikum sind solche umfassende Werke immer ein löhnendes Leserstück.

    "»der bisher radikalste Gegenentwurf zum normativen Projekt des Westens« war die bolschewistische Diktatur in Russland."

    Der Kommunismus kann man nicht ohne weiteren Erklärungen als Gegenentwurf des Westens definieren. Im Gegenteil, der Kommunismus als nihilistische Verneinung des liberalen Kapitalismus wurde als Entwurf des Westens und im Westen geboren. In diesem Sinne handelt sich um einen Exportschlager mit fatalen Folgen für Westen, für Osten und besonders für die ganze Welt.

    In allgemeinem ist auch die Zeit der Diktaturen, der roten wie der braunen, eine Reaktion auf die Schwäche in der Entwicklung der modernen Gesellschaft, die bekannterweise im Westen und seinen eigenen Gegensätzen entstand. Das Schlüsselwort in der historischen Entwicklung heißt das Recht, das Gesetz, der Rechtsstaat und der Geist des Gesetzes.

    Es ist der wichtigste Produkt der westlichen Küche der Geschichte. Man darf dabei die moralische - gesellschaftliche Werte nicht vergessen, wie die Wechselwirkung mit der kulturellen Entwicklung. Kommunismus im Osten, in überwiegend Bauernländer war eine echte Befremdung, aber gleichzeitig eine Weile der Motor der industriellen Entwicklung und des langen Leidens.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service