Das Verhältnis zwischen den Generationen ist wieder zu einem beliebten Thema im deutschen Roman geworden.

Es war einmal, und es ist noch gar nicht so lange her, da war die Stimmung in den deutschen Romanen eisig. Das hatte etwas mit den Frösten der Freiheit zu tun. Damals nahm der deutsche Romanheld »Abschied von den Eltern« , wie eine berühmte Erzählung von Peter Weiss aus dem Jahr 1961 heißt.

Die Pioniere dieser literarischen Mode waren die Kinder des Existenzialismus. Es waren elternlose Junggesellen wie der Fremde von Albert Camus und der Einzelgänger von Eugène Ionescu. Bald darauf inszenierte sich die Gruppe 47 als herkunftslose Jugend, die auf den Ruinen der Väter bei null wieder anzufangen glaubte, mit nichts als einer Mütze, einem Mantel und einer Pfeife im Mundwinkel. Peter Weiss’ Erzählung endete mit den Worten: »Ich war auf dem Weg, auf der Suche nach dem eigenen Leben.«

Der Selbstentwurf der ersten Nachkriegsgeneration als eine abstammungslose Ansammlung von Monaden ist einer der erfolgreichsten Gründungsmythen der Bundesrepublik. Der nomadisierende Einzelgänger war der literarische Lieblingsheld der aufstrebenden bundesdeutschen Angestelltengesellschaft. Wenn es stimmt, dass jede Zeit ihre eigenen Märchen braucht, dann lieferte die Monaden-Literatur den passenden Begleittext zur expandierenden Privatwirtschaft. Ihre Lieblingsschriftsteller waren der junge Peter Handke und der junge Botho Strauß, deren genialische Helden so vereinsamt waren, dass ihnen schon das nächtliche Knacken der Kühlerhauben von geparkten Autos tröstlich erschien. Der frostige Zauber, den diese Elfenbeinbewohner in ihren Romanen verbreiteten, umflorte die reale Einsamkeit einer künftigen Singlegesellschaft, die zielstrebig dabei war, auf eine großstädtische Scheidungsrate von 50 Prozent zuzusteuern.

Nachdem in jenen nun schon fernen Zeiten solcherart der Schlussstrich unter die Vergangenheit gezogen war, schien auch der Familienroman ein natürliches Ende gefunden zu haben. Seither gab es ihn, der ursprünglich dazu bestimmt war, der Selbstverständigung der bürgerlichen Gesellschaft zu Diensten zu sein, allenfalls noch in der Schrumpfform der Anti-Väter-Romane (seltener der Anti-Mütter-Romane). In ihnen brachte der moralisch überlegene einsame Nachkriegsheld die Väter, die im Leben den Weg von der Wehrmacht zum Wirtschaftswunder anstandslos bewältigt hatten, im literarischen Wohnzimmergerichtshof nachträglich zu Fall.

All das ist vorbei. Die Väter und Mütter, mit denen so lange eifrig abgerechnet wurde, sind tot und womöglich in der Hölle, in die sie ihr Nachwuchs schon zu Lebzeiten gewünscht hat. Aus den Söhnen und Töchtern, deren Zorn die junge bundesdeutsche Literatur in Atem hielt, sind friedliche, wohlversorgte Rentner geworden. Ihre ehemals wilden Abrechnungsromane versetzen nur noch die Literaturgeschichtsschreiber in Wallung (obwohl Fritz Mars’ Wutausbruch Zorn und Guntram Vespers Roman Die Reise wirklich gute Bücher sind).

Jetzt sind die Enkel am Zug. Und machen einen Salto rückwärts. Drei der aufsehenerregendsten Romane dieses Literaturherbstes sind Generationenromane alter Schule. Sie sind geschrieben von drei männlichen Romandebütanten jenseits der 50. Der Schauspieler und Landwirt Josef Bierbichler (Jahrgang 1948), der Filmregisseur Oskar Roehler (Jahrgang 1959) und der Drehbuchautor Eugen Ruge (Jahrgang 1954) haben autobiografische Familienromane geschrieben, in denen sie ihre Vorfahren nicht zur Rechenschaft ziehen, sondern sich einreihen in die patrilineare Dreieinigkeit aus Großvater, Vater und Sohn. Die stolze Vaterlosigkeit, aus der die Autoren der alten Bundesrepublik ihr Kapital machten, ist einer Sehnsucht nach genealogischer Kontinuität gewichen. Das einsame Ich, vor wenigen Jahrzehnten noch der melancholische Alleinernährer des deutschen Gegenwartsromans, ist seiner überlegenen Einsamkeit müde geworden und sucht nach seinem verlorenen Schatten: seiner Herkunft.

Man kann es ihm nachfühlen. In einer Gegenwart, die alles pulverisiert, was ihr zu nahe kommt, ist die Familienchronik oder der Heimatfilm wie der legendäre von Edgar Reitz ein widerständiger Anachronismus. Der vom Selbstverwirklichungswahn seiner 68er-Eltern traumatisierte Ich-Erzähler in Oskar Roehlers Roman Herkunft sucht Schutz bei der Genealogie wie der kleine Oskar Matzerath unter den Röcken der kaschubischen Matronen. »Ich trug etwas in mir, außerhalb meiner Lebenserfahrung«, heißt seine Erfolgsmeldung am Ende der langen und entbehrungsreichen literarischen Rückkehr in den Schoß des Herkommens, die dieser Roman unternimmt. »Es lag in den Genen, ich spürte es ganz genau. Es gab da etwas, außerhalb von mir, das Schutz und weit entfernte Sicherheit bot.«