Politik und Lyrik Nr. 31 prokrustes
Jede Woche veröffentlicht die ZEIT Gedichte über Politik. Diese Woche widmet sich Jan Wagner der griechischen Antike, womöglich auch der Gegenwart.
Seit dem 10. März versuchen wir im Politikteil der ZEIT, Politik von einer anderen Seite und auf andere Art wahrzunehmen. Elf Lyrikerinnen und Lyriker verfassen eigens für die ZEIT Gedichte, sie zeigen uns ihre Sicht auf die Politik. Mal schreiben sie unabhängig von den Ereignissen, mal gehen sie direkt auf politische Erlebnisse ein. Womit wir anfangs nicht gerechnet hatten, das ist die Fülle und Dichte der Ereignisse, wie wir sie seit Anfang dieses Jahres erleben. Die Gedichte wurden dabei häufig aktuell, einige am Tag nach politischen Entscheidungen oder nach Katastrophen verfasst. Diese Woche widmet sich Jan Wagner der griechischen Antike, womöglich auch der Gegenwart. Bislang sind 36 Gedichte erschienen
Jan Wagner: prokrustes
meine branche hat einen schlechten ruf,
es stimmt, doch komme man mir nicht mit ethik,
mit wegelagerer, mit raff-
zahn oder mörder. hier, in attika,
zwischen den adlern und den dachsen,
bestimme ich mit augenmaß,
wer sich zu strecken hat, wer wachsen
und wer mit schnitten rechnen muß.
ein bett nur gibt es: standard
für all die armen, die zu kurz
gekommen sind. oder zu lang. kein gast von hundert
hat je gepaßt. ich teilte ihren schmerz.
hier oben, zwischen moosen und mythen,
den schluchten und den höhlen: ich erwarte
mit der geduld von stalagmiten
die reisenden, die kleine staubstandarte
über der straße, den oliven.
gerüchte aus der gegend von eleus-
is dringen zu mir – und die grillen schleifen
den mittag schärfer. namen fallen, theseus.
einer steigt durch die wälder, großspurig,
gezückten schwerts, ein held. doch mein gewissen
ist rein. einer kommt über den berg.
einer wird bluten müssen
- Jan Wagner
Jan Wagner, geboren 1971 in Hamburg, lebt in Berlin. Er schreibt Gedichte und Essays, übersetzt englischsprachige Lyrik und war Mitherausgeber der Internationalen Literaturschachtel. Im Berlin Verlag erschienen die Bände »Probebohrung im Himmel« (2001), Guerickes Sperling (2004), Achtzehn Pasteten (2007) und zuletzt Australien (2010).
- Datum 11.10.2011 - 13:32 Uhr
- Serie Politik & Lyrik
- Quelle DIE ZEIT, 6.10.2011 Nr. 41
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