Als Fazil Say noch studierte, sollte er eine Freundin am Klavier in ihrer Prüfung begleiten. Doch die wollte nicht, weil sie befürchtete, komplett in dessen Schatten zu verschwinden.

Schon als Student war der türkische Pianist eine Bühnenerscheinung, der alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Say ist ein Extremmusiker, bei dem man den Eindruck hat, 88 Tasten reichten ihm nicht, um all das auszudrücken, was er in der Musik entdeckt. Er grimassiert und singt, summt und röchelt, während er spielt. Am Ende, wenn er sich artig verbeugt, klebt sein Haar strähnig am Kopf, und den Hörer lässt er mit dem Gefühl zurück, gerade einem aufgewühlten Ozean entstiegen zu sein.

Fazil Say ist der geborene Live-Musiker, denn im Konzert kann er besser Repertoiregrenzen spontan überschreiten, auf dem Steinway türkische Folklore verjazzen zum Beispiel. Im Aufnahmestudio relativiert sich diese musikalische Urgewalt naturgemäß. Trotzdem schafft es Say, das Temperament auch seinen CD-Produktionen einzubrennen. Bei Mozart etwa, zu dem Say eine ganz eigene Beziehung hat. Den lässt er swingen, als säße der Komponist direkt neben ihm. Man kann Say für seine Exzentrik lieben oder hassen, gleichmütig lässt sie niemanden.

Says neue CD heißt Pictures. Neben Sonaten von Sergeij Prokofjew und Leos Janácek hat er die Bilder einer Ausstellung von Modest Mussorgsky aufgenommen. Sie gehören zum Lieblingsrepertoire der Klaviervirtuosen, bieten sie doch technisch wie musikalisch dankbar viel kreativen Gestaltungsraum, Say beschäftigt sich seit 20 Jahren mit Mussorgsky, und noch immer rechtfertigt er sich im Beiheft dafür, die Gefühlswelt eines Russen nachzuvollziehen, obwohl er Türke ist.

Say baut nicht einfach technisch brillant und sorglos Burgen, spaziert durch blühende Gärten oder lässt Hühnerfüße tanzen, das wäre von ihm auch nicht zu erwarten gewesen. Nachdem er einen fast asketischen Bogen über der Promenade gespannt hat, behaut er die Musik mit seiner Virtuosität wie einen rohen Stein. Schroff wie zart, drohend und lockend, übermütige Kanten meißelnd, dem Lyrischen nachspürend, sich den kontrastierenden Atmosphären hingebend. Ein Spaziergang durch eine Ausstellung ist das nicht. Say nimmt die Stücke von der Wand und in Besitz. Unbedingter und entschlossener ist unter den lebenden Pianisten womöglich nur Jevgenij Kissin mit Mussorgskys Bildern einer Ausstellung umgegangen.

Fazil Say: Pictures (Naïve/Indigo)