Sie müssen dieses bedrohlich virtuose Zeug nicht spielen. Niemand zwingt sie dazu, die Kandidaten wollen es selbst. Ihre innere Stimme, mehr noch rituelle Zwänge befehlen ihnen offenbar zu zeigen, dass keiner sie in die Knie zwingt, auch nicht dieser mephistophelische Typ aus dem 19. Jahrhundert. Schon damals hat er für kollektive Ohnmacht gesorgt, jetzt sorgt er regelmäßig für den Nervenkitzel in einer Arena, wenn sein Name auf dem Programmzettel steht. In Klavierwettbewerben gilt Franz Liszt als eine der finalen Hürden. Wer seine Musik bewältigt, darf den puren Horror der Pianistik vorführen und muss auf Inhaltstiefe nicht verzichten. Trotzdem scheint diese Musik hier vor allem Zirkus, Hochseilartistik ohne Netz, Vabanque zu sein. Junge Olympioniken wollen zeigen, was sie können, und dazu scheint Liszt, der Erfinder der pianistischen Extremsportarten, nachgerade ideal. Der Internationale Musikwettbewerb Köln wuchtete in den vergangenen Tagen ein ganzes Liszt-Gebirge in die Musikhochschule: mehrfach die h-moll-Sonate, die Dante-Sonate, einige Etüden, Balladen, kleinere Werke. Schier unverwüstlich: der Mephisto-Walzer. Man hörte Liszt aus Südkorea, China, Russland, Belgien, Japan, Chile, Polen, Deutschland; er wurde interkontinental zum Kreiseln und Taumeln gebracht. Und immer dachte man als Hörer: Ja, Liszt, der alte Erfolgs- und Effektfischer!

Um den Komponisten Franz Liszt (1811 bis 1886) hat sich, seit er das 19. Jahrhundert in Aufruhr brachte, im Lauf der Zeit eine Dornenhecke gerankt, die immer dichter, immer abweisender wurde. Von der Hecke scheint bis heute eine seltsame Warnung auszugehen: Hier gibt es doch wohl nichts zu finden, hier droht nur Verletzung. In der Tat: Ist Liszts Musik nicht oft dürftig, hohles Gebimmel, eine Art Selbstbefriedigung eines großen Pianisten, der den bestaunten Geiger Niccolò Paganini an schauerlicher Virtuosität übertreffen wollte? Ist andererseits diese Musik nicht eine Heimsuchung der Anatomie, ein Hohngelächter auf die begrenzte Bewegungsfähigkeit von Fingern, Gelenken, Muskeln? Wer Liszt übt, steht vor absurden Aufgaben, die oft in Schrei- und Muskelkrämpfe, Sehnenscheidenentzündungen und Ärgeres münden.

Gelegentlich gelingt es großen Pianisten aber, die Dornenhecke zu durchschreiten und zum wahrhaft bedeutenden, tiefsinnigen Geheimnis Franz Liszts vorzudringen und all jene Klischees Lügen zu strafen. Dies glückte neulich dem russischen Pianisten Jewgenij Kissin in der Düsseldorfer Tonhalle. Er spielte einen ganzen Abend lang ausschließlich Liszt. Ein Vorgang von maximaler Bekenntnistiefe. Zunächst atmete der Saal jene Nervosität, die auch damals in Paris geherrscht haben soll, wenn Liszt auftrat. Der blutjunge Ungar, der es wegen seines epochalen Talents über Wien nach Frankreich gebracht hatte, riss die jungen Damen hin, wurde von ihren Vätern aber zugleich missgünstig behandelt. Liszt war der Sohn kleiner Leute. Dabei hat sich Liszt nie aufgespielt: Schon der junge Mann soll, anders als die Mär sagt, bescheiden gewesen sein – und hochherzig. Armen gab er Klavierunterricht, ohne Geld zu verlangen. Nur wenn er Klavier spielte, verwandelte sich der Junge in einen Hexer.

Das Interesse Kissins, dieses zurückhaltenden, nicht von Pfauenfedern kostümierten Musikers, galt der aufrechten, ritterlichen 1:1-Begegnung mit einer Zentralgestalt der Musik. Er spielte zunächst erlaucht, gepflegt, diskret, doch nicht onkelhaft. In der Etüde Ricordanza suchte Kissin nach der Atmosphäre der Musik, nicht nach dem Kitzel ihrer materiellen Gestalt. In der Tat liegt das Geheimnis der Musik Liszts nicht in dem, was sie konkret in die Tasten wuchtet, sondern in ihren Ahnungen. Dass Liszt in vielen Momenten das Klavier einstimmig spielen lässt, als singe es ein Rezitativ in einer Oper ohne Worte, machte Kissin wunderbar klar. Er ließ sich Zeit; er stauchte solche Momente nicht zusammen, als seien sie lästige Mautstationen auf der Reise durch eine brillante Welt. Kissin zeigte uns, dass Liszts tönende Dämonie die Kehrseite tönender Einsamkeit ist, die in der Stille entsteht und wie soeben erfunden klingt.