Jazzer R. MahanthappaEin Inder in Amerika

Weder schwarz noch weiß: Asiatische Musiker wie der Saxofonist Rudresh Mahanthappa eröffnen dem Jazz neue kreative Potenziale. von Stefan Hentz

Rudresh Mahanthappa ist Sohn indischer Eltern und wuchs in den USA auf.

Rudresh Mahanthappa ist Sohn indischer Eltern und wuchs in den USA auf.  |  © Mark Duggan

Als Rudresh Mahanthappa anfing zu studieren, machte er eine neue Erfahrung. Zum ersten Mal kam er in eine Stadt mit einem nennenswerten afroamerikanischen Bevölkerungsanteil und erlebte den kleinen Unterschied der Hautfarbe und seine großen Folgen. Er sah, dass er selbst nicht dazugehörte, denn seine Haut war braun – weder schwarz noch weiß. Damit tauchten die Fragen nach seiner ethnischen Identität auf, nach Zugehörigkeit und Fremdheit, nach Mischungsverhältnissen im kulturellen Erbe, die immer auch Antriebsfedern in der Entwicklung des Jazz sind. Für Mahanthappa gab es keine Vorbilder, die Antworten vorformuliert hatten. Indoamerikaner, Immigranten aus Indien und Südasien, waren ein neues Phänemen, erst eine Änderung der Immigrationsbestimmungen in den sechziger Jahren hatte ihnen die Türen geöffnet und eine Einwanderungswelle ausgelöst. Mittlerweile sind die Kinder der südasiatischen Immigranten erwachsen und auch in der Jazzszene zu einer sichtbaren Größe geworden. Mit zunehmender Intensität speisen sie ihr kulturelles Erbe in den Materialfundus des Jazz ein.

Rudresh Mahanthappa wurde 1971 in Triest geboren. Er ist Sohn indischer Eltern, die schon in den fünfziger Jahren dem Ruf der Wissenschaft in die Vereinigten Staaten gefolgt waren. Aufgewachsen ist er in der Universitätsstadt Boulder, Colorado, am Fuße der Rockies, dort, wo Amerika sehr weiß ist, wo man als Kind indischstämmiger Wissenschaftlern zwar Erfahrungen mit rassistischer Nachrede sammelt, aber nicht wie in den großen Städten mit den Parallelgesellschaften, die sich entlang der Hautfarben sortieren. »Ich habe versucht, weiß zu sein«, sagt der Saxofonist, »und habe mich meistens selbst für einen Weißen gehalten.« Indien war für ihn auf die religiösen Rituale der Eltern, praktizierender Hindus, geschrumpft und das indische Essen, das den familiären Speiseplan prägte. Kultur war die westliche, Theater, Sinfonieorchester, manchmal auch Jazz. Als in der Schule eine Big Band gegründet wurde, wählte Rudresh das Saxofon, sein Lehrer brachte ihm Musik zum Hören mit, eine weite Palette, wildes Zeug – Sidney Bechet und Ornette Coleman, Frank Zappa. Ein Doppelalbum von Charlie Parker besorgte den Rest: Mahanthappa hörte die Solos ab, übte, und irgendwann war er ein richtig guter Jazzsaxofonist, feurig und virtuos, ungestüm und bei aller Leidenschaft diszipliniert und formbewusst.

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Es folgte das Jazzstudium. Mahanthappa sammelte Auszeichnungen und Stipendien und dockte sich an die Szene um den Saxofonisten Steve Coleman und das Musikerkollektiv M-Base in New York an, die mit komplexen, sich immerzu wandelnden Taktmustern arbeiteten und darin eine gewisse Verwandtschaft zur klassischen indischen Musik aufwiesen. In diesem Umfeld traf er auch auf den Pianisten Vijay Iyer, der so etwas wie sein musikalisches Spiegelbild ist. Die beiden sind im selben Jahr geboren und teilen als Kinder indischer Einwohner die hybride Identität. Beide zögerten lange, bevor sie begannen, sich mit indischer Musik zu beschäftigen, beide erlagen dann jedoch der Faszinationskraft dieser Musik, Iyer als Pianist eher von der rhythmischen Seite her, während sich Mahanthappa zunächst mehr für die Melodik und die Techniken der ornamentalen Ausschmückung der Melodien interessierte. Mittlerweile haben sie in ihrem Zusammenspiel eine Plattform gefunden, auf der sie sich unbefangen dem mächtigen Erbe nähern. Vorsicht ist geboten, denn frühere Versuche einer Verknüpfung von Jazz und indischer Musik durch John Handy beispielsweise oder das Mahavishnu Orchestra finden vor ihrem Urteil keine Gnade: Die seien oberflächlich exotisch und letztlich unbefriedigend. »Mein Zugang zu dieser Verknüpfung ist ein ganz anderer«, erklärt Mahanthappa. »Es geht nicht darum, dass ich mich für indische Musik interessiere, es geht darum, dass ich indisch bin, indisch und amerikanisch, und gleichzeitig keins von beidem.«

Gerade Mahanthappa hat in den letzten Jahren Maßstäbe gesetzt in der Verbindung von Jazz und klassischer indischer Musik. In Madras suchte er den Saxofonisten Kadri Gopalnath auf, der die komplexen Intonations- und Ornamentierungstechniken der südindischen Musik auf sein Instrument übertragen hat und mittlerweile als Meistermusiker gilt. Mit einem Jazzquartett und Gopalnaths Dakshina Ensemble nahm er danach ein Album auf, das die Ragaskalen und die zirkulären Rhythmisierungen der karnatischen Talas in einen im Jazz beheimateten Improvisationsprozess glanzvoll einbindet.

Leserkommentare
    • bumo
    • 23. Oktober 2011 12:52 Uhr
  1. Dans un
    jardin blanc
    comme le sable
    de la jeunesse
    je vois solitaire
    la main de la
    vie et le souffle
    du soleil.

    Francesco Sinibaldi

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  • Schlagworte USA | Musik | Charlie Parker | Frank Zappa | Hautfarbe | Hybrid
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