DIE ZEIT: Mr. Gabriel, stimmt es, dass Ihre Uhr um 13 Minuten vorgeht?

Peter Gabriel: Hier, sehen Sie selbst (krempelt eine monströse Armbanduhr aus dem Ärmel): exakt 13 Minuten. Es ist eines dieser kleinen Spiele, die verhindern sollen, dass ich zu spät komme. Mit fünf oder zehn Minuten gelingt das nicht. Bei 13 Minuten hingegen ergreift den Körper eine innere Unruhe. Und bestenfalls bricht man dann rechtzeitig auf.

ZEIT: Dann leben Sie sozusagen permanent in der Zukunft?

Gabriel:(lacht) So könnte man es sehen. Natürlich gibt es Leute, die sich weitaus mehr Gedanken um die Zukunft machen als ich, aber das Bild gefällt mir. Außerdem habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, dass wir als Spezies alles in allem eine Zukunft haben. Technik ist nicht per se gut oder schlecht. Es kommt darauf an, wie wir mit der technologischen Entwicklung umgehen.

ZEIT: Was macht Sie so zuversichtlich?

Gabriel: Ich denke, es hat mit meinem Vater zu tun. Heute ist er 99 und längst im Ruhestand, doch in seiner Zeit als Elektroingenieur hat er eine bahnbrechende Erfindung gemacht, das Fernsehen nach Wahl. Über die Wählscheibe des Telefons sollte man sich seine eigene Unterhaltung zusammenstellen können. Im Grunde war das die Vorwegnahme von Pay-TV und Internetshopping, es war ein Stück elektronische Demokratie. Sein Leben lang hat er versucht, diese zukunftsträchtige Idee zu vermarkten, doch leider ist kein Unternehmer an ihm verloren gegangen, zumindest kein guter.

ZEIT: Auf Sie trifft das nicht zu. Musiker ist nur einer Ihrer Jobs, eigentlich sind Sie so etwas wie eine Firma: Peter Gabriel, Experimente, Ideen und Ressourcen Unlimited.

Gabriel: Zunächst einmal bin ich Vater und Ehemann, dann Musiker, in dieser Reihenfolge. Erst an dritter Stelle kommt meine Tätigkeit als technikinteressierter Gelegenheitsunternehmer und schließlich mein soziales Engagement in diversen Benefizprojekten wie The Elders, wo emeritierte Staatsmänner Lösungsstrategien für die Probleme unseres Planeten zu entwickeln versuchen. Aber Firma – warum eigentlich nicht? Manchmal habe ich das Gefühl, ein Tier zu sein, das Witterung aufnimmt. Ich kann riechen, was gerade in der Luft liegt.

ZEIT: Ihr jüngstes Album heißt New Blood, doch das zugrunde liegende Material ist alt: Sie haben einige Ihrer Songs mit großem Orchester neu eingespielt. Heißt das, dass Ihnen inzwischen doch die Vergangenheit auf den Fersen ist?

Gabriel: Nun, die Vergangenheit ist immer da, auch in der Zukunft. New Blood ist so etwas wie eine musikalische Transfusion. Zusammen mit meinem Arrangeur John Metcalfe, der für die Orchesterparts verantwortlich war, ging es darum, neues Blut in einen alten Körper zu pumpen, damit er sich auf eine neue Weise bewegen kann. Wir haben existierende Songs genommen und sie bearbeitet, überprüft, etwas Verborgenes an ihnen zum Vorschein gebracht.

ZEIT: Wie verhält sich New Blood zu seinem Vorgänger Scratch My Back aus dem Vorjahr , wo Sie Stücke von Lou Reed, Radiohead, Bon Iver und anderen einer Bearbeitung unterzogen haben, auch damals schon mit 50-köpfigem Orchester?

Gabriel: Ursprünglich sollte, sozusagen als direkte Antwort, I’ll Scratch Yours folgen, ein Album, auf dem die angefragten Künstler sich umgekehrt an meinen Songs zu schaffen machen, aber wir bekamen einfach nicht genug zusammen. Manche hatten keine Zeit, andere mussten im letzten Moment passen wie Neil Young. John Metcalfe und ich hatten aber so viel Geschmack an den entstandenen Versionen gefunden, dass wir beschlossen, das Verfahren auf meine eigenen Sachen anzuwenden.

ZEIT: Im Grunde sind Sie damit Teil einer Bewegung im Pop, die gerade dabei ist, sich von der Vorstellung einer für alle Zeiten gültigen Originalversion zu lösen: Alles ist immerzu im Fluss, ist Umschrift, Variante, Remix oder Dialog.