Ich bin katholisch erzogen. Meine heutige Haltung zum Glauben würde ich als »stimmungs- und situationsabhängig« bezeichnen. Dass der Papst nicht fortschrittlich ist und seit 2.000 Jahren das Gleiche sagt, gefällt mir irgendwie. Eine Welt, in der alle für den Fortschritt sind, sogar der Papst, wäre sehr langweilig, und ich bin, ehrlich gesagt, kein großer Freund der Langeweile.

Jede bedrohte Käferart wird geschützt, man sagt: »Eine Welt ohne den Gelbrandkäfer wäre eine ärmere Welt.« Das Gleiche gilt doch wohl auch für Katholiken. Allen Papstgegnern schreibe ich ins Stammbuch: »Auch Katholiken haben ihren Platz im Gebäude der Schöpfung.« Falls es Gott gibt, dann ist die Existenz des Katholizismus Gottes Wille und muss hingenommen werden. Falls es aber keinen Gott gibt, dann haben die Katholiken großes Pech gehabt und verdienen Mitgefühl.

Und wenn jemand wegen des Zölibats auf Sex verzichtet, dann ist dies eine freiwillige Entscheidung. Viel menschenfeindlicher wäre doch eine Kirche, die ihre Priester dazu verpflichtet, täglich mehrmals Sex zu haben, vor allem, wenn es, wie in der katholischen Kirche, im Hirtenamt keine verpflichtende Altersgrenze gibt.

Ich respektiere also den Glauben und finde, theoretisch, das reaktionäre Denken faszinierend. Gleichzeitig packt mich das Grausen, wenn ich gewisse praktische Auswirkungen dieses Denkens sehe, zum Beispiel das Kondomverbot und die Aids-Politik. Das Gleiche erlebe ich doch aber mit tausend anderen Sachen, zum Beispiel der FDP. Wenn ich deren Forderungen lese, denke ich oft, hey, es klingt richtig vernünftig, erlebe ich aber die FDP-Politik in Aktion, packt mich das Grausen.

Ich habe gelesen, dass der Papst ein bedeutender Intellektueller sei, quasi die Antwort des Heiligen Geistes auf Hans Magnus Enzensberger. Deswegen habe ich die Berichte und die Reden auf geistige Originalität geprüft. Drei Beispiele. Im Schloss Bellevue sagte der Papst: »Unser Zusammenleben bedarf einer verbindlichen Basis, sonst lebt jeder nur noch seinen Individualismus.« Ich habe mich gefragt, welche Person oder politische Strömung die Ansicht vertritt, dass unser Zusammenleben keiner verbindlichen Basis bedarf, mir sind keine eingefallen. Sogar die Anarchosyndikalisten sind ja zumindest für den Anarchosyndikalismus als Basis. Ich bin, verglichen mit Gott, nur ein kleines Licht, aber mir kommt das, je länger ich darüber nachdenke, desto mehr wie eine Binsenweisheit vor.

Im Bundestag sagte der Papst: »Das Auftreten der ökologischen Bewegung in der deutschen Politik ist ein Schrei nach frischer Luft gewesen, den man nicht überhören darf und nicht beiseiteschieben kann.« Dass man einen Schrei nicht beiseiteschieben kann, finde ich auch, es hängt meines Erachtens damit zusammen, dass er aus so akustischen Wellen besteht, die jedes Mal wegflutschen, wenn man sie schieben will.

Die wichtigste Passage der Bundestagsrede lautete: »Die Erde trägt ihre Würde in sich, und wir müssen ihrer Weisung folgen. (...) Wenn in unserem Umgang mit der Wirklichkeit etwas nicht stimmt, dann müssen wir alle ernstlich über das Ganze nachdenken.« Das, was mich von einer Rückkehr zum Glauben am stärksten abhält, ist die Erkenntnis, dass Papstreden so ähnlich klingen wie die Bücher von Paulo Coelho. Aber ernstlich über das Ganze nachzudenken kann natürlich nie schaden.

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