Museum Charlotte ZanderDie Bilder spielen Pingpong mit uns

Der ZEIT-Museumsführer Nr. 118: Das Museum Charlotte Zander in Bönnigheim

Ausgerechnet in einem schwäbischen Barockschlösschen eine Ausstellung mit Naiver Kunst, mit Art brut und Outsider-Art zeigen zu wollen mag auf den ersten Blick ein bisschen spleenig wirken. Doch waren nicht auch adelige Schlösslebauer auf ihre Weise Outsider, nur eben von der anderen Seite? Verkörpern nicht beide, der Prinz im Brokatgewand und der verschrobene Hinterglasmaler aus der Provinz, auf unterschiedliche Art das jeweils »Andere« der Gesellschaft? Schließlich gehören beide nicht der Masse an und bevölkern Inseln im Meer der Normalität. Zugleich dienen sie als soziale Orientierungspunkte – im positiven wie im negativen Sinne. Kurzum, das 1756 erbaute Stadionsche Schloss in Bönnigheim bietet sich durchaus an für die Kunstsammlung der ehemaligen Münchner Galeristin Charlotte Zander. Hinzu kommt, dass der Bau einst als Taubstummenanstalt diente, also eine Outsider-Vergangenheit in mehrfacher Hinsicht vorzuweisen hat.

Seit 1996 gastiert Zanders Sammlung in Bönnigheim. Sie umfasst etwa 4.000 Werke von rund 440 nicht akademischen, autodidaktischen Künstlern aus allen Teilen der Welt, zusammengetragen im Laufe eines halben Jahrhunderts. Neben Werken in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannter Künstler wie Sava Sekulić (1902 bis 1989) finden sich in Zanders Sammlung auch Gemälde des längst modischen Zöllners Henri Rousseau (1844 bis 1910). Seine traumartigen Szenarien wertete nicht zuletzt Picasso als Signale zu Feldzügen gegen den Akademismus. Überhaupt waren es neben Dubuffet vor allem Vertreter der Klassischen Moderne und der Avantgarden, die das »Naive« als das Authentische vereinnahmten. Denjenigen Werken, die außerhalb des Kunstsystems entstanden, attestierten sie große Unmittelbarkeit. Auch Charlotte Zander rühmt die Wahrhaftigkeit: »Immer wieder faszinierten mich die Arbeiten dieser Künstler, die mit so viel Ehrlichkeit die Welt schilderten, in der sie lebten oder die sie sich erträumten.«

Anzeige
Serie Museumsführer
Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild

Im Bönnigheimer Museum scheint die Hängung eines kleines Gemäldes diese mutmaßlich ehrliche, authentische Verbindung symbolisieren zu wollen. Louis Vivins (1861 bis 1936) Partie de boule ist gleich neben einem Fenster zum Hinterhof des Schlosses platziert. In diesem Hof treffen sich bei gutem Wetter Boulespieler, sodass sich eine eigenartige Verdoppelung ergibt: vor dem Fenster die Bönnigheimer Boulespieler, deren Kugeln mit mattem Klacken in den Schotter schlagen, hinter dem Fenster die stark stilisierten Boulespieler Vivins, die sich in ihren steifen Anzügen vor einer Windmühle vergnügen.

Beim weiteren Gang durch das Museum mit seinem knarrenden Fischgrätparkett wird der Besucher jedoch schnell ins Grübeln geraten. Was ist »inside«, was »outside«? Wo beginnt das »Naive«, und wo endet es? Bedeutet Naivität tatsächlich eine unmittelbare, gleichsam kindliche Wiedergabe der Wahrnehmung oder im Gegenteil eine radikale Abstraktion derselben? Ist das eine vielleicht gar nicht so verschieden vom anderen?

Dass die »Naiven« oder die »Outsider« jenseits aller Konventionen und Kanons stünden, lässt sich in Bönnigheim jedenfalls nicht so leicht bestätigen. Rein formal betrachtet, sind die Sujets mehrheitlich konventioneller Natur. Da sind Stadtansichten, etwa von Abram Topor (1903 bis 1992), der die Kathedrale von Rouen – das Kunstpublikum kennt sie vor allem aus der Serie Claude Monets – in einer bunten Zuckerbäcker-Version wiedergibt. Da sind Schlachtengemälde, darunter Josef Wittlichs (1903 bis 1982) poppiges Bild mit Kanone und Fahnen – als ehemaliger Fremdenlegionär war Wittlich prädestiniert für diese Gattung. Da sind Akte, auf grandiose Weise inszeniert vom Wrestler, Eisenbahnarbeiter und Documenta-Teilnehmer Camille Bombois (1883 bis 1972) mit seinen burlesken Wuchtbrummen. Da sind mythologische Szenen von der Antike bis zum Christentum, etwa Shalom of Safeds (1882 bis 1980) Bibelepisoden im Comicstil. Und da sind die rührenden antifaschistischen Bildappelle Louis Auguste Déchelettes (1894 bis 1965), der seine Überzeugungen sogar in ein Stillleben hineinschmuggelte. Wie um an diese Ära zu erinnern, prangt über einer Kellertür des Schlosses ein altes Leuchtschild: »Gasalarm«.

Häufig durchmischen sich Sujets und Stile. Von heiterer Hybridität ist Annemarie Hoffmanns 2008 entstandenes Acrylgemälde Baum-Wildsau, das eine hinterhältig lugende Sau auf einem divisionistischen Waldboden in Grau-Türkis zeigt, überwölbt von einem ornamentalen Baum in Goldtönen. Bei Bombois’ Nue assise wiederum konterkariert das fein getupfte Schamhaar die Stilisierung und Geometrisierung des voluminösen Körpers.

Diese irritierenden Momente gleichzeitiger Anziehung und Abstoßung zwischen Professionalität und Dilettantismus, Einfachheit und Raffinesse, Referenz und Selbstreferenz, Kunst und Kunstsystem machen Zanders Sammlung so spannend und einzigartig – nicht aber die treuherzige Ehrlichkeit vermeintlich edler Wilder oder ewiger Kinder, die die Welt gar nicht anders zeigen können, als sie sie sehen. Liest man ein wenig mehr über die Künstler, stellt man fest, dass viele von Kunstexperten entdeckt und gezielt gefördert wurden. Weil der Begriff des Naiven jedoch weiterhin pathologisch besetzt ist und unser Kunstverständnis sich an professionellen, strategisch operierenden Kunstsystem-Künstlern orientiert, blieben die meisten Geheimtipps – trotz einiger erfolgreicher internationaler Wanderausstellungen wie Masters of Popular Painting in den 1930er Jahren.

Es besteht aber durchaus ein Markt für Naive Kunst, wenngleich er weniger sichtbar ist als der Tummelplatz von Mediendompteuren und Investorennaturen wie Damien Hirst oder Jeff Koons. Charlotte Zander half mit, ihn auszubauen. Auf Schloss Bönnigheim wird klar, dass Naivität und Raffinesse, vergleichbar mit dem Outsider und dem Aristokraten, keine Gegensätze sind. Sie erscheinen als zwei Punkte auf ein und demselben Kontinuum. Zwischen diesen Punkten bewegt sich der Betrachter unablässig hin und her. Manchmal ist es, als spielten die Bilder kichernd Pingpong mit ihm.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service