Dänemark Auf nach Neuland!
Vor Fünens Nordküste entstehen regelmäßig kleine Inseln. Wer sie erforschen will, darf nicht wasserscheu sein
© Christoph Schumann

Neuland am Horizont. Der Forstbeamte Kirk Strandgaard kümmert sich um das Fleckchen Erde.
Der Zeitpunkt scheint perfekt. Als wir den grasbewachsenen Parkplatz von Lindøhoved erreichen, hat die Sonne die Wolkendecke gerade erst durchbrochen. Es ist kurz vor neun. Doch Søren Kirk Strandgaard erwartet uns schon ungeduldig. »Zieht schnell eure Turnschuhe an«, drängt uns der Naturführer zu mehr Tempo. Gleich beginnt die Ebbe.
Als oberster Forstbeamter wacht Strandgaard nicht nur über alle Wälder, Jagdreviere und Naturschutzgebiete der knapp 3.000 Quadratkilometer großen Insel Fünen. Der 56 Jahre alte promovierte Ökologe kümmert sich auch um die zahlreichen kleinen Eilande ringsum. Um die bekannten. Vor allem aber um die neuen. Denn zu den mehr als 400 Inseln des dänischen Königreichs kommen regelmäßig einige hinzu – und viele davon liegen vor der Nordküste von Fünen, wo der weltbekannte Märchendichter Hans Christian Andersen in der Stadt Odense aufwuchs.
Um dieses Neuland zu entdecken, dürfe man nicht wasserscheu sein, hatte Strandgaard uns vorgewarnt. Auch sollten wir alte Turnschuhe anziehen, um Schnittwunden durch Muscheln zu vermeiden, und winddichte Kleidung und Proviant mitbringen. Im Norden wisse man schließlich nie – vor allem, wenn man zwei bis drei Stunden ins offene Meer hinaus wandere.
- Fünen: Anreise
Dänemarks neue Inseln liegen vor Fünens Nordküste, nahe dem Hafenort Bogense. Anfahrt über die A7 in Richtung Flensburg, die nach der Grenze E45 heißt. Hinter Kolding auf die E20 nach Odense abbiegen, an der Ausfahrt 57 abfahren und weiter über die Landstraßen 317 und 329
- Unterkunft
Informationen zu Bed-and-Breakfast-Unterkünften auf Fünen unter www.bb-syddanmark.dk. Doppelzimmer mit Frühstück je nach Jahreszeit ca. 60 bis 70 Euro
- Wattwanderung
Wattwanderungen von Lindøhoved bei Bogense nach Æbelø sind wetterabhängig ganzjährig möglich. Æbelø gehört der Stiftung Aage V. Jensen Naturfond, www.avjf.dk. Die neuen Inseln westlich von Æbelø, darunter Drætlingen, sind von März bis August als Vogelschutzgebiete gesperrt. Touren mit einem Ranger unter www.naturvejleder.net
- Auskunft
Touristische Informationen über Fünen bei Syddansk Turisme, Teglgårdsparken 101, DK-5500 Middelfart, Tel. 0045-66131337, www.visitfyn.com
»Also los!«, sagt Strandgaard jetzt und reicht jedem noch zwei selbst geschnitzte Holzstöcke – zum Balance halten und Erkunden der Wassertiefe. Wir überqueren den schmalen Strand und stapfen in die Fluten. Die See antwortet platschend auf unsere Schritte. Schon bald umspült das Meer Füße und Unterschenkel. Die Schuhe werden immer schwerer, während wir auf sandigem Grund bunten Holzpfählen folgen, die Wattwanderern den Weg nach Æbelø anzeigen – der größten Insel vor Fünens Nordküste. Dann biegen wir nach links ab und halten auf das Mini-Eiland Dræet im Nordwesten zu. Auf die offene See, so scheint es fast. »Keine Angst«, sagt Strandgaard angesichts unserer fragenden Blicke, »es bleibt hier noch lange flach und sicher. Etwas tiefer wird das Wasser aber schon.«
Auch Dræet lassen wir rechts liegen – einen kleinen Flecken Land, auf dem zwei alte Häuser stehen. »Seit den 1950er Jahren lebt niemand mehr dort«, sagt Strandgaard, »und auch auf Æbelø nicht.« Wir waten weiter, jetzt durch See- und Blasentang. Im flachen Wasser in der Nähe dümpeln ein paar Plattfische; und kleine Krebse suchen das Weite. Inzwischen haben sich die Schuhe so vollgesogen, dass wir fast in Zeitlupe laufen.
Kurz überqueren wir die Landzunge Drætlingen, doch gleich sind wir wieder im Wasser. Weitere dreißig, fünfundvierzig Minuten lang geht es dahin, das Meer umspült schließlich Knie und Shorts. Dann ist erneut Land in Sicht: Nach mehr als einer Stunde oder zweieinhalb Kilometern erreichen wir – eine Insel ohne Namen. Ein flaches Stückchen Land aus Sand und ein paar Steinen. »Vor etwa zehn Jahren war an dieser Stelle nichts, nur Wasser«, erklärt Strandgaard. »Ich habe das auf alten Landkarten überprüft. Als wir dann erste Spuren einer Insel entdeckten, war ich völlig überrascht. Und jetzt ist dieser Flecken schon fast 800 Meter lang.« Strandgaard zeigt mit seinem Stock in Richtung Horizont.
Fast die ersten Menschen der Welt sind wir, die an der steinigen Küste der Insel entlangspazieren. Ein Gefühl, als wäre man ein Entdecker. Mitten in Europa. »Hierzulande gibt es eine bisweilen heftige Diskussion, ob wir überhaupt noch echte, unberührte Natur haben«, sagt Strandgaard, als habe er meine Gedanken gelesen. »Aber hier ist der Beweis.« An der Südspitze des Eilands ohne Namen deutet er plötzlich gen Fünen: »Da, da vorn – diese Insel war vor einem Jahr noch nicht zu sehen, als ich letztes Mal hier draußen war!«
Wie die meisten Dänen liebt Strandgaard Inseln – schließlich bilden sie etwa ein Drittel der Staatsfläche: »Sie haben einen festen Platz in unseren Herzen.« Anders als seine Landsleute darf Strandgaard sich aber auch als Inselmacher bezeichnen. Gemeinsam mit seinen Mitarbeitern von der staatlichen Naturbehörde entdeckt er neue Eilande – in seiner zwanzigjährigen Dienstzeit waren es bisher etwa zwanzig. Anschließend sorgt er dafür, dass sie offiziell erfasst werden: »Wir verorten alle Neuinseln, vermessen und kartieren sie.« Damit ein Stück Land im Meer sich »Insel« nennen darf, muss es bei Pegel Normalnull von mindestens 50 Zentimeter tiefem Wasser umgeben sein und eine erkennbare Landvegetation haben, so will es die dänische Gesetzgebung. »Als Pionierpflanzen siedeln sich erst salzfeste Arten wie Strandhafer an. Später wachsen Strandbeifuß, Kamille und andere.« Was dann folgt, ist dänische Juristerei und ein jahrhundertealtes Prozedere. Nach Jütischem Recht, das 1241 unter König Waldemar II. beschlossen wurde, gilt: »Was niemandem gehört, ist des Königs.« Darum werden neue dänische Inseln noch heute alle vier, fünf Jahre bei Gericht aktenkundig gemacht – und wenn ein Jahr lang niemand Einspruch einlegt, sind sie Staatsbesitz. Erhalten sie dann auch Namen? »Nein, die meisten bleiben namenlos«, sagt Strandgaard und lacht. Zu unbedeutend wirke so ein Flecken Land, der gerade erst geboren wurde.
Unterdessen steigt das Wasser. Zeit für den Rückweg. Bei den ersten Schritten weg vom Ufer fühlt sich das Meer erneut kalt an, der Sand tief. Doch schnell gewöhnen sich die Beine wieder an den schweren, leicht schwankenden Seemannsgang. Bleibt mehr als eine Stunde Zeit für die Frage, warum so eine Landscholle überhaupt entsteht. »Unsere alten Eilande sind Moräneninseln, die während der letzten Eiszeit geformt wurden«, erläutert Strandgaard, während wir in fast hüfthohem Wasser waten. »Die neuen sind eine Mischung aus grobem Sand, Muscheln, Kalk und kleinen und größeren Steinen. Solche Ablagerungen hat die Strömung zum Beispiel von der Nordküste Æbeløs angespült und fast parallel zu Fünens Küste verteilt.« Dass sich daraus während eines Menschenlebens Inseln bilden können, ist für Strandgaard eines der größten Wunder der Natur.
Wir nutzen das milde Herbstwetter zu einem letzten Schlenker an Dræet vorbei nach Æbelø – mit 8.000 bis 9.000 Jahren auf dem Buckel eine alte Insel. Dafür ist sie etwa zwei Quadratkilometer groß und belohnt Watt-Spaziergänger mit einer reichen Kulturlandschaft aus dichtem Wald und Steilküsten.
Die letzte Etappe fällt leicht – nur etwas mehr als knöchelhoch ist das Meer zwischen der Südspitze Æbelø Holm und Fünen. Nach einer halben Stunde endet unsere Expedition, und wir haben wieder trockenen Boden unter den Füßen. Höchste Zeit – in wenigen Minuten kommt die Flut.
- Datum 17.10.2011 - 13:27 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 6.10.2011 Nr. 41
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