Dänemark Auf nach Neuland!
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Die meisten Inseln bleiben namenlos

Fast die ersten Menschen der Welt sind wir, die an der steinigen Küste der Insel entlangspazieren. Ein Gefühl, als wäre man ein Entdecker. Mitten in Europa. »Hierzulande gibt es eine bisweilen heftige Diskussion, ob wir überhaupt noch echte, unberührte Natur haben«, sagt Strandgaard, als habe er meine Gedanken gelesen. »Aber hier ist der Beweis.« An der Südspitze des Eilands ohne Namen deutet er plötzlich gen Fünen: »Da, da vorn – diese Insel war vor einem Jahr noch nicht zu sehen, als ich letztes Mal hier draußen war!«

Wie die meisten Dänen liebt Strandgaard Inseln – schließlich bilden sie etwa ein Drittel der Staatsfläche: »Sie haben einen festen Platz in unseren Herzen.« Anders als seine Landsleute darf Strandgaard sich aber auch als Inselmacher bezeichnen. Gemeinsam mit seinen Mitarbeitern von der staatlichen Naturbehörde entdeckt er neue Eilande – in seiner zwanzigjährigen Dienstzeit waren es bisher etwa zwanzig. Anschließend sorgt er dafür, dass sie offiziell erfasst werden: »Wir verorten alle Neuinseln, vermessen und kartieren sie.« Damit ein Stück Land im Meer sich »Insel« nennen darf, muss es bei Pegel Normalnull von mindestens 50 Zentimeter tiefem Wasser umgeben sein und eine erkennbare Landvegetation haben, so will es die dänische Gesetzgebung. »Als Pionierpflanzen siedeln sich erst salzfeste Arten wie Strandhafer an. Später wachsen Strandbeifuß, Kamille und andere.« Was dann folgt, ist dänische Juristerei und ein jahrhundertealtes Prozedere. Nach Jütischem Recht, das 1241 unter König Waldemar II. beschlossen wurde, gilt: »Was niemandem gehört, ist des Königs.« Darum werden neue dänische Inseln noch heute alle vier, fünf Jahre bei Gericht aktenkundig gemacht – und wenn ein Jahr lang niemand Einspruch einlegt, sind sie Staatsbesitz. Erhalten sie dann auch Namen? »Nein, die meisten bleiben namenlos«, sagt Strandgaard und lacht. Zu unbedeutend wirke so ein Flecken Land, der gerade erst geboren wurde.

Unterdessen steigt das Wasser. Zeit für den Rückweg. Bei den ersten Schritten weg vom Ufer fühlt sich das Meer erneut kalt an, der Sand tief. Doch schnell gewöhnen sich die Beine wieder an den schweren, leicht schwankenden Seemannsgang. Bleibt mehr als eine Stunde Zeit für die Frage, warum so eine Landscholle überhaupt entsteht. »Unsere alten Eilande sind Moräneninseln, die während der letzten Eiszeit geformt wurden«, erläutert Strandgaard, während wir in fast hüfthohem Wasser waten. »Die neuen sind eine Mischung aus grobem Sand, Muscheln, Kalk und kleinen und größeren Steinen. Solche Ablagerungen hat die Strömung zum Beispiel von der Nordküste Æbeløs angespült und fast parallel zu Fünens Küste verteilt.« Dass sich daraus während eines Menschenlebens Inseln bilden können, ist für Strandgaard eines der größten Wunder der Natur.

Wir nutzen das milde Herbstwetter zu einem letzten Schlenker an Dræet vorbei nach Æbelø – mit 8.000 bis 9.000 Jahren auf dem Buckel eine alte Insel. Dafür ist sie etwa zwei Quadratkilometer groß und belohnt Watt-Spaziergänger mit einer reichen Kulturlandschaft aus dichtem Wald und Steilküsten.

Die letzte Etappe fällt leicht – nur etwas mehr als knöchelhoch ist das Meer zwischen der Südspitze Æbelø Holm und Fünen. Nach einer halben Stunde endet unsere Expedition, und wir haben wieder trockenen Boden unter den Füßen. Höchste Zeit – in wenigen Minuten kommt die Flut.

 
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