Medizinnobelpreis Kommandeure der Selbstverteidigung
Die Nobelpreisträger für Medizin haben das Immunsystem beobachtet. Wer dessen Tricks kennt, kann sich gegen Krankheiten wappnen
© Sol-Foulon,Prévost,Schwartz/Institut Pasteur

Eine Dendritische Zelle (grün) in Interaktion mit einer Lymphozyte (pink). Auch T-Zellen der Immunabwehr gehören zu den Lymphozyten.
Fast hätte Ralph Steinman den größten Triumph seines Lebens feiern können. Das schwedische Nobelpreiskomitee hatte ihn am Montag als einen der drei Gewinner des diesjährigen Medizinnobelpreises vorgestellt. Doch der Ruf erreichte den Adressaten nicht mehr. Drei Tage zuvor war der kanadische Immunologe verstorben.
Dieser in der Nobelpreisgeschichte einmalige Vorfall elektrisierte die Medien: der ungerechte Krebstod des bescheidenen Wissenschaftlers, der ihn um die Früchte seines Forscherlebens brachte. Und die kurzfristige Verwirrung des Nobelpreiskomitees darüber, ob es Steinman den Preis entgegen den Statuten doch verleihen durfte. Man revidierte die Entscheidung nicht.
Für kurze Zeit war das Ereignis mehr als eine zwar prestigeträchtige, aber für Laien letztendlich langweilige Erörterung komplizierter Grundlagenforschung. Über die öffentliche Erschütterung geriet die eigentliche Forschungsarbeit der drei Nobelpreisträger in den Hintergrund. Das hat sie nicht verdient! Schließlich haben der Amerikaner Bruce Beutler, der Luxemburger Jules Hoffmann und eben Ralph Steinman die Grundlagen für möglicherweise bahnbrechende Krebstherapien geschaffen, für neue Strategien gegen die Blutvergiftung und Autoimmunkrankheiten.
Lange Zeit konnte sich Ralph Steinman mit seiner Idee nicht durchsetzen. Schlimmer noch: Weil Kollegen seine Ergebnisse aus Unwissenheit nicht in ihren Laboren wiederholen konnten, begegneten sie ihm mit purer Feindseligkeit. Doch versuchte der Immunologe beharrlich, die Fachkollegen von der Bedeutung der von ihm 1973 entdeckten wundersamen Dendritischen Immunzellen zu überzeugen. »Wir sind mit ihm damals von Kongress zu Kongress gezogen, wie Jesus mit seinen Jüngern«, erinnert sich der Erlangener Immunologe Gerold Schuler, der als junger Forscher in Steinmans Labor arbeitete. »Die Leute haben ihm nicht einmal geglaubt, dass Dendritische Zellen überhaupt existieren.« Mit ihren weit verzweigten Auswüchsen muten Dendritsche Zellen wie ein Flechtwerk an. Sie strecken ihre Fühler in alle Gewebe aus, die auf irgendeine Weise Kontakt mit der Umwelt haben – in Haut und Schleimhäute ebenso wie in die Speiseröhre und die Lunge.
- Die Nobelpreise
-
Mit der Stiftung der Nobelpreise wollte der schwedische Forscher und Großindustrielle Alfred Nobel (1833-1896) einen Konflikt lösen, der sein Leben bestimmte:
Der Dynamit-Erfinder konnte nicht verwinden, dass seine Entdeckung für den Krieg genutzt wurde.
Als "Wiedergutmachung" vermachte er sein Vermögen einer Stiftung, aus deren Zinsen Preise für jene finanziert werden sollten, die "im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben".
- Verleihung und Dotierung
-
Die Preise werden seit 1901 vergeben.
Die Dotierung stieg von anfangs 150.800 Kronen auf heute 10 Millionen Kronen (rund 1 Million Euro).
Bis zu drei Menschen können sich einen wissenschaftlichen Preis teilen. Der Friedensnobelpreis wird auch an Organisationen verliehen.
Höhepunkt ist stets die feierliche Verleihung der Auszeichnungen am 10. Dezember, dem Todestag von Nobel.
- Preisregen
-
Neben den eigentlichen Nobelpreisen wird seit 1969 eine Ehrung für Wirtschaftswissenschaften im Gedenken an Alfred Nobel verliehen. Sie wurde 1968 von der Schwedischen Reichsbank gestiftet.
Seit 1980 vergibt die "Stiftung zur Auszeichnung richtiger Lebensführung" (Right Livelihood Award Foundation) die Right Livelihood Awards, die oft als Alternative Nobelpreise bezeichnet werden.
Die Preisträger für Physik und Chemie werden immer von der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften, die der Medizin vom Karolinska-Institut in Stockholm und die Literaturpreisträger von der Königlich-Schwedischen Akademie der Künste ausgewählt.
Die Friedenspreisträger bestimmt ein Ausschuss des norwegischen Parlaments in Oslo.
Die Dendritische Zelle ist gleichzeitig erste Verteidigungslinie und Dirigent des Immunsystems. Ralph Steinman wies nach, dass Dendritische Zellen Teile von Angreifern wie Bakterien, Viren, Pilzen oder auch beschädigten Körperzellen aufnehmen und sie dann der zweiten Linie der Immunabwehr präsentieren. Erst die dendritische Lehrstunde schaltet diese sogenannten T-Zellen scharf, lässt sie den Feind erkennen. Ohne die Information würden die T-Zellen planlos durch die Blutbahnen patrouillieren.
In New York bot die Rockefeller University – eine Institution mit hoher Laureatendichte – dem Wissenschaftler einen sicheren und inspirierenden Arbeitsplatz. Steinmans Forschung gedieh. Der Immunologe ging unermüdlich der Frage nach, auf welche Weise die Dendritischen Zellen zwischen bedrohlichen und freundlichen, fremden und körpereigenen Molekülen unterscheiden. »Er hat 15 Jahre gegen enormen Widerstand stur weitergearbeitet«, sagt Schuler. »Wäre er nicht an der Rockefeller University gewesen, hätte er das nicht machen können.« Erst in den neunziger Jahren dämmerte den Spöttern, welchen Schatz Steinman gehoben hatte. Es hagelte Preise.
Ralph Steinmans Arbeit zeigt einmal mehr, wie strikt die Arbeitsteilung im menschlichen Immunsystem ist. Es gibt Generalisten wie die Dendritischen Zellen und Spezialisten wie die Lymphozyten. Ständig fließen Informationen hin und her. Ist dieses Eiweiß feindlich, gehört dieses Fragment zu einem Eindringling? Während sich der Kanadier Steinman auf den Koordinator im Abwehrkampf konzentrierte, drangen der Amerikaner Bruce Beutler und der Luxemburger Jules Hoffmann zu den Sensoren der ersten Verteidigungslinie weiter innen im Körper vor.
- Datum 06.10.2011 - 11:19 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 6.10.2011 Nr. 41
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren