Kann die Vergrößerung von Unwissen preiswürdig sein? Aber sicher! Der Physiknobelpreis dieses Jahres ist das beste Beispiel dafür. Denn wofür werden die drei Laureaten geehrt? Das Wort hat das Nobelkomitee: »Die Entdeckungen der Preisträger haben dazu beigetragen, uns ein Universum zu enthüllen, das der Wissenschaft zu einem großen Teil unbekannt ist.« Ein Tusch auf das Unbekannte! Dank Saul Perlmutter, Brian P. Schmidt und Adam Riess wissen wir nun: Über den größten Teil des Universums wissen wir so gut wie nichts. Seine Erforscher befinden sich damit in der Situation von biederen Küstenfischern, die plötzlich entdecken, dass vor ihnen ein Ozean unendlichen Ausmaßes liegt, dessen ferne Ufer sie nicht einmal erahnen.

Tatsächlich markiert die Arbeit der drei US-amerikanischen Astrophysiker eine Zäsur in der modernen Kosmologie. Ihnen verdanken wir die Erkenntnis, dass sich im All eine »dunkle Energie« verbirgt. Welcher Natur diese Energieform ist, darüber zerbrechen sich seit gut zehn Jahren die Wissenschaftler die Köpfe. Klar ist nur, dass von ihr nicht weniger als das Schicksal des Universums abhängt. Dehnt es sich bis in alle Ewigkeit aus? Zieht es sich eines Tages wieder zusammen? Oder sind gar noch andere Weltentwürfe denkbar? Mit dankenswerter Klarheit stellt das Nobelkomitee fest: »Alles ist möglich.«

Dabei traten Perlmutter, Schmidt und Riess vor etwa zwanzig Jahren mit dem Ziel an, das bis dahin herrschende Bild vom Kosmos zu bestätigen, es nur noch in einigen Details zu verfeinern. Keiner von ihnen dachte daran, einen Umsturz anzuzetteln. Um zu verstehen, warum es anders kam, hilft es, kurz die wissenschaftliche Schöpfungsgeschichte zu rekapitulieren.

Das Universum verhält sich wie ein Autofahrer vor der Ampel

Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts galt der Kosmos als unwandelbares, statisches Gebilde. Was Generationen vor ihnen gedacht hatten, stellten die Physiker lange nicht infrage. Auch Albert Einstein, der das Weltbild revolutionierte, ging selbstverständlich von einem unveränderlichen Kosmos aus. Als die Gleichungen seiner Allgemeinen Relativitätstheorie 1917 wider Erwarten kein statisches, sondern ein expandierendes All beschrieben, »korrigierte« Einstein seine Formeln; er fügte einfach einen zusätzlichen Faktor ein, den er »kosmologische Konstante« nannte. Diese beschrieb zwar keine beobachtbare physikalische Größe, sondern war nur ein Rechentrick. Doch der sorgte mathematisch für Ruhe im All.

Dummerweise wies der Astronom Edwin Hubble 1929 nach, dass es mit dieser Ruhe nicht weit her ist. Im Gegenteil, je weiter entfernt eine Galaxie von der Erde ist, desto schneller bewegt sie sich von uns fort – ein Effekt, der sich in einer Verschiebung des Lichtspektrums hin zu größeren, roten Wellenlängen zeigt (»Rotverschiebung«). Das All gleicht demnach einem riesigen, immer weiter aufgehenden Hefekuchen; und wie die darin befindlichen Rosinen treibt es auch die Galaxien im All immer weiter auseinander. Einstein nannte daraufhin die kosmologische Konstante seine »größte Eselei«. Er konnte damals nicht ahnen, dass sie fast ein Jahrhundert später wieder zu Ehren kommen sollte.