Nobelpreis Der Preis und der Tod

Es ist klug, Ralph Steinman posthum zu ehren. Nicht zum ersten Mal in 110 Jahren passt das Nobelpreiskomitee sich der Realität an

3. Oktober 2011: Die Familie des kurz vor der Auszeichnung verstorbenen Nobelpreisträgers Ralph Steinman auf einer Pressekonferenz in New York

3. Oktober 2011: Die Familie des kurz vor der Auszeichnung verstorbenen Nobelpreisträgers Ralph Steinman auf einer Pressekonferenz in New York

Es ist ein wenig wie in dem Neunziger-Jahre-Radiohit Ironic von Alanis Morissette: »An old man turned 98*, he won the lottery and died the next day« – ein 98-Jähriger gewinnt im Lotto und stirbt am Tag darauf. Ironisch? Tragisch? Dass ein Preisträger zwischen Bekanntgabe im Herbst und Verleihung am 10. Dezember verstirbt, das hat es in elf Jahrzehnten Nobel-Geschichte schon gegeben. Das Schicksal Ralph Steinmans aber sei einzigartig, stellte eine Sprecherin der Nobelstiftung fest. Den Statuten nach erhalten nur Lebende die höchste wissenschaftliche Auszeichnung. Posthume Aberkennung? Die Wächter des Preises haben sich dagegen entschieden – und missachten damit ihre eigenen Regeln.

Das ist klug. Nicht nur, weil es Pietät beweist (ein schlechter Grund), sondern weil es eine ausgezeichnete Forschungsarbeit wichtiger nimmt als starre Statuten (ein guter). Welches Licht hätte eine postmortale Aberkennung auf den Auswahlprozess geworfen? Bis zum 31. Januar müssen 3.000 Gutachter Nominierungen abgeben, über die dann monatelang beraten wird. Und zwar äußerst diskret: Auf ewig, so galt seit der ersten Verleihung im Jahr 1901, sollten die Akten darüber im Archiv der Stiftung verschwinden. Um Kontroversen zu vermeiden, schimpften Kritiker. Damit gehe ein Schatz verloren, jammerten Historiker. Tatsächlich besann sich die Stiftung und lockerte in den achtziger Jahren die Geheimhaltung.

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Dies ist nur ein Beispiel dafür, dass die Praxis des Nobelpreises immer wieder der Realität des echten (Forscher-)Lebens angepasst wurde. Praktisch von Beginn an stellten die Vorgaben des schwedischen Multimillionärs Alfred Nobel die aus seinen Dynamitgewinnen gegründete Stiftung vor kaum lösbare Aufgaben. In seinem Testament hatte er verfügt, dass die »Preise denen zugeteilt werden, die im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben«.

Eine Einschränkung, die schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts unpraktikabel war. Sie dürfte auch zu den peinlichen Fehlentscheidungen in der Geschichte des Preises beigetragen haben: So war 1926 der Däne Johannes Fibiger vorschnell für eine Entdeckung in der Krebsmedizin geehrt worden, im Jahr darauf der Österreicher Julies Wagner-Jauregg, der Syphilispatienten Malariaerreger spritzte. Und 1949 erhielt der Portugiese António Egas Moniz den Preis für eine Psychosentherapie mittels operativer Schnitte durchs Gehirn. Das stellte sich später als nutzlos, gar gefährlich heraus. Bahnbrechende Leistungen erkennt man oft erst nach langer Zeit – entsprechend vorsichtig wurden die Gutachter. Eine Statistik der Physikpreisträger im 20. Jahrhundert zeigt, wie deren Durchschnittsalter kontinuierlich anstieg.

Auch werden etwa seit Mitte des Jahrhunderts die Preise in zunehmendem Maße aufgeteilt. Ein weiteres Zugeständnis an die Forschungswirklichkeit, in der ohne Teamspieler kaum Neues entstehen kann. Noch beschränken – aber in Stein gemeißelt ist auch dies nicht – die Statuten die Zahl der Preisträger auf drei pro Disziplin.

Überhaupt, die Fachrichtungen, die Nobel in seinem Testament vorgab! Chemie, Medizin, Physik mögen die Forschungsprioritäten des 19. Jahrhunderts widerspiegeln, im 21. Jahrhundert sind sie nur ein kleiner Ausschnitt. So haben sich längst andere Auszeichnungen etabliert. Die Fields-Medaille für Mathematik oder der Turing-Preis für Informatik. Und als die Stiftung des norwegischen Philantropen Fred Kavli ankündigte, von 2008 an alle zwei Jahre hoch dotierte Preise für Fortschritte auf den Feldern der Astrophysik, Nanotechnik, Neurowissenschaft und der theoretischen Physik zu vergeben, sprachen die Zeitungen weltweit von den »nächsten Nobelpreisen«.

Das zeigt, welche Zugkraft die 110 Jahre alte Auszeichnung aus Stockholm heute noch hat. Ein zu früh verstorbener Laureat wird daran nichts ändern.

*Korrekturhinweis: Statt der 98 stand an dieser Stelle fälschlicher Weise 89. Das wurde geändert.

 
Leser-Kommentare
    • Tatsi
    • 06.10.2011 um 15:45 Uhr
    1. Ironic

    "...an old man turned ninety-eight ..." ich hoffe, in der Online Ausgabe der ZEIT lässt sich die 89 noch in eine 98 ändern :)

  1. Redaktion

    Der Fehler wurde korrigiert.

    Herzliche Grüße.

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