Ilse Aigner Die Internetministerin

Verbraucherschützerin Ilse Aigner ringt mit Facebook. Eine Reise nach Amerika wird zum Sinnbild ihrer Politik.

Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) versucht, Facebook zu mehr Datenschutz zu bewegen.

Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) versucht, Facebook zu mehr Datenschutz zu bewegen.

In breiten Kaskaden stürzt das Wasser eine schwarze Wand hinunter, sammelt sich und strömt dann weiter, in Tiefen, deren Ende nicht zu fassen ist. Ilse Aigner legt Blumen am neu errichteten Mahnmal in New York nieder, das an die Terroranschläge vom 11. September 2001 erinnert. Etwas verloren blickt sie hinunter. Der Schlund zeichnet das Fundament eines der eingestürzten Türme des World Trade Center nach.

Die Bundesministerin tritt privat auf, denn noch sollen die Angehörigen der fast 3.000 Todesopfer ungestört trauern können. Im Ministerium hatte man sich das anders vorgestellt, hoffte auf einen offiziellen Auftritt am Mahnmal. Doch nun gerät der Besuch zum Symbol für die Zerrissenheit, die Aigner ausmacht. So groß der selbst gewählte Auftrag der Verbraucherschutzministerin ist, so oft und sehr mangelt es ihr an politischen Möglichkeiten. Aigner tritt Mächten entgegen, die sie am liebsten nur als Störung der Routine wahrnehmen wollen.  

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Die Ministerin ist in die USA geflogen, um ihren größten Gegner zu stellen: Facebook, das globale Soziale Netzwerk mit mehr als 750 Millionen Nutzern, das die Daten seiner Kunden dazu nutzt, Profile für passgenaue Werbung zu bilden. Einmal eingegeben, sind die Daten nie wieder vollständig löschbar. Aigner ist die Letzte im Bundeskabinett, die das Internet als ein gestaltbares Feld betrachtet. Ihre Fahrt nach New York und Washington in diesem September ist der dritte Anlauf, den Datenschutz im Netz nach ihren Vorstellungen zu ordnen. Zuvor hatte sie erfolgreich für die Häuserverpixelung auf Google Street View gekämpft und ihren Ausstieg aus Facebook medienwirksam zelebriert.

»Bitte schön, auf Wiedersehen«, schon ist sie wieder draußen

Doch Amerika hat nicht auf Aigner gewartet. Auch der Diensthabende der berühmten Feuerwache am Ground Zero schaut irritiert durch die halb geöffnete Tür. Nein, niemand habe ihm eine Ministerin angekündigt, und seine Einheit müsse jetzt zu einer Übung. Die Peinlichkeit des Augenblicks lässt den Ministertross erstarren, hektisch wird verhandelt. Dann steht Aigner doch vor den Feuerwehrautos, wirft einen Blick auf die Namen der Toten. »Waren Sie hier, als es geschah?« Nein, war er nicht, sagt der Feuerwehrmann, aber etwas Deutsch kann er: »Bitte schön, auf Wiedersehen«, schon ist sie wieder draußen.

Das ist Ilse Aigner: eine Ministerin, die geduldig wartet, sich nicht über den missglückten Auftritt empört. Die es aushält, ein Haus zu leiten, in dem der Streit immer schon angelegt ist, weil die Interessen der Bauern gegen die der Verbraucherschützer stehen. Die von einem Moment auf den anderen mitten im Feuer steht: Dioxin, Ehec, sogar Fukushima – jedes Mal verlangen Verbraucher nach Antworten. Sie binden so über Wochen und Monate Kräfte, die eigentlich Politik gestalten sollten. Und oft genug kann Aigner die Antworten trotz aller Anstrengung gar nicht geben, darf keine Entscheidungen treffen: Mal sind die Länder zuständig wie beim Seuchenschutz, mal liegt die Federführung beim Innenminister wie beim Datenschutz.

Marne Levine gehen diese Worte nur schwer über die Lippen: data privacy protection. Aber immerhin spricht die für Lobbyismus zuständige Vorstandsfrau von Facebook die Worte öffentlich aus. Alle anderen großen Internetunternehmen wie Google oder Microsoft, die die Ministerin in Washington besucht, lassen die mitreisenden Journalisten nicht mal in ihre Gebäude. Eine Ministerin kann man nicht abweisen. Aber ihr die öffentliche Wirkung rauben, das schon. Auch einige staatliche Behörden schweigen lieber, unter anderem die für den Datenschutz zuständige Federal Trade Commission (FTC).

Aigner überragt ihre Gesprächspartnerin von Facebook um einen Kopf. Levines konservativer schwarzer Hosenanzug steht im Kontrast zu ihrem bunt-flippigen Büro. Facebook will anders sein, gerade hier in Washington. Offen ziehen sich die Rohre der Klimaanlage durch die Großraumbüros. Eine grob verputzte Wand dient als Gästebuch, ein irgendwie zwischen die Stockwerke gehängter Raum als Partykeller. Große Bildschirme hängen an der Wand, »damit unsere Leute zur Entspannung Computer spielen können«, sagt Levine, »aber dazu haben sie eigentlich nie Zeit«. Die US-Kongressabgeordneten, die Facebook besuchen, sollen merken, dass sie es mit einer neuen, innovativen Welt zu tun haben. Es ist die Uniform der New Economy. Lässig. Stylish. Erfolgsverwöhnt.

Leser-Kommentare
  1. Zitat aus dem Artikel:
    »[...] Meine Aufgabe als Verbraucherministerin ist es, Missstände zu thematisieren und für die Rechte der Nutzer zu kämpfen«, sagt Aigner.[...]

    Wenn Ihr genau diese Aufgabe beim Kernthema Lebensmitteln nicht gelingt, was soll dieser Aktionismus bei Facebook?

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    eine hervorragende Ablenkung des Versagens der Ministerin ist.Medial aufbereitet glaubt der Verbraucher,die Ministerin kümmert sich.

    eine hervorragende Ablenkung des Versagens der Ministerin ist.Medial aufbereitet glaubt der Verbraucher,die Ministerin kümmert sich.

  2. eine hervorragende Ablenkung des Versagens der Ministerin ist.Medial aufbereitet glaubt der Verbraucher,die Ministerin kümmert sich.

    Antwort auf "Sinnloser Aktionismus"
  3. sehr geehrte Frau Aigner, hält die deutsche Sprache (wie übrigens jede andere Sprache dieser Welt auch) den Imperativ bereit. Und Sie sind "VerbraucherSCHUTZministerin" und nicht "Verhandlungsführerin für eventuelle Verbesserung des Verbraucherschutzes".
    Tun Sie sich also mit Peter Schar zusammen, und DIKTIEREN Sie facebook und Co., unter welchen Umständen sie in Deutschland ihre Dienstleistung anbieten dürfen, und unter welchen NICHT.
    Oder fehlt Ihnen dazu etwas? Mut? Können? Durchsetzungskraft?
    Falls Sie eine, oder mehrere, dieser Fragen mit "ja" beantworten müssen, sollten Sie ernsthaft über eine Veränderung Ihrer Karrierepläne nachdenken.

  4. Frau Aigner ist integer und macht sich schon die richtigen Gedanken. Aber sie denkt die Dinge nicht zuende und ihre Aktionen verpuffen.

    Eine Leser-Empfehlung
  5. Es ist ja eine gute Sache, dass sich jemand für Datenschutz und Privatsphäre einsetzt, der Normalbürger hätte gegen die großen Konzerne alleine keine Chance. Aber vielleicht wäre es besser, wenn sich darum jemand kümmern würde, der auch Ahnung vom Thema hat? Frau Aigner verhält sich im Umgang mit dem Internet ähnlich unbeholfen wie meine Großeltern...

  6. "Datenschützer fürchten jedoch, dass schon ein Klick auf den Button genügt, damit ein Cookie für zwei Jahre auf dem Computer platziert wird, mit dem dann das Surfverhalten des Nutzers analysiert werden kann – selbst wenn der nicht angemeldet ist."

    Soweit, so dreist. Auch ich bin für Datenschutz und Schutz der Privatssphäre. Und genau deshalb lasse ich meinen Browser jedesmal beim Schließen alle Cookies löschen. Diese vollkommen unproblematische Vorgehensweise kann ich nur jedem empfehlen, denn Facebook ist nicht die einzige Seite, die Cookies speichert, deren Ablaufdatum in der fernen Zukunft liegt. Das Setzen irgendwelcher Cookies ist bei weitem nicht das schlimmste Vergehen gegen die Privatssphäre seitens Facebook!

    Und noch so ganz nebenbei: Niemand wird gezwungen einen Scan seiner Geburtsurkunde hochzuladen, also bitte liebe Leute, die ihr vorgebt Datenschützer zu sein: Lasst den Menschen ein wenig Eigenverantwortung und kümmert euch um wirklich drastische Verstöße gegen den Datenschutz.

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    Den wesentlich wirkungsvolleren Flash Cookies (LSO) kommen Sie so nicht bei.

    Da brauchen Sie ein kleines Addon z.B.: Better Privacy für Firefox.
    Wenn Sie dann noch zwei Skiptblocker nutzen, sind Sie schon fast auf der sicheren Seite, aber eben nur fast.

    Beste Grüße

    Den wesentlich wirkungsvolleren Flash Cookies (LSO) kommen Sie so nicht bei.

    Da brauchen Sie ein kleines Addon z.B.: Better Privacy für Firefox.
    Wenn Sie dann noch zwei Skiptblocker nutzen, sind Sie schon fast auf der sicheren Seite, aber eben nur fast.

    Beste Grüße

  7. Immerhin ist Ilse Aigner die einzige Politikerin, die diese Privatsphären-Problematik thematisiert und unbeirrt immer wieder ins Bewußtsein der Öffentlichkeit rückt.

    Mag sein, daß ihre Möglichkeiten, effektivere Maßnahmen zum Schutz der Verbraucher durchzusetzen, im Irrgarten des teutschen und europäischen Kompetenzwirrwarrs derzeit begrenzt sind. Deshalb lieber zu schweigen und Facebook und Konsorten als Schicksal hinzunehmen ist jedenfalls auch keine Lösung.

    Manchmal muß man eben dickere Bretter bohren und das dauert halt auch länger als das unter smarten Politikern übliche Dünnbrettbohren.

  8. Frau Aigner hat mit dem Internet eine Marktlücke gefunden, die von anderen Politikern z.B. Frau Leutheuser-Schnarrenberger nicht wahrgenommen wird. Unser Justizministerium ignoriert seit Bestehen des Internet den Wandel durch Datentransfer. Von den Piraten wird das Internet wahrgenommen, aber in die falsche Richtung.

    Facebook, Google etc. haben sich zu Konzernen entwickelt, die faktisches Recht setzen. Die Staaten greifen nicht ein.

    Die Löschaktion bei Facebook war ein billiger Gag der Ministerin. Ohne Bedeutung. Nachwievor ist unklar, ob Facebook Profile wirksam löscht. Stattdessen werden immer mehr Unbeteiligte gegen ihren Willen in dieses Datennetzwerk einbezogen. Auch Google-Streetview ist ein Skandal. Die Verpixelung war eine Scheinlösung. Für jeden Pups brauchen Unternehmensgründer in D eine Genehmigung. Google & Co. kündigen an und handeln. Hier ist ein rechtsfreier Raum entstanden.

    Ministerinnen in Profilierungsnot sind keine Lösung für die Mißstände. Hätte Erich Mielke ein Instrument wie Facebook zur Verfügung gehabt, so wäre die Kontrolle noch wirksamer gewesen. Gehen wir noch ein paar Jahre zurück ...

    Die Verknüpfung von Gesundheitskarte, Kreditkarte und Steuerdaten macht jeden Bürger kontrollierbar und beherrschbar. Zum totalitären Schritt ist es nur ein kleiner Weg. Facebook und Co. ebnen den Weg oder pflastern ihn mit ihrem privatisierten Geschäftsmodell.

    Untätigkeit und Sammelleidenschaft des Staates machen Angst.

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