Aus seiner Sicht ist Peter Hartz ein Opfer seines Idealismus geworden. Es gibt sehr viele Menschen in diesem Land, die das anders sehen. Manchen ist er ein Sinnbild für den Verfall der Sitten in der Wirtschaft. Manchen ist er Chiffre für alles, was in ihrem Leben schiefläuft. Jahrelang pinselten sie seinen Namen auf Transparente und skandierten ihn, als sie wütend durch die Städte zogen.

Am 16. August 2002 war Peter Hartz ganz oben. Er war nicht nur Vorstandsmitglied der Volkswagen AG, des größten deutschen Unternehmens, sondern er war an diesem Tag vor allem der Mann, der Deutschland versprach, das Problem der Arbeitslosigkeit zu lösen. Sechs Monate vorher hatte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder Peter Hartz gebeten, den Vorsitz der Kommission »Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt« zu übernehmen. Nun lagen die Ergebnisse vor, und Hartz tat alles, um das Bild des Heilsbringers in noch bunteren Farben zu malen. Er sparte nicht an großen Worten.

Bei einer großen Feierstunde, die Gerhard Schröder unter der Kuppel des Französischen Doms in Berlins historischer Mitte einem Staatsakt gleich organisiert hatte, sagte Peter Hartz voller Pathos: »Wir haben nach dem Krieg Deutschland aufgebaut, wir haben die Wiedervereinigung geschafft – und jetzt das Arbeitslosenproblem.« Er sei überzeugt, dass dies bald Geschichte sei, sagte er. Und sprach den Satz, in dem seine ganze Begeisterung gipfelte: »Heute ist ein schöner Tag für die Arbeitslosen in Deutschland.«

Wer Peter Hartz acht Jahre später treffen will, muss nicht nur nach Saarbrücken reisen, er muss auch noch in die Randgebiete dieser Randstadt fahren, an einen Ort, der sehr weit entfernt ist von der Mitte der Republik, in der man Hartz einmal gebannt lauschte. Sein Büro befindet sich in einem Gewerbepark. »B 5« steht unter seiner Adresse. Ein weißes, funktionales Gebäude.

»Warum sind Sie hier?«, werde ich Peter Hartz später fragen. »Hier sind die Mieten günstig«, wird er antworten. »Wir wollen alles in unsere Stiftung stecken«, sagt er und drückt mir drei Broschüren in die Hand. Die Stiftung. Seine neuen Ideen. Darüber wird er an diesem Morgen viel lieber sprechen wollen als über das, was mich interessiert: Wie ist es, Peter Hartz zu sein – der Mann, der den Menschen so viel versprach und der heute damit leben muss, dass sein Name für immer mit einer Politik verknüpft sein wird, die viele als ungerecht empfinden? Der Mann, der im Jahr 2007 wegen Untreue in 44 Fällen zu einer zweijährigen Freiheitsstrafe auf Bewährung und einer Geldstrafe in Höhe von 576.000 Euro verurteilt wurde, weil er gestanden hatte, den VW-Betriebsratsvorsitzenden Klaus Volkert lange Jahre mit Sonderzahlungen verwöhnt, ihm insgesamt fast zwei Millionen Euro »Sonderboni« zugeschanzt zu haben? Der Mann, der zumindest toleriert hatte, dass Volkert und andere Betriebsräte sich Sexreisen auf Volkswagen-Kosten gönnten, und der ertragen musste, dass der Boulevard plötzlich von Nutten schrieb, wenn es um Hartz ging?

Tiefer, so denkt man, nachdem man all das noch einmal nachgelesen hat, kann man kaum fallen. Jetzt sitzt er vor mir und sagt: »Ich musste einen so hohen Preis zahlen. Es hat mich so viel gekostet, etwas ändern zu wollen. Das alles hat zu viele Narben hinterlassen.« Ist der Mann, dessen Name schon Teil der deutschen Geschichte ist, ein Opfer seiner Standfestigkeit, seiner Überzeugungen, seines Idealismus geworden?

Das kann ich kaum glauben. Als ich für mein Buch mit Gerhard Schröder gesprochen hatte, fragte ich ihn, ob er Peter Hartz für einen Idealisten halte. »In großen Teilen, ja«, antwortete Schröder. »Sie kennen diese VW-Geschichte«, fügte er an. Ich nickte und dachte, dass das eine niedliche Umschreibung der Korruptionsaffäre sei. Damals ahnte ich nicht, dass Peter Hartz noch verschämter von den »Wolfsburger Geschehnissen« sprechen würde. »Diese VW-Geschichte überschattet natürlich sein Lebenswerk«, sagte Schröder. »Aber für mich ist Peter Hartz ein Freund und ein Mann, der Beachtliches geleistet hat.« Ich fand es anständig, dass Schröder das sagte, aber mich überraschte diese Einschätzung. Peter Hartz nicht. »Der Gerd Schröder«, sagt er und lacht, als ich ihm davon erzähle. »Es freut mich«, sagt er. »Aber da er mich kennt und das, was ich in Niedersachsen und für ihn in seiner Kanzlerzeit gemacht habe, käme er um diese Bestätigung gar nicht herum. Selbst wenn er mich nicht mögen würde.«