ZEITmagazin: Herr Vargas Llosa, bis Sie zehn Jahre alt waren, wuchsen Sie ohne Ihren Vater auf. Wie verlief Ihre Kindheit?

Mario Vargas Llosa: In meinem Fall trifft die Metapher vom goldenen Zeitalter der Kindheit wirklich zu. Ich lebte mit meiner Mutter und deren Familie zusammen. Ich war ein Junge ohne Vater, ich hatte jedoch viele Väter, meinen Großvater, meine Onkel. Ich war glücklich, bis mein Vater aus dem Nichts auftauchte.

ZEITmagazin: Warum lebte Ihr Vater nicht bei Ihnen?

Vargas Llosa: Man hatte mir erzählt, er sei tot. Meine Familie war sehr katholisch und schämte sich für die Scheidung meiner Eltern – ich glaubte also, mein Vater sei im Himmel, und bewahrte ein Bild von ihm in seiner blauen Marineuniform auf.

ZEITmagazin: Warum haben sich Ihre Eltern getrennt?

Vargas Llosa: Es war eine schreckliche Geschichte. Als meine Mutter meinen Vater kennenlernte, war er Fluglotse und ein sehr gut aussehender Mann. Sie sah ihn, und es war ein coup de foudre. Ihre Familie sagte: Warte, Dorita, warte noch, aber das konnte sie nicht, meine Mutter war wie ich, sehr dickköpfig. Also heirateten sie und gingen nach Lima, und offensichtlich war ihr Leben ein Albtraum, weil sie so unterschiedlich waren. Meine Mutter wurde sofort schwanger, und ein paar Monate später tat er etwas sehr Hässliches. Er sagte zu ihr: Du gehst zu deiner Familie, und ich gehe nach Bolivien. Er verschwand, er antwortete nicht auf Briefe, er rief nie an, und schließlich verlangte er die Scheidung.

ZEITmagazin: Wie haben Sie erfahren, dass er noch lebt?

Vargas Llosa: Eines Tages nahm mich meine Mutter mit auf einen Spaziergang und sagte: »Mario, du weißt, dass dein Vater lebt, oder?« Nein, ich wusste es nicht. Meine Mutter erwiderte: »Wir werden ihn jetzt treffen, aber du darfst deinen Großeltern kein Wort davon sagen.« Ich glaube, ich habe mich bis heute nicht von den Worten meiner Mutter erholt.

Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

ZEITmagazin: Was passierte dann?

Vargas Llosa: Sie nahm mich mit in ein Hotel, wo wir einen Herrn trafen, der dem von meinem Foto sehr wenig ähnelte. Er war ganz kahl und trug keine Uniform. Ich war völlig verwirrt. Er sagte: Lasst uns eine Rundfahrt durch die Stadt machen, und wir stiegen in sein blaues Auto. Doch anstatt in die Stadt zu fahren, fuhren wir hinaus aufs Land. Nach einer Weile sagte ich: Mama, werden sich die Großeltern nicht Sorgen machen? Da bekam ich zum ersten Mal die autoritäre Stimme meines Vaters zu hören, die zum Albtraum meiner Jugend werden sollte. Er sagte: Na und, ein Junge gehört zu seinen Eltern, oder? Von da an änderte sich alles – meine Mutter und ich begannen von einem Tag auf den anderen ein neues Leben in Lima, mit ihm.