José María Manzanares im Juli in Barcelona © David Ramos/Getty Images

Angst ist sein treuester Begleiter. Seit Tagen schon ist sie da, am schlimmsten aber war es in der letzten Nacht. Er wacht in schweißnassen Laken auf und hat ein Kilogramm Gewicht verloren. Der Bart wächst schneller an solchen Tagen, die Tränensäcke schwellen an, das Gesicht erscheint gealtert. Später dann, als im Eingang zur Arena gierig die letzten Zigaretten geraucht werden, will er nur noch flüchten. Vielleicht zu seiner Frau, die ein Kind erwartet, vielleicht in ein anderes Leben, in dem er Schriftsteller sein darf oder Flamenco-Sänger. Aber so ist es eben, so ist es jedes Mal.

José María Manzanares ist Stierkämpfer. Jetzt, nachdem der Kampf vorbei ist, liegt er, noch ungeduscht, in T-Shirt und kurzer Hose auf einem Hotelbett und erzählt vom Alltag seines Berufs. Die entblößten Beine erzählen ihre eigene Geschichte. Sie sind überzogen von den verschorften Wunden vergangener Kämpfe. Die Hörner eines Stiers können schreckliche Verletzungen in den Oberschenkel des Toreros reißen, eine durchtrennte Arterie hat schon viele das Leben gekostet. Unter größter Verachtung des Schmerzes hat auch Manzanares nach schweren Verwundungen schon oft weitergekämpft, bis das Ritual vollendet und der Stier getötet war. Daher rührt die Angst des Stierkämpfers. Manzanares erinnert sich an ein altes Wort von Juan Belmonte, des berühmtesten Matadors aller Zeiten: Wenn die Toreros ihre Verträge erst zwei Stunden vor einer Corrida unterschreiben müssten, dann gäbe es keinen Stierkampf mehr.

An den zierlichen Ballettschuhen klebt das frische Blut der toten Stiere

Tatsächlich bedroht ist die Tauromachie aber von der Politik. Im nächsten Jahr tritt in der spanischen Provinz Katalonien ein Stierkampfverbot in Kraft; gerade fand in Barcelona die letzte Corrida statt. Die Zunft hat ein akutes Legitimationsproblem.

Vor nicht einmal einer Stunde hat sich Manzanares wieder einmal überwunden. Er stand in der Arena, diesmal im römischen Amphitheater von Nîmes, und zelebrierte seine Kunst auf eine Weise, die das Publikum in den Himmel hob und dem Präsidenten die höchsten Auszeichnungen abrang. Den Tieren wurden jeweils beide Ohren und dem zweiten zudem der Schwanz abgeschnitten. Es war ein Triumph wie zuletzt in Madrid und davor in Sevilla, wo der Torero auch schon auf Händen aus der Arena getragen wurde. Noch ungewöhnlicher ist vielleicht, dass wir nun hier tatsächlich an seinem Bett sitzen. Einem Journalisten aus dem stierkampfkritischen Deutschland hat José María Manzanares bisher noch kein Interview gegeben.