Träume waren schon immer wichtig für mich. Als Jugendlicher war ich ein Außenseiter. Ich bin mit fünf eingeschult worden, war also immer etwas jünger als die anderen, außerdem war ich noch jahrelang für mein Alter relativ klein und schmächtig. Dass ich früh gespürt habe, dass ich schwul bin, hat alles nicht einfacher gemacht. Meine Tagträume gaben mir die Kraft, die Pubertät durchzustehen. Nach der Schule habe ich mich an meine Heimorgel gesetzt und mich mit der Musik aus der Welt geträumt.

Ich war 24, als AnNa R. und ich Rosenstolz gründeten. Fast zwei Jahrzehnte lang ging es nach oben, alles wurde größer, die Hallen, die Plattenverkäufe – und der Druck. Ich versuchte zu funktionieren, redete mir ein, dass ich das schaffe, obwohl ich schon damals unter Panikattacken und depressiven Stimmungen litt. Ich bin ständig über meine Grenzen gegangen und habe mich um alles gekümmert, ich kontrollierte sogar die Toiletten in den Hallen, in denen wir auftraten. Ich habe mich in die Arbeit geflüchtet.

Anfang 2009 haben mich die Begleiterscheinungen des Erfolgs krankgemacht. Ich habe auf der Bühne eine Panikattacke erlitten und mich danach wegen Burn-outs , das ich lieber chronische Erschöpfung nenne, zurückgezogen. Die Zeit nach dem Zusammenbruch war sehr schwierig für mich. Mehr als ein Jahr lang überfiel mich jeden Morgen das Gefühl: »Mein Leben ist beschissen.« Ich hatte keine Kraft mehr, habe nur noch geweint.

Inzwischen geht es mir besser, ich lerne, mit meinem Leben und meiner Arbeit anders umzugehen. Aber da ist immer noch eine tiefe Traurigkeit. Ich versuche, ihr anders zu begegnen, zu akzeptieren, dass sie ein Teil von mir ist. Manchmal gelingt mir das. In anderen Momenten sehne ich mich danach, wieder so perfekt funktionieren zu können wie früher. Aber das war und ist eine Illusion. Das hat mich mein Zusammenbruch gelehrt.

Die Angst ist noch nicht ganz verschwunden. Die Angst vor der Angst: davor, dass sich diese schreckliche Erfahrung wiederholen könnte. Die Vorstellung, mein Gesicht auf einem Konzertplakat zu sehen, mit einem Datum daneben, überfordert mich noch. Gleichzeitig vermisse ich die Auftritte. Trotz meines Lampenfiebers bin ich eine Rampensau, ich genieße es, auf der Bühne zu stehen. Ich träume also davon, dass die Angst kleiner wird und schließlich verschwindet. Dass ich irgendwann wieder mit Begeisterung auf der Bühne stehen kann. Statt endlose Tourneen zu machen, möchte ich lieber einige wenige, kleinere Konzerte geben. Ohne dabei den Kontakt zu mir selbst zu verlieren.

Seit meinem Zusammenbruch ist meine Wut verschwunden. Ich habe keine Ahnung, wieso. Vielleicht ist es im Moment einfach zu anstrengend, wütend zu sein, ich laufe eher auf Wohlfühltemperatur. Aber ich vermisse diese Wut sehr. Nicht weil ich mich gern echauffiere, sondern weil meine Wut immer ein Antrieb für mich war, beim Sport, bei der Arbeit. Sie hat mich vor vielem geschützt. Meine Wut konnte ich den Anforderungen, die auf mich einstürzten, entgegensetzen. Mit ihr erschien mir alles weniger bedrohlich. Ich wünsche mir also auch meine Wut zurück.

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