Wenn Manager in die Zukunft blicken wollen, müssen sie manchmal tief in die Vergangenheit eintauchen. So wie Bodo Hombach , einer der beiden Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe . Er sollte vor einiger Zeit eine Kiste mit persönlichen Aufzeichnungen von Erich Brost durchsehen, der das Essener Verlagshaus gemeinsam mit einem Partner kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet hatte. Hombach folgte dabei einer Bitte der Witwe Anneliese Brost.

Erich Brost starb bereits 1995, im September vor einem Jahr dann auch seine Frau. Eine Ära war zu Ende, wenn man so will: das 20. Jahrhundert in der WAZ-Gruppe. Seither bewegen sich Dinge, die vorher unverrückbar schienen, und nun könnte tatsächlich die Brost-Hälfte am zweitgrößten deutschen Pressehaus den Besitzer wechseln. Die Enkel wollen aussteigen.

Bis zum vergangenen Freitag sah es so aus, als würde ein altes Vorkaufsrecht greifen. Unter den Eigentümern der anderen Verlagshälfte, den Nachkommen des Mitgründers Jakob Funke, gibt es eine Familie, die zukaufen will: Petra und Günther Grotkamp. Sie haben den Brost-Erben ein Angebot unterbreitet und den Testamentsvollstrecker gebeten, die Sache zu prüfen. 470 Millionen Euro wollen sie zahlen, um Mehrheitsgesellschafter zu werden.

Doch dann entstand vor dem Wochenende helle Aufregung . Mathias Döpfner, der Vorstandschef des Axel Springer Verlags ( Bild, Welt ), hatte einen Brief geschickt, konkrete Summen genannt und angefragt, ob er den Essener Verlag nicht ganz oder zumindest in Teilen kaufen könne. Er bot auch mehr Geld: 1,4 Milliarden Euro für alles zusammen.

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: Die Funke-Seite lehnte vehement ab, und auch WAZ-Geschäftsführer Christian Nienhaus war nicht amüsiert. »Ich habe schon überlegt, ob ich jetzt einen Brief an Friede Springer schreiben soll, ob wir das Hamburger Abendblatt, die Hörzu und die B.Z. kaufen können, weil sie bei Springer damit wenig anfangen können – und so ein Angebot jetzt offenbar Stil des Hauses ist.« Nienhaus weiter: »Ungefragt auf die Vermögenswerte anderer Firmen zu bieten ist eigentlich die Manier von Finanzhaien.«

Erstaunlich ruhig blieb es in der übrigen Medienszene. Dass hier der größte Zeitungsverlag den zweitgrößten übernehmen wollte, regte irgendwie keinen auf. Dabei hätte die Übernahme, käme es dazu, historische Dimensionen. Springer Verlag und WAZ-Gruppe ( Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung, Westfalenpost ) bildeten über Jahrzehnte hinweg natürliche Antipoden: hier die stramm Konservativen aus Berlin, dort die nach britischem Vorbild nüchternen Berichterstatter aus dem Ruhrgebiet, hier die Welt-Deuter, dort die bodenständigen Regionaljournalisten. Die Springer-Presse pflegte ihre Nähe zur CDU, die anderen fühlten sich in der sozialdemokratischen Hochburg an der Ruhr zu Hause.

Aber, das war im 20. Jahrhundert.

Heute sind die ideologischen Gegensätze abgeschliffen, und vor allem das Kartellrecht würde gegen eine Übernahme stehen. Döpfner erwähnt es selbst.

Dabei hätte Springer den Zeitungsmachern aus Essen unternehmerisch einiges zu bieten. Wie kein zweiter deutscher Verlag hat das Unternehmen den pressenahen Onlinemarkt erschlossen. Zu Springer gehört unter anderem Immonet, ein großes Onlineportal für Wohnungsanzeigen, die Jobbörse Stepstone, ein Preisvergleichsportal (Idealo) und eine junge Firma namens Kaufda, die Prospekte großer Einzelhändler übers Handy oder im Internet verbreitet. Die Wachstumsraten sind bemerkenswert.

Das sind Geschäfte fürs 21. Jahrhundert.