Schwarz gekleidete Frauen drängen sich am Tag danach im Flur des koptischen Krankenhauses in der Ramses-Straße in Kairo. Manche schlagen sich aus Trauer und Verzweiflung selbst ins Gesicht, schreien und schimpfen. Umm Emad hingegen sitzt zusammengesunken auf dem Boden. Einen Sohn hat sie in der Nacht zum Montag verloren. Er ist einer von 26 Toten , die die neue Welle der Gewalt gegen Christen in Ägypten gefordert hat. »Wir Christen sind immer die Opfer. Die radikalen Muslime und die Regierung haben es auf uns abgesehen. Sie sind einer wie der andere, es gibt keinen Unterschied zwischen ihnen«, sagt Umm Emad und verbirgt ihr Gesicht in ihren runzeligen Händen.

Gibt es wirklich keinen Unterschied zwischen muslimischen Fanatikern und einer muslimischen Mehrheitsgesellschaft, die neunzig Prozent der Bevölkerung ausmacht? Das Verhältnis zwischen den Religionen war schon immer Ägyptens wunder Punkt. Es braucht nicht viel, und Kirchen brennen, Geschäfte werden geplündert. Da viele Muslime Angst haben, dass Christen durch illegale Kirchen versuchen, muslimische Jugendliche auf Abwege zu führen, finden sich schnell empörte Bürger. Viele Ägypter sehen in dem jetzt neu entflammten Hass gegen die Christen ein Erbe der Diktatur. Nicht nur, weil sie überzeugt sind, dass Vertreter des alten Regimes die Schlägerbanden schicken. Die Förderung des Hasses geht viel tiefer. Hosni Mubarak stellte sich selbst gern als Garant des Religionsfriedens dar, und viele Kopten hielten Mubarak die Treue, weil sie ihn als Bollwerk gegen den radikalen Islam sahen. Zugleich spielte die Regierung Mubarak mit den religiösen Gefühlen der Menschen und hinderte sie nicht, aufeinander loszugehen. Manchmal soll der Geheimdienst sogar direkt provoziert haben.

Zur Schau gestellte Frömmigkeit war lange Zeit geschäftsfördernd

Bis heute ungeklärt ist, wer genau hinter dem Bombenanschlag auf die Kirche von Alexandria in der Silvesternacht 2010/11 steckte. Auch die staatliche Diskriminierung der Christen, die dafür sorgt, dass es ihnen quasi unmöglich ist, legal Kirchen zu bauen, und dass Straftäter gegen Christen zumeist ungestraft davonkommen, sehen viele als Ermutigung an radikale Muslime.

Zur Religionsstrategie des Systems Mubarak gehörte es auch, den Salafismus zu fördern, diese texttreue und intolerante Spielart des Islams. Die Salafisten waren der Regierung genehm, weil sie sich auf die richtige Glaubenspraxis und auf Bekleidungsvorschriften sowie die Rolle der Frau konzentrieren, politisches Engagement jedoch als Teufelszeug ablehnen. Mubarak sah in den salafistischen Predigern ein Gegengewicht zur politischen Opposition der Muslimbruderschaft, und er gewährte ihnen Lizenzen für ultrareligiöse Sender. Nur ab und zu wurden Salafistenführer verhaftet, damit sie nicht zu übermütig wurden und damit Mubarak sich dem Ausland als verlässlicher Kämpfer gegen den Islamismus präsentieren konnte.

Zugleich kaperte das System Mubarak zunehmend die Religion . Kandidaten der Regierungspartei scheuten im Wahlkampf nicht davor zurück, gegen christliche Konkurrenten zu hetzen und sie und ihre Wähler als Ungläubige zu diffamieren. Demonstrativ zur Schau gestellte Frömmigkeit bis hinein in die Mittel- und Oberschicht war ein Markenzeichen der letzten Jahre unter Mubarak. So schlossen Schnellrestaurants zu den Gebetszeiten, nicht etwa, weil ihre Besitzer zur Muslimbruderschaft gehörten, sondern weil hier regimenahe Geschäftsleute zeigen wollten, dass sie frommer waren als die Opposition. »Die Gesellschaft tut so wahnsinnig religiös. Aber das ist nur Show. Um sich selbst zu beweisen, was für gute Muslime sie sind, machen sie anderen Vorschriften, wie sie zu beten haben und was sie anziehen sollen«, erzählt die junge Kairoer Verkäuferin Rana al Ahmar und erklärt damit, wieso sie im vergangenen Herbst beschlossen hat, nicht mehr mitzumachen. Sie nahm das Kopftuch ab. »Das hat nichts mit meinem Verhältnis zu Gott zu tun. Ich bete weiterhin. Ich mache das aber für mich und nicht, um bei diesem Gesellschaftstheater mitzuspielen.«

Dann kam die Revolution, und sie war auch in religiöser Hinsicht für viele Ägypter ein Schlüsselerlebnis. Freitags bildeten die Christen eine Kette um die muslimischen Revolutionäre, damit sie nicht angegriffen werden konnten, während sie sich gen Mekka verneigten. Sonntags standen Muslime während der Messe bei den Christen. »Da kann man einmal sehen, was hier in Ägypten möglich ist, wenn die Regierung ihre Finger nicht im Spiel hat«, sagte damals Mandy Harb, eine 22-jährige Demonstrantin mit rosa Kopftuch. Ein mit dem Halbmond verschlungenes Kreuz wurde zum Symbol der Revolution. Dies ist das Ideal, nach dem sich viele Ägypter sehnen: eine Religion, befreitvon den Zwängen der Diktatur.

In den 18 Tagen im Frühling 2011 auf dem Tahrir-Platz veränderte sich Ägypten und auch seine Religiosität. Die Revolution brachte die Menschen nicht vom Glauben ab, im Gegenteil. Allerdings verschoben sich die Prioritäten: Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie rückten ins Zentrum. Dennoch gehörte das gemeinsame Gebet für viele zu ihren schönsten Tahrir-Erlebnissen – und das erzählen heute nicht nur Demonstranten aus dem islamischen Lager. Auch Liberale und Linke berichten davon. »Wir sind nun einmal ein religiöses Volk, das hat aber mit unseren politischen Überzeugungen wenig zu tun«, sagt der Aktivist Aid Beschir. Tatsächlich wird die Religion immer mehr zu einer Privatangelegenheit des Bürgers, der sich zwar weiter über Religion definiert, aber vor allem Ägypter ist.