Neulich erst habe wieder einer angerufen, sagt Johannes von Dohnanyi. Einer, der länger geschwiegen habe als andere. Einer, der erst jetzt die Kraft gefunden habe, zu erzählen, was geschah, damals, als er ein Junge war und Internatsschüler auf der Odenwaldschule. Immer wieder riefen neue Opfer an, es höre nicht auf, sagt Dohnanyi und beginnt zu schimpfen. Darüber, dass wahrscheinlich mehr als 400 Schüler missbraucht worden sind und bis heute keine Entschädigung gesehen haben.

»Selbst die katholische Kirche ist bei der Aufarbeitung ihrer Missbrauchsfälle mutiger als wir«, sagt Dohnanyi, der selbst Odenwaldschüler war und bis 2010 dem Trägerverein der Schule angehörte. Die Katholiken haben angekündigt, jedem Missbrauchsopfer zwischen 5000 und 10.000 Euro zu zahlen. Die Odenwaldschule hat bislang nicht mehr als rund 55.000 Euro für alle Opfer bereitgestellt.

Die Missbrauchsgeschichte der Odenwaldschule lässt auch den anderen Internaten und ihrem Dachverband, der Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime (LEH), keine Ruhe. Bisher waren 21 reformpädagogisch orientierte Internatsschulen in der LEH vereinigt. Man wollte mit einer Stimme sprechen, suchte in der Einheit Schutz vor Angriffen und Vorwürfen.

Nun bröckelt das Vereinsheim gewaltig. Vor wenigen Tagen ist die traditionsreiche Internatsschule Schloss Salem am Bodensee aus der LEH ausgetreten. »Das Herumgedruckse bei der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle, der fehlende Wille, die Reformpädagogik wirklich auch selbst kritisch zu hinterfragen, davon wollen wir uns frei machen«, sagt Schulvorstand Robert Leicht, der für die ZEIT als Politischer Korrespondent tätig ist. Im Austrittsbrief an die LEH heißt es, der Umgang der Odenwaldschule mit ihrer Vergangenheit werde zunehmend als »Belastung für die Mitgliedschaft« empfunden. Auch andere namhafte Schulen wie der Birklehof im Schwarzwald haben über einen Austritt nachgedacht oder den Ausschluss der Odenwaldschule aus der Vereinigung gefordert.

So weit ließ es die Odenwaldschule nicht kommen – nach Salem verabschiedete sie sich nun ebenfalls aus den Reihen der LEH. »Wir wollen uns ganz auf die Erneuerung der Schule konzentrieren«, sagt Schulleiterin Katrin Höhmann. In einem Schreiben des Trägervereins heißt es, die Odenwaldschule sei das einzige Internat innerhalb der LEH, das sich »offen und kritisch« seiner Vergangenheit stelle. Von den anderen Mitgliedsschulen habe man sich »mehr Solidarität« erhofft.

Mit den beiden Austritten gerät die LEH in Erklärungsnöte. Längst steht sie selbst in der Kritik, zu lasch mit der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit umzugehen. Noch bis 1999 war Gerold Becker, der Hauptschuldige im Missbrauchsskandal der Odenwaldschule, Vorsitzender der LEH-Vereinigung. Der langjährige Rektor der Odenwaldschule verstarb 2010, ohne jemals für seine Taten zur Verantwortung gezogen worden zu sein.

Wie groß der Imageschaden tatsächlich ist, will keiner zugeben

Die Vorwürfe, dass zu wenig in Sachen Aufarbeitung getan werde, will die LEH so nicht stehen lassen. »Wir hatten das Thema seither bei jedem Leitertreffen auf der Tagesordnung«, sagt Erika Risse, die Vorsitzende. Auch bei einer zweitägigen Konferenz im Juni in Bad Boll am Fuße der Schwäbischen Alb habe man die »Sexuelle Gewalt an Schulen« thematisiert. Das Internat Salem sei bei dieser Debatte gar nicht vertreten gewesen.

Was sich an den einzelnen Schulen nun aber konkret verändert hat, wie gut man die Schüler gegen sexuelle Übergriffe schützt, darüber hört man auch anderthalb Jahre nach dem Missbrauchskandal wenig.

Früher sei die LEH eine progressive Institution gewesen. Mit viel Raum für Diskussion, für kritische Gespräche, erzählen damalige Mitglieder. Heute sei sie ein loser Verbund, der ab und zu Werbeanzeigen schalte, um neue Schüler anzulocken. Was die Odenwaldschule betreffe, so habe der Verband im vergangenen Jahr kaum Neuzugänge vermitteln können, bemängelt die Schulleitung, ohne zuzugeben, wie groß der Imageschaden tatsächlich ist, den die Missbrauchsfälle ausgelöst haben.

Den LEH-Mitgliedsbeitrag von etwa 50.000 Euro pro Jahr will die Odenwaldschule nun in die Entschädigung der Opfer investieren. Die von der Schulleitung ins Leben gerufene Stiftung »Brücken bauen« soll zusätzlich Geld einwerben, hat bei den Betroffenen selbst aber keinen guten Ruf. Ein »Tarnkappenverein«, sagt Adrian Koerfer vom Betroffenenverband »Glasbrechen«. Die Stiftung sei für die Opfer bislang kaum erreichbar gewesen. Auch die Schulleitung der Odenwaldschule hat laut Koerfer den Kontakt zu den Opfern noch nicht gesucht. »Wir wollen nicht mehr darum bitten, dass jemand mit uns spricht«, sagt Koerfer. »Wir wollen nicht mehr betteln.«

Ob sich die Vereinigung der Landerziehungsheime nach dem Austritt der Odenwaldschule nun neu ausrichten wird, wird zunächst eine Klausurtagung Ende Oktober in Bozen zeigen. Zwei der bekanntesten Mitgliedsschulen sind dann nicht mehr dabei. »Ich bin der Meinung, dass die LEH auch weiterhin lebensfähig und sinnvoll sein kann«, sagt Birklehof-Schulleiter Christof Laumont. Es möge aber Stimmen geben, die das nicht so sähen. Wenn es schlecht läuft für Risse, werden weitere der verbleibenden 19 Internate austreten, und die Vereinigung steht möglicherweise vor dem Aus.

Die Zahl der Opfer, die ihr Schweigen brechen, steigt unterdessen beständig weiter.